Am Firmament des eigenen Schädelrunds: Die Preisverleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2015

15.05.2015 •

 Mit welchem Buchstaben sich ihre Gefühle angesichts des Hörspielpreises der Kriegsblinden am besten beschreiben ließen, wollte Moderatorin Ute Soldierer von Katharina Bihler, der einen Hälfte des Liquid Penguin Ensembles, wissen. Die antwortete mit einem freudigen „Iiieeh“ – was ja eigentlich kein Buchstabe, sondern ein Laut ist. Doch das komplizierte Verhältnis von Lauten zu Buchstaben ist ja auch das Thema des mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichneten Stücks „Ickelsamers Alphabet. Dictionarium der zierlichen Wörter“, einer Autorenproduktion für den Saarländischen Rundfunk (SR) und Deutschlandradio Kultur.

Am 12. Mai wurde der Preis zum 64. Mal verliehen, zum ersten Mal beim Deutschlandfunk in Köln. Weil sich weder der Intendant des Senders noch dessen Programmdirektor beim immer noch wichtigsten deutschen Hörspielpreis sehen ließen, übernahm es der seit März 2015 amtierende Hauptabteilungsleiter Kultur des Deutschlandfunks, Matthias Gierth, auf die Bedeutung der Auszeichnung zu verweisen.

Alle Radiomacher lernen vom Hörspiel

Die Liste der Preisträger könne man „als Kompass durch eine weitgefächerte und vielfältige Hörspiellandschaft benutzen“, so Gierth, der die akustische Kunstform würdigte, „ohne deren Formexperimente und intensive Klang- und Ausdrucksrecherchen kaum eine Sendung existierte“. Vom Hörspiel hätten alle Radiomacher gelernt, selbst wenn ihnen das nicht bewusst sei. Gierth weiter: „In einer informationsgetriebenen Zeit, die vor lauter News- und Live-Tickern den Überblick zu verlieren droht, kann ein Blick auf die Strategien und Methoden des Hörspiels, mit Komplexität umzugehen, letztlich nur inspirierend sein. Ohne das Hörspiel – verstanden als Labor akustischer und erzählerischer Möglichkeiten unseres Mediums – ist auch der Deutschlandfunk nicht zu denken.“

Obwohl man sich in diesem Jahr von der „And-the-winner-is“-Dramaturgie verabschiedet und das Preisträgerstück schon eine Woche vor der Verleihung bekannt gegeben hatte, wurden auf der Kölner Veranstaltung die Stücke aller drei Finalisten (vgl. hierzu MK 9/15) ausführlich gewürdigt. Ausschnitte wurden vorgespielt, die drei Jury-Begründungen von der Vorsitzenden Anna Dünnebier verlesen und die Macher von Moderatorin Ute Soldierer klug befragt.

Der Journalist Peter F. Müller, dessen dokumentarisches Drei-Stunden-Hörspiel „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ (Koautoren: Michael Mueller und Leonhard Koppelmann, auch Regie) für den WDR entstanden war, verwies darauf, dass aufwendige Recherchen und Vorarbeiten wie für das Barbie-Projekt nur noch in Zusammenarbeit mit dem Fernsehen zu realisieren seien. Aus dem gesammelten Material entstehe gerade auch ein Dokumentarfilm.

Dass die Art und Weise, wie er seinen Lebensabend verbringen werde, sich wesentlich von der unterscheiden werde, wie seine Eltern ihren Lebens­abend verbringen, befürchtet Hermann Bohlen mit guten Gründen. Deshalb handelt sein WDR-Hörspiel „Lebensabend in Übersee – Sha Ji Jing Hou (Ein Huhn schlachten um die Affen einzuschüchtern)“ von der schleichenden Abschaffung der Alten unter dem Diktat der Ökonomisierung aller Lebensbereiche.

Ickelsamers „Teütsche Grammatica“

Katharina Bihler und Stefan Scheib vom Liquid Penguin Ensemble berichteten von der Entstehungsgeschichte ihres Hörspiels „Ickelsamers Alphabet“, das sich einer Recherche im Grimmschen Wörterbuch zu einem ganz anderen Thema verdanke – aber dabei sei immer wieder dieser Valentinus Ickelsamer aufgetaucht. Dem Hörspiel vorausgegangen war eine musiktheatralische Live-Performance im Jahr 2013 anlässlich des 479. Jahrestages der Veröffentlichung von Ickelsamers Werk „Teütsche Grammatica“.

In ihrer Dankesrede benannte Katharina Bihler den Ausgangspunkt ihres Hörspielschaffens, nämlich „das schwebende Mysterium der Töne“, das von jenen körperlosen Stimmen und ortlosen Arien heraufbeschworen werde, die erstmals am 28. März 1914 von der belgischen Experimentierwerkstatt für Funktelegrafie auf dem königlichen Schlossgelände in Laeken bei Brüssel in den Äther geschickt worden seien. Beim ersten europäischen Radiokonzert sei „eine Perle Gesangs aus den Kopfhörermuscheln zwischen die Ohren der gespannt lauschenden Radioamateure gekullert“, so Bihler. Das sei heute nicht anders, denn „in der Abwesenheit von den konkreten Schallquellen, von Sprechern, von Schauspielerinnen, von Musikern und Gegenständen, die Geräusche verursachen“, vernehme man eine Welt, „die am Firmament des eigenen Schädelrunds aufgeht“. Jedenfalls in den Stücken des Liquid Penguin Ensembles.

15.05.2015 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren