Alice Zeniter: Wenn die Welle kommt (SR 2 Kulturradio / Deutschlandfunk Kultur)

Wer darf überleben?

30.04.2020 •

Das Publikum der Live-Performance des Hörspiels „Wenn die Welle kommt“ bei den „Primeurs 2019“, dem 13. Festival der frankophonen Gegenwartsdramatik in der Alten Feuerwache in Saarbrücken im November vorigen Jahres, hat das Stück vor einem völlig anderen Zeithintergrund rezipiert als nun der Radiohörer im April 2020 in Zeiten der Corona-Pandemie. Die 1986 geborene französische Roman- und Theaterautorin Alice Zeniter imaginiert in dem 50-minütigen, auf ihrem gleichnamigen Theaterstück basierendem Hörspiel „Wenn die Welle kommt“ (Übersetzung aus dem Französischen: Frank Weigand) apokalyptische Phantasien, die von historischen und potenziell-virulenten Tsunami-Katastrophen inspiriert sind, das Ganze vor dem Hintergrund des derzeitigen gefahrvollen Klimawandels.

Die Autorin fingiert mit Letizia und Mateo ein junges Paar, das vor den Zivilisationsschäden auf eine unbenannte Insel „600 Kilometer südlich vom Montblanc“ geflohen ist, um in einer geerbten Schäferhütte auf einem Bergplateau zu sich selbst zu finden und sich täglich seiner Liebe zu vergewissern. Von einem Berggipfel schauen sie auf das Meer und sinnieren: Was wäre, „wenn die Welle kommt“, wenn aus den plätschernden Meereswogen ein Tsunami entstünde, der die Insel überfluten und die meisten Bewohner in den Tod reißen würde?

Diese Vorstellung transferieren sie in ein perfides Gedankenspiel. Sie bestimmen – häufig kontrovers –, wer von ihren Bekannten, Freunden und Verwandten auf der Insel und auf dem Kontinent das Recht erhalten solle, um auf dem sicheren Bergplateau zu überleben – eine grausame Variante der biblischen Arche-Noah-Geschichte, wobei man zur Zeit sogleich an die Ärzte denken muss, die entscheiden müssen, welche am Coronavirus Schwererkrankten behandelt werden können und welche nicht mehr.

Mateo zitiert seinen Vater, außerdem seinen ehemaligen Pizzeria-Chef, eine Immobilienmaklerin und weitere Personen, an die er negative Erinnerungen hat, vor seinen imaginären Richterstuhl („Ich und der Planet rechnen mit den Menschen ab“), begleitet von einem Stimmengeraspel über verschiedene Aspekte von Klimakatastrophen. Letizia beschwichtigt den radikal auftrumpfenden Mann und ihr kommen Zweifel an ihrer Liebe zu ihm.

Der Schluss dieses vom Saarländischen Rundfunk (SR) in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur produzierten Hörspiels ist so offen, wie der Text sperrig ist: Alptraumszenarien, realistische Dialogszenen, Phantasien und Tatsacheninformationen („Plastik im Meer, eine Fläche so groß wie ein Kontinent“) hat Regisseurin Anouschka Trocker zu einer hörenswerten akustischen Melange geformt und auch Marina Frenk und Florian Steffens in den Sprecher-Hauptrollen facettieren die Gefühle und die Sprache entsprechend. Ein anthropomorphes Mufflon (Friedhelm Ptok) hält ein Plädoyer für die Solidarität der Arten und einen globalen Humanismus.

30.04.2020 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 18/2020

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