Andreas Ammer/FM Einheit: Crashing Aeroplanes (WDR 3)

Formal versachlichte Todesnähe

22.06.2001 •

Die Flugmaschine, Spezies leichter als Luft, ist bereits; die Spezies schwerer als Luft wird demnächst hundert Jahre alt. Eine passende Gelegenheit für die Europäische Rundfunk-Union (EBU), als Gemeinschaftsprojekt ein Hörstück über die entsetzliche Kehrseite des Fliegens in Auftrag zu geben: das Abstürzen. Es geht bei diesem Stück des Duos Andreas Ammer/FM Einheit um die tondramaturgische Verarbeitung von O-Tönen aus den Cockpits während der letzten Sekunden vor dem Absturz. „Crashing Aeroplanes“ ist als eine Art modernes Oratorium konzipiert, in etwa vergleichbar mit ihrem preisgekrönten Stück „Apokalypse live“ (BR; vgl. FK-Kritik).

Die wortakustischen Asservate von Abstürzen sind mittlerweile nicht mehr rar. Was ansonsten intern der Rekonstruktion der Entscheidungen im Cockpit dient, parallel zu den mit aufgezeichneten technischen Messwerten, wurde hier als Sprachdokumente von Ausnahmesituationen in Todesnähe verarbeitet, verfremdet durch die Mentalität und den Jargon derjenigen, die immerhin bis zuletzt in technischen Lösungsmöglichkeiten denken. Konkret waren es Musik-Dramatisierungen von vier Abstürzen der vergangenen Jahre.

Als Exposition diente allerdings ein Katastrophen-O-Ton von außerhalb einer Flugmaschine, jener Live-Bericht eines US-Radioreporters vom Mai 1937, als das Luftschiff „Hindenburg“ die Liniensaison 1937 eröffnete und über den Wiesen von Lakehurst, wo Presse und Radio präsent waren, in wenig mehr als einer halben Minute verbrannte. Was bei diesem extrem expressionistischen Tondokument lange Zeit als Indiz überdrehter Betroffenheit verstanden wurde, stellt sich in immer weiteren Fällen als normale Reaktion in den Cockpits heraus: Die Piloten wechseln in der Not sogar aus dem Flieger-Englisch in ihre Muttersprache, das wurde in dem Stück nicht erst beim El-Al-Absturz über Amsterdam vernehmbar.

Voice-Recorder-Aufnahmen sind keine tontechnischen Glanzstücke. Weil sie aber Sprache so kunstlos aufbewahren, Stimmungen so unprätenziös festhalten, verführen sie auch zum Überdramatisieren gerade auch der technisch unzulänglichen Form. Ammer und Einheit haben dieser Verführung widerstanden, indem sie eine teilweise textliche Wiederholung des Gesprochenen einsetzten, Situationen auf Deutsch in einer möglichst sachlichen Tonlage konstatieren ließen, und den musikalischen Part des Stückes, der teilweise wie unabhängig vom Geschehen daherkam, als stimmungsmäßigen Kontrapunkt zum vorgestellten Geschehen einsetzten. Das stand dann auch in krassem Gegensatz zum Soundtrack einschlägiger Flugzeug-Katastrophenfilme.

Die Musikpartitur, die wie eine am Textgeschehen unbeteiligte zweite Ebene installiert ist, ist eines der Merkmale der Musikhörspiele überhaupt von Ammer/Einheit. Dass die beiden Autoren die formale Versachlichung, den lakonischen Sprach- und Musikduktus in diesem Stück lange Zeit weit trieben und manchmal sehr weit, ist nachvollziehbar, weil es einen Versuch darstellt, Ausgeliefertsein an versagende Hochtechnik im Stilkonsens mit dem beginnenden 21. Jahrhundert vorzustellen. Neben der puren Ton-Faktenlage (aus den Passagierkabinen sind keine Sprachäußerungen konserviert) wirkte sich die Abneigung gegen pathetische Entwürfe, gegen gefühlshaftes Melos aus, wohl auch die Furcht, bei einer stärker melodramatischen Realisierung möglicherweise schnell selbst ins Trudeln zu geraten. Hart an diesem Rand bewegte sich aber schließlich das ostinat vorgetragene „es werden Menschen vom Himmel regnen“ im Zusammenhang mit dem PanAm-Absturz über Lockerbie, schließlich das lateinische Schluss-Statement.

Ein Ewigkeitswerk? Es ist im Stil eines lakonischen Pop-Poems gestaltet, das seine Brüche hat und seine Halbwertzeit irgendwann haben wird. Es war spannend anzuhören und man ertappte sich am Schluss dabei, dass man aufgewühlt war.

• Text aus Heft Nr. 25/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.06.2001 – Waldemar Schmid/FK