Alexandra Müller/Tina Saum/Claudia Weber/Katrin Zipse: Karma, Küche, Bad – Stuttgart, Olgastraße 7c. 9-teilige Hörspielserie (SWR 2)

Gut gemeint

21.12.2019 •

Die einzelnen Folgen der Serie hatten diesen Titel: Folge 1: „Utopia“, 2: „Geldprobleme“, 3: „Mehr Miete“, 4: „Es reicht nicht“, 5: „Mehr, Mehr, Mehr“, 6: „Ich hau ab“, 7: „Schicksalsgemeinschaft“, 8: „Zahltag“ und 9: „The Walking Dead“

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Nach langer Enthaltsamkeit hat sich der Südwestrundfunk (SWR) nun wieder an eine populär gestrickte Hörspielserie gewagt. Sie trägt den Titel „Karma, Küche, Bad – Stuttgart, Olgastraße 7c“ und sie muss von den Aufmerksamen unter den Radiohörern ganz selbstverständlich mit der Urmutter der Radio-Comedy, also mit der gigantischen Hörspielserie „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“ verglichen werden. Diese wurde noch vom damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart produziert.

Insgesamt 693 Folgen gab es in der Zeit von 1982 bis 1984 vom „Frauenarzt von Bischofsbrück“. Und in all diesen Folgen – täglich wurde eine Episode bei SDR 3 ausgestrahlt – beglückte das Autorenteam Alfred Marquart und Herbert Borlinghaus die jungen Radiohörer, wobei der begnadete Erzähler mit der goldenen Stimme, Gert Westphal, gleichsam als akustischer Appetizer durch die Abgründe der Pharmaindustrie, der Fußball-Weltmeisterschaft und dunkler Justizskandale oder die keusche Besinnlichkeit im klösterlichen Ambiente zu führen wusste und eine Linderung all der korrupten Machenschaften in Aussicht stellen durfte, die da zutage tragen. Das ist nicht vergessen. Das war Radiokult.

Diesmal beleuchten die vier Autorinnen Alexandra Müller, Tina Saum, Claudia Weber und Katrin Zipse den Stuttgarter Westen und ein schräges soziales Gefüge zwischen Esoterik, Heckler-&-Koch-Knarren, Mietwucher, RAF-Romantik, Thermomix-Kultur und Organhandel. In der neunteiligen SWR-Hörspielserie mit Folgen zwischen 10 und 14 Minuten Länge, temporeich und mit raschen Schnitten angelegt, ist jede Menge Retro-Kultur aus Stuttgart zu bestaunen und der Mietwucher treibt gerade in der Fünf-Zimmer-Wohnung in der Olgastraße fatale Blüten, pflegt man dort doch nicht nur die Kehrwoche, sondern vermietet auch Badewannen und Hängematten als einträgliche Bleibe für die ihrerseits verfolgte Vermieterin und Aromatherapeutin Leonore Brüderle. Ihr Ex-Gatte hat ihr 800.000 Euro an Schulden hinterlassen, die sie sehr eigenwillig zu tilgen sucht.

Die Regie bei der Produktion (Gesamtlänge: 111 Minuten) führte Ulrich Lampen, wobei die Aufnahmen, folgt man einer SWR-Pressemitteilung, in einer Baden-Badener Altbauwohnung durchgeführt worden sind. Als technische Krönung entschied sich der Sender für eine Kunstkopfstereo-Produktion, deren künstlerische Notwendigkeit und technische Durchsichtigkeit durchaus zu wünschen übrigließ. Es wuselte, klingelte, bimmelte in der Altbauwohnung zwar mächtig, es zerbrach der Kronleuchter in tausend Scherben und der begnadete Didgeridoo-Spieler und Frauenheld Jason (betörend eingesprochen und -geflüstert von Robert Besta) war in der Olgastraße 7c durchaus eine akustische Offenbarung, auch für männliche Radiohörer; nicht immer aber konnte (oder sollte) klarwerden, wo oder wofür der Kunstkopf räumlich oder künstlerisch stand. Mag sein, dass diese Radioserie ursprünglich auch als filmisches Ereignis angelegt war. Sehr vieles spricht jedenfalls – auch bei Lichte gehört – für einen solchen Medientransfer, der manches Fragezeichen erklären helfen könnte.

Es kann aber auch alles ganz anders sein. Vielleicht ist die Zielgruppe dieser Hörspiel-Comedy, die vor ihrer linearen Ausstrahlung im Dezember bei SWR 2 bereits ab dem 30. November als Podcast abrufbar war, ganz einfach bei der Altersgruppe der 16- bis 22-Jährigen anzusiedeln. Diese hätte allerdings ein paar Schwierigkeiten bei der notwendigen Zuordnung von Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und HAP Grieshaber, die durchaus retro-nostalgisch Erwähnung finden. Dass man freilich Themen wie „Stuttgart 21“, Diesel-Fahrverbot, die grün-schwarze Gemengelage, neuerdings Fahrradautobahnen, neue Oper und Kostenexplosionen in der öffentlichen Hand in der Serie noch nicht im Blick hatte, das machte dann doch stutzig. Aber das mag in womöglich weiteren Folgen seinen Niederschlag finden.

Kurz und gut: Die Serie „Karma, Küche, Bad – Stuttgart, Olgastraße 7c“, sie war ein gut gemeinter Versuch und der Sudwestrundfunk hat mir dieser Produktion in Zeiten von SWR-App, ARD-Audiothek und Podcast-Mode auch die entsprechende Zuhörerschaft im Blick, die den individuellen Abruf präferiert. Aber die großen Radiospuren vom Bischofsbrücker Frauenarzt, die sind halt immer noch nicht verwischt und im kollektiven Radiogedächtnis eingebrannt. Das macht Neuversuche so unendlich schwer.

21.12.2019 – Christian Hörburger/MK

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