Alban Lefranc: Steve Jobs (SR 2 Kulturradio)

Kunstvolle Spekulation

30.09.2019 •

Auch einige Jahre nach seinem Tod gilt Steve Jobs als der ultimative Technikguru. Der Name des 2011 gestorbenen Apple-Mitbegründers und mehrfachen Milliardärs steht nicht nur mit einer Reihe seinerzeit als innovativ geltender Produkte in unmittelbarer Verbindung, sondern auch für die gelungene Verknüpfung dieser Produkte mit einer firmeneigenen ‘Philosophie’.

In seinem Hörspiel „Steve Jobs“ setzt sich der 1975 in Caen geborene französische Schriftsteller und Übersetzer Alban Lefranc nun mit dem charismatischen US-Unternehmer auseinander. Dabei geht es Lefranc offensichtlich nicht darum, biografische Fakten und Interviewaussagen seiner Zielperson abzuklappern und daraus ein akustisches Biopic zu basteln. Stattdessen nimmt er den realen Steve Jobs als Ausgangspunkt für die Ausarbeitung eines ‘eigenen’ Steve Jobs, den er als größenwahnsinnigen, cholerischen und sadistischen Charakter darstellt.

Alban Lefrancs Vorgehen, mit Biografien berühmter Persönlichkeiten zu spielen, konnte man schon in seinem 2008 erschienen Buch „Angriffe. Drei Romane“ begegnen. Die von Katja Roloff für den Münchner Blumenbar-Verlag übersetzten Kurzromane widmeten sich dem Filmemacher Rainer Werner Fassbinder, der Musikerin Nico und dem Schriftsteller und Verleger Bernward Vesper. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk verwies Lefranc zur Beschreibung seiner Arbeitsweise auf den französischen Begriff „vie imaginaire“ (imaginäres Leben): „Man weiß eigentlich nie, was erfunden wurde oder nicht, weil ich immer wieder Tatsachen mit Erfindungen mische.“

Eine solche Mischung aus Gefundenem und Erdachtem liegt auch beim Hörspiel „Steve Jobs“ vor, das 2016 in Frankreich als Theaterstück uraufgeführt wurde. Das von Regisseur Martin Zylka für den Saarländischen Rundfunk (SR) inszenierte, knapp einstündige Hörspiel (Übersetzung des Texts aus dem Französischen: Christian Driesen) wird schauspielerisch komplett von Falk Rockstroh gefüllt.

In der ARD-Audiothek ist das Hörspiel, anders als auf der Website des Programms SR 2 Kulturradio, in dem es am 25. August ausgestrahlt wurde, um den Untertitel „Ein fiktives Selbstgespräch“ ergänzt. Das ist schade, da hier die Ambivalenz zwischen Realität und Fiktion beinahe verneint wird, die das Hörspiel erst so spannend macht. Interessant ist nicht das Rätselraten, was hier ‘wahr’ und was ‘falsch’ ist.

Die akustische Inszenierung zeichnet das Bild eines monologisierenden Durchblickers, der so sehr über den Dingen steht, dass ihn nicht einmal der ständige von der Sprachausgabe Siri vorgetragene Hinweis „Sie haben Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt unter fünf Prozent“ zu jucken scheint. Er ist Misanthrop aus Prinzip, da er die Menschen und von ihnen hervorgebrachte Dinge durchweg als unästhetisch und unlogisch ablehnt.

Namentlich tritt Steve Jobs hier nur als „der Meister der Meister“ auf (ohne Komma, er ist also der Meister aller Meister). Und er scheint in Sphären zu schweben, in denen ihn kein anderer mehr erreichen kann – einsam an der Spitze des von ihm aufgebauten Weltkonzerns. Mit so weitem Abstand, dass noch nicht einmal mehr Gelegenheit ist, nach unten zu treten.

Der einzige Begleiter des von Lefranc gezeichneten Steve Jobs ist kein Mensch, sondern die „Struktur“ – ein immer wieder auftauchender Begriff im Hörspiel, der vor allem die grundlegende Struktur hinter Soft- und Hardware aus dem Hause Apple zu meinen scheint, aber auch so etwas wie eine dem „Meister“ offenbarte Ordnung des Universums.

Während es Hackern möglich ist, hinter Benutzeroberflächen von Programmen zu blicken und die Betriebscodes dahinter einzusehen, ist das bei Menschen schlichtweg nicht möglich. Wie das ‘Betriebssystem’ von Steve Jobs ausgesehen hat, kann man – zumal nach seinem Tod – nur noch mutmaßen. Eine kunstvolle Spekulation hierzu gibt es aber nun mit Alban Lefrancs Hörspiel.

30.09.2019 – Rafik Will/MK