10. Berliner Hörspielfestival: Im Dienst der freien Szene

02.06.2019 •

Zum mittlerweile 10. Mal fand jetzt das Berliner Hörspielfestival statt (2. bis 5. Mai). Der Wettbewerb für frei produzierte Hörspiele existiert bereits elf Jahre, seit 2008. Die Zahl der Ausrichtungen und der Zeitraum des Bestehens dieses Hörspielfestivals differieren wegen des einmaligen Aussetzens der Veranstaltung im Jahr 2014. Bevor diesmal der übliche Festivalablauf seinen Gang nahm, gab es beim 10. Hörspielfestival am Eröffnungstag eine Geburtstagsgala. Dabei erinnerte der Hörspielkritiker Jochen Meißner (der auch MK-Autor ist) im Rahmen einer kleinen Rückschau an die Anfänge des Festivals, wobei er auch auf die wechselnden Veranstaltungsorte in den ersten Jahren einging. Erst seit 2013 hat das Berliner Hörspielfestival mit dem in der Nähe des Alexanderplatzes gelegenen „Theaterdiscounter“ eine feste Heimstatt.

Zur Sprache brachte Meißner in seiner Retrospektive auch die Einstellung des von Hermann Bohlen initiierten und bis 2008 von der Akademie der Künste vergebenen Hörspielpreises „Plopp!“, der jährlich an unabhängig von den Hörspielredaktionen der Sender produzierte Stücke vergeben worden war. In dieser Hinsicht verstand sich die Gründung des Berliner Hörspielfestivals 2008 als Staffelstabübernahme im Dienste der freien Hörspielszene.

Klimawandel und Migration

Höhepunkt des Galaabends war eine Performance des Hörspielmachers Felix Kubin, die man als eine erweiterte Live-Fassung seines Hörspiels „Paralektronoia“ bezeichnen kann und die in Form einer intensiven Ein-Mann-Show auf die Bühne gebracht wurde. Das Stück thematisierte die Erforschung von akustischen Wahrnehmungen ohne ersichtliche Klangquellen an einem fiktiven paranormalen Institut. Es war ursprünglich 2004 für den WDR produziert worden. Der Hörspielmacher Hermann Bohlen und der Medienwissenschaftler und Klangkünstler Golo Föllmer rundeten den Abend musikalisch ab.

Auf die Eröffnungsgala folgten dann die drei Wettbewerbsabende, an denen jeweils nach Publikumsentscheidung die Preisträger unter den Kurzhörspielen ermittelt wurden. Als Rahmenprogramm kamen über den gesamten Festivalverlauf verteilt die sieben Langhörspiele (20 bis 60 Minuten) in der Hauptkategorie zur Aufführung. In dieser Kategorie wird der Preis (genannt „Das lange brennende Mikro“) von einer Jury vergeben.

Die vierköpfige Jury – zu der dieses Mal neben dem Vorsitzenden Jochen Meißner die Vorjahrespreisträgerin Natascha Gangl, der Journalist Frank Kaspar und Cornelia Klauß von der Film- und Medienkunst-Abteilung der Akademie der Künste gehörten – zeichnete das gut halbstündige Hörspiel „Wasserspuren“ mit dem Hauptpreis aus. Das Stück, eine Gemeinschaftsarbeit der Hörspielmacherin Anja Penner und der Theatergruppe unitedOFFproductions, widmet sich den Themen Klimawandel und Migration. In den Fokus nimmt das Hörspiel dabei die Problematik der Wasserknappheit. In Gesprächen mit Wissenschaftlern und Geflüchteten werden die sich aktuell abzeichnenden Konflikte um das lebensnotwendige Nass skizziert und zu Zukunftsszenarien ausgebaut. Im Voice-over-Stil synchronübersetzte O-Töne prägen die Ästhetik dieser featureartigen Bühnenadaption.

Sprungbrett ins Radio

Ein weiteres Feature war in der Hauptkategorie mit dem rund 55-minütigem Stück „Ob Dach oder Los“ dabei. Hierfür waren von Autor Andreas von Stosch zwei Obdachlose aus Halle an der Saale interviewt worden, die schilderten, dass sie die Freiheit der Wohnsitzlosigkeit schätzten. Ansonsten wiesen viele der Langhörstücke eine komödienhafte Seite auf. Als besonders radiophon fiel dabei Jan Bolenders Stück „Monte Velho“ auf. Darin kommt das Phänomen des Hörverlusts im niedrigen Frequenzbereich zur Sprache, das anhand einer fiktiven Person, die die tiefe Stimme ihres Lebenspartners nicht mehr wahrnehmen kann, veranschaulicht wird.

Die Stücke in den drei Kategorien, in denen das Publikum des Festivals über die Preise entscheidet, gruppierten sich wie immer nach der Länge. Der Preis für maximal einminütige Stücke („Der Mikro-Flitzer“) ging an einen Hörkünstler namens Kurkurator (das ist J. Marc Reichow aus Stuttgart) für dessen Produktion „Schwarze.Loche. oder: SAtansauGEN“, die Textmanipulation mit Lochern zum Inhalt hatte. Die Auszeichnung für Hörstücke mit einer Laufzeit von einer bis fünf Minuten („Das glühende Kopfmikro“) wurde an die Produktion „und es war gut“ vergeben. Das lyrikartige Kurzstück stammt vom Duo Blablabor, gebildet von den Schweizer Hörspielmachern Reto Friedmann und Annette Schmucki. Deren Stück zeichnete sich vor allem durch die angekoppelte Sprachmelodie-Imitation mit Blasinstrumenten aus.

Inspiration und Experimente

Kurzweiliges Hörvergnügen, das dennoch eine ausreichende Länge für inhaltlichen und gestalterischen Tiefgang bot, fand sich vermehrt unter den Stücken mit einer Dauer von 5 bis 20 Minuten. Das Rennen um den Preis („Das kurze brennende Mikro“) machte in dieser Kategorie am Ende der Wiener Autor Bernhard Krisper mit seiner Arbeit „Ni Reki Tsuka Röh – soziale netzwerke vollständig ausblenden“. Wie der Titel ahnen lässt, wendet sich der Autor hier gegen den Trend zur vollkommenen digitalen Vernetzung. Wichtiger noch als diese Agenda war aber die Machart des Stücks. „Ni Reki Tsuka Röh“ versammelte scheinbar viele Stimmen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Altersgruppen in einer bunten Collage. Tatsächlich stammten die Sprachaufnahmen jedoch sämtlich von Bernhard Krisper selbst, der in Manier eines Gerhard Polt sehr gekonnt unterschiedliche Personentypen durch Stimmimitation karikierte – wodurch das anhaltende ‘Gemecker’ über soziale Medien eine witzige und selbstironische Note bekam.

Für die freie Hörspielszene im deutschsprachigen Raum hat sich das Berliner Hörspielfestival mittlerweile zu einem bedeutsamen Treffpunkt entwickelt. Sowohl Anfänger als auch Etablierte, sowohl Feature- als auch Hörspielmacher kommen hier zusammen, um sich Inspirationen zu holen, ihre eigenen Experimente öffentlich zu Gehör zu bringen und sie im Gespräch mit kundigen Moderatoren zu erläutern. Auch als Sprungbrett ins Radio hat das Berliner Hörspielfestival dem ein oder anderen Stück schon gedient – als ‘Scouts’ sind schließlich auch Hörspielredakteure der Rundfunkanstalten im Publikum. Das neben dem Berliner Hörspielfestival e.V. noch vom Verband der Hörspielregie und der Hans-Flesch-Gesellschaft mitgetragene Festival für freie Produktionen erweist sich für eine Hörspiellandschaft, die sich ihre Vitalität erhalten will, als eine immer wichtigere Veranstaltung. Auf die nächsten zehn Ausgaben!

02.06.2019 – Rafik Will/MK