Alfred Andersch: Radfahrer sucht Wohnung (SDR 2)

Lustspiel mit Charme

18.01.1978 •

Als fünfte Ursendung in diesem Monat präsentierte der Süddeutsche Rundfunk (SDR) die von Hans Dieter Schwarze handwerklich sauber inszenierte Hörspielkomödie „Radfahrer sucht Wohnung“, wobei Alfred Andersch einmal mehr seine literarische Doppel- und Mehrbödigkeit unter Beweis stellte. Der Einfall, Bertoluccis „L’ultimo tango a Parigi“ als Leitmotiv für das Zusammentreffen des ungleichen Paares figurieren zu lassen (er: radfahrender Spieler, der an Treue glaubt – sie: nicht Sufragette, sondern liebenswert emanzipiert mit progressivem Engagement), zeugt von souveräner Handhabung der medialen Möglichkeiten im Hörspiel.

Die filmische Fiktion wird im Plot des 25-minütigen Hörspiels als Realität eingeholt. Silvia könnte hier die Rolle Marlon Brandos übernommen haben, ihr Charme, ihr Esprit machen sie jedoch unverwechselbar. Der knöcherne Computerfachmann – die Regie überzeichnete diesen Akzent dankenswerterweise nicht – flieht das filmische Zitat („Ich gehe nie ins Kino“), ihn überrollt aber gleichzeitig sein eigener Moralkodex, der von Sequenz zu Sequenz in spielerischer Eleganz ad absurdum geführt wird.

In einer Ebene, die losgelöst von der vorgeführten Verschränkung des optischen mit dem akustischen Medium zu sehen ist, desavouiert Andersch den männlichen Treuebegriff als Synonym für den latent despotischen Besitzanspruch des traditionellen Patriarchats. Verbunden mit dieser Kritik am herrschenden Rollenverständnis des Mannes ist der Sieg weiblicher Psyche inszeniert, der auch deshalb widerspruchslos zu goutieren ist, weil ihm die Verbiestertheit der „Emma“ ebenso fehlt wie der gestreckte Zeigefinger der „Courage“. Der Dialog verweist auf noch nicht Erreichtes in der bürgerlichen Gesellschaft, markiert das Mögliche im zwischenmenschlichen Bereich, ohne Uneingelöstes vergessen zu machen.

Alles in allem ein Kammerhörspiel, getragen von Charme und Witz, ein Lustspiel, das in bester Lessingscher Tradition nicht verlacht, sondern nachsichtig belächelt. „Leere Wohnungen haben es in sich.“ Gewiss. Nur: Andersch versteht, sie zu beleben.

18.01.1978 – Christian Hörburger/FK

 

• Text aus Heft Nr. 3/1978 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.01.1978

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