Andreas Jungwirth: Auf die Natur kann man nicht böse sein (HR 2 Kultur/MDR Kultur)

Die Opfer des Krieges

25.11.2019 •

Ein Bundeswehrsoldat kehrt aus dem Auslandseinsatz zurück und stürzt kurze Zeit später in Anwesenheit von vier Jugendlichen vom Dach eines Hochhauses in den Tod. Wie ist es dazu gekommen? Das ist die Ausgangsfrage in Andreas Jungwirths Hörspiel „Auf die Natur kann man nicht böse sein“. Mit der Beantwortung dieser Frage ist im weiteren Verlauf des Stücks Ina Weber beschäftigt (gesprochen von Inka Löwendorf). Sie ist die Ex-Freundin des gestorbenen Bundeswehrsoldaten Robert. Ina tritt als ‘Ermittlerin’ auf und trifft die Jugendlichen zu Einzelgesprächen. In dieser Rahmung werden Stück für Stück in rückblickenden Szenen die Ereignisse aufgedeckt, die zu dem tödlichen Sturz geführt haben.

Der Titel des von HR und MDR koproduzierten Hörspiels nimmt nicht unmittelbar Bezug auf den im Zentrum des Stücks stehenden Todesfall. Vielmehr erklärt sich der Titel an anderer Stelle in einem Nebenstrang des Hörspiels. In der Skizzierung einer beginnenden Jugendfreundschaft wird hier das Verhältnis von Seyda (Lucie Thiede) und dem Hauswartsohn Andi (Matti Schmidt-Schaller) dargestellt. Die beiden gehören zu den vier Jugendlichen, die später in der Geschichte Zeugen von Roberts Sturz werden und auch in dem besagten Hochhaus wohnen. Bereits kurz nach dem Kennenlernen vertraut sich die aus dem Libanon stammende Seyda, deren Bruder vor ihrer Geburt ums Leben gekommen ist, Andi mit einer persönlichen Offenbarung an: Hätte ein Erdbeben, also ein Naturereignis, ihren Bruder getötet, dann fiele es ihren Eltern nicht so schwer, dessen Tod zu akzeptieren. Denn schließlich könne man auf die Natur nicht böse sein. Aber Seydas Bruder ist bei einem Bombenattentat im Libanon ums Leben gekommen. Und so begleitet der unbewältigte Verlust ihre Familie durch den Alltag.

Neben Seyda und Andi wohnen in dem Gebäude auch der 14-jährige Paul (Vincent Redetzki), bei dem es sich um Roberts Bruder handelt, und Robert (Daniel Lommatzsch) selbst. Zum Figuren-Ensemble gehört außerdem der in einer Villengegend lebende Fabian (Max Hegewald). Bei dessen Eltern arbeitet die Mutter von Robert und Paul als Haushaltshilfe und ihr Vater ist bei Fabians Eltern als Chauffeur beschäftigt.

Das Figurendreieck aus Robert, Fabian und Paul liefert den Hauptdreh für die thrillerartige Dynamik des knapp einstündigen Hörspiels. Robert, der vor seiner Rückkehr aus dem namenlos bleibenden Kriegsgebiet dort das Haus einer fünfköpfigen Familie bombardiert hat, lebt nun in seiner verbarrikadierten Wohnung und lässt sich vom kleinen Bruder Essen und saubere Wäsche vor die Tür stellen. Fabian hat als einziger Zugang zu Roberts Wohnung, wenn auch nur mit Zigaretten- und Schnapslieferungen als Zoll.

Fabian wird als Gast in den vier Wänden des ausgebildeten Soldaten vorwiegend mit Psycho­terror bedacht und auf dessen Wahnvorstellung eines bevorstehenden Krieges vor der eigenen Haustür eingeschworen, für den es sich zu rüsten gelte. Als Robert von Fabian eine Waffe aus dem Schrank von dessen Vater verlangt, bekommt Paul das Gespräch vom Hausflur aus mit. Er bietet Fabian an, von dessen Eltern den Schlüssel zum Waffenschrank zu organisieren, will dafür aber mit zu Robert in die Wohnung.

Über den unangekündigten Besuch seines Bruders freut sich Robert am nächsten Tag dann allerdings überhaupt nicht, zumal kurz darauf auch Seyda und Andi noch bei ihm klingeln. In Unkenntnis der heiklen Lage will das unbeschwerte Zweiergespann nämlich die Wette vorantreiben, wer es schafft, in den meisten Wohneinheiten des Hochhauses ein Foto von sich zu machen. Kurzerhand nimmt der nunmehr bewaffnete Robert alle vier als Geiseln. Über Andis nachgemachten Schlüssel gelangen alle auf das Hochhausdach, wo es zu einer chaotischen Situation kommt, deren tragischer Ausgang bekannt ist.

Sehr spannend und nachvollziehbar gestaltet ist die Strukturierung des Stücks, die durch die Ermittlungen von Ina geprägt wird. Ina ist sozusagen die Tempogeberin dieses analytischen Dramas. Auch wenn ihre Figur wenig Identifikationspotenzial bietet, wird die Auflösung des Todesfalls doch durch ihre Perspektive vermittelt. Ein wirkungsreicher Kontrast in der Geschichte selbst wird durch die Gegenüberstellung von Figurenkonstellationen erreicht: Auf der einen Seite das von Freundschaft und eventuell einer beginnende Liebe geprägte Duo aus Seyda und Andi, auf der anderen das auf Mobbing, Drill und Machtspielchen beschränkte Trio aus Robert, Fabian und Paul.

In der Kurzbiografie zu dem bereits mehrfach als Autor von Hörspielen und Theatertexten in Erscheinung getretenen Andreas Jungwirth, die den Informationen zum Stück angefügt ist, steht zu lesen, er schreibe in letzter Zeit auch Jugendliteratur. Das merkt man seinem neuen Hörspiel auch an. Aber nicht im negativen Sinn, sondern ganz im Gegenteil. Bei aller Rohheit hat das Stück „Auf die Natur kann man nicht böse sein“ einen leisen und behutsamen Grundton – eine Basis, auf der die Entwicklung des Dramas richtig wuchern kann. Regisseur Steffen Moratz hat hier überzeugend ein vielschichtiges Stück inszeniert, das sich nicht zuletzt auf differenzierte Weise mit den unterschiedlichen Opfern auseinandersetzt, die ein Krieg erzeugt.

25.11.2019 – Rafik Will/MK