Zervakis & Opdenhövel. Live. Wöchentliche Infotainment-Sendereihe (Pro Sieben)

Human Touch mit Promi-Faktor

23.10.2021 •

Zwei Wochen vor der Bundestagswahl vom 26. September startete der Privatsender Pro Sieben sein neues zweistündiges Infotainment-Format zur Hauptsendezeit: „Zervakis & Opdenhövel. Live“ will politische Information und Unterhaltung miteinander verbinden, im Mittelpunkt sollen „Menschen mit ihren Geschichten“ stehen, hieß es in der Programmankündigung. Das wöchentliche Format, das vor Publikum aus einem Studio am Pro-Sieben-Standort Unterföhring bei München gesendet wird, besteht aus eingespielten Filmberichten und Gesprächen mit Gästen; das Studio bietet auch Raum für Aktionen mit ihnen. Ebenso wird das Publikum vor den Fernsehbildschirmen miteinbezogen, das sich interaktiv über eine spezielle Pro-Sieben-App beteiligen kann.

Inhaltlich setzt das neue Infotainment-Format auf ein traditionelles Rezept, das da lautet: Verbindung von politisch relevanter Information mit Human Touch und dem Promi-Faktor. Formal bemüht es sich darum, neues Fernsehen zu repräsentieren, nicht zuletzt durch Interaktion mit dem Fernsehpublikum und Einbeziehung der Social-Media-Welt. Als Moderatoren treten in dieser neuen Sendereihe mit dem so klassischen Titel, dessen modisch aufgepeppte Kurzform „ZOL“ lautet, zwei aus dem Mediengeschäft bereits bekannte Personen auf: Linda Zervakis, ehemalige Nachrichtensprecherin der ARD-„Tagesschau“, und Matthias Opdenhövel, zuvor Moderator der ARD-„Sportschau“, aber auch von Shows wie früher „Schlag den Raab“ oder seit 2019 „The Masked Singer“ (beides Pro Sieben). In den ersten beiden Ausgaben von „Zervakis & Opdenhövel. Live“ standen die beiden immer gemeinsam vor die Kamera, um die jeweiligen Themen anzumoderieren, oder sie saßen gemeinsam im Studio für Gespräche und Aktionen mit ihren Gästen.

In der ersten Ausgabe (13.9.) war der Kontrast zwischen Beiträgen aus dem Ressort politische Information und solchen, die der Unterhaltung zuzurechnen sind, verhältnismäßig groß. Am größten war die ‘Fallhöhe’ zur politischen Information zweifellos in der Mitte der Sendung beim Bier-Tasting und Maßkrug-Stemmen mit dem Sänger James Blunt im Studio, das als bayerische Bierhalle dekoriert war. Am besten noch gelang die Kombination von Unterhaltung und Information beim ersten Thema, dem rund zehnminütigen Filmbericht über die afghanische Popsängerin Aryana Sayeed. Sie lebt zwar schon seit längerem in England, tritt aber auch in Afghanistan auf und ist dort sehr populär. Erst in letzter Minute gelang ihr die Flucht aus Kabul.

Darüber und über die generelle Situation in Afghanistan nach der Machtübernahme durch die Taliban ging es ganz aktuell in dem fast eine Viertelstunde dauernden Studiogespräch mit Aryana Sayeed. Mit ihr im Studio saß auch Düzen Tekkal, eine jesidische Frauenrechtsaktivistin, die aber nur selten zu Wort kam. Sayeed war der prominente Star im Studio, was sich nicht nur in der Länge des Gesprächs mit ihr niederschlug, sondern auch in der Häufigkeit, mit der ihr Name im Vergleich zu dem der Frauenrechtsaktivistin eingeblendet wurde.

Dann folgte ein – heutzutage im Fernsehen beliebtes – Speed-Dating-Format, es ging um die bevorstehende Bundestagswahl: Beim „Road 2 Vote“ durften Wähler kurze Fragen an Politiker stellen, hier in einem Großraumtaxi, das während der Gespräche durch Berlin fuhr. Die erste Fahrt fand mit Wolfgang Kubicki (FDP) statt, mit einem Zwischenhalt und dem Gag ‘Essen einer Currywurst an einer Imbissbude’ und dem anschließenden Aufsuchen der Herrentoilette im Nobelhotel „Adlon“. Der zweite Politiker, dem als Taxigast Fragen gestellt wurden, war dann Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD).

Als ein weiterer Bestandteil der Sendung, der für modernes Fernsehen steht, ist wohl „ZOL Buzz“ zu nennen: eine Kurzberichte-Rubrik über Themen und Personen, die derzeit auf Social-Media-Plattformen Konjunktur haben: Beispielsweise war – in der ersten Ausgabe – vom neuen Fußball-Bundestrainer Hansi Flick als Held der Woche in den sozialen Netzwerken die Rede. Am Schluss der ersten Folge ging es in einem Filmbericht um eine Flutopfer-Familie aus dem Ahr-Tal, die alles verloren hatte. Das sich daran anschließende Studiogespräch mit den Eltern endete mit einem – zuvor mehrmals angekündigten – Überraschungsgeschenk für die kleine Tochter: Für sie gab es eine neue pinkfarbene Kinderzimmerausstattung.

In der zweiten Ausgabe (20.9.) waren die Kontraste zwischen politischer Information und Enter­tainment nicht mehr so stark. Alle Beiträge hatten einen seriösen Nachrichtenkern, die ersten beiden waren aber vor allem auch Pro-Sieben-Eigenwerbung, denn sie handelten vom eigenen TV-Programm. So ging es im ersten Filmbeitrag um die spektakuläre Pflege-Dokumentation von Joko & Klaas, eine sieben Stunden lange Echtzeit-Sendung über den Alltag von Pflegekräften („Joko & Klaas – Live: Pflege ist nicht selbstverständlich“), die am 31. März auf Pro Sieben ausgestrahlt worden war und inzwischen den Deutschen Fernsehpreis 2021 in der Kategorie „Infotainment“ erhalten hat. Die im Mittelpunkt der Doku stehende Pflegekraft Meike Ista von der Uniklinik Münster saß dann auch anschließend als Studiogast bei „Zervakis & Opdenhövel. Live“, gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Das Gespräch ging über den Pflegenotstand und das, was die Politik dagegen (nicht) unternimmt.

Beim sich daran anschließenden zweiten Thema ging es erneut ums Pro-Sieben-Programm, nämlich um das am Abend zuvor stattgefundene Kanzlerkandidaten-Triell von Sat 1, Pro Sieben und Kabel 1, bei dem Linda Zervakis als eine der beiden Moderatorinnen dabei war. Auch hier gab es zunächst einen Filmbericht über dieses Event, einschließlich der bereits durch andere Medien thematisierten Szene, in der Zervakis überraschend ein „Micky-Maus“-Heft von 1993 präsentierte, das bereits damals die Abholzung von Regenwäldern thematisiert hatte.

Wurde die Kultur in der ersten Ausgabe durch den Sänger James Blunt repräsentiert, der – neben dem Bier-Tasting – natürlich auch mit einem Song-Vortrag im Studio auftrat, gab es auch in der zweiten Folge ebenfalls einen der Kultur zuzurechnenden Filmbeitrag. Darin ging es um die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris vom 18. September bis zum 3. Oktober. Der durchaus sehenswerte Beitrag handelte von den Herstellern des Verhüllungsstoffs, von einer Näherin und dem Fotografen der Verhüllungsaktion und er erinnerte an das verstorbene Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, die Ideengeber des Ereignisses. Im Studio präsentierte sich Linda Zervakis aus diesem Anlass überraschend in einem Kostüm, das aus dem Material geschneidert war, mit dem der Triumphbogen verhüllt worden war. Das letzte große Thema der Sendung hieß dann Stalking, mit Filmbericht und anschließendem Studiogespräch mit einer Betroffenen und der Vertreterin einer Opferschutzorganisation (Weißer Ring).

Aufmacher der dritten Ausgabe (27.9.) war ein Filmbericht über die US-amerikanischen Sängerin Britney Spears und ihren – durch ausführliche Medienberichte bereits bekannten – Kampf vor Gericht um die Beendigung der Vormundschaft, unter die sie unfreiwillig gestellt wurde. In dieser Sendung traten Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel erstmals getrennt auf: Opdenhövel moderierte allein einen kommenden Filmbericht an, in dem es um Long Covid und Post-Covid-Symptome ging, und sprach anschließend im Studio über die Thematik mit dem davon betroffenen Schauspieler Christian Kahrmann (einst bekannt geworden durch die ARD-Serie „Lindenstraße“) und mit einer Fachärztin. Zervakis führte dann in das letzte Thema der Sendung ein, in dem es um Meeresschutz ging. Sie sprach dazu im Studio mit einem Umweltaktivisten, dem sich noch ein Gespräch mit einem Ostsee-Fischer anschloss. Dazwischen moderierten Zervakis und Opdenhövel gemeinsam einen längeren Beitrag mit Filmbericht, Studiogespräch und Publikumsbeteiligung, wobei es um die siebenköpfige Familie Müller ging und deren mehrwöchiges Experiment in nachhaltiger Lebensführung, die von der Nichtnutzung des Autos bis zum Verzicht auf Fleisch reichte.

Angesichts des Sendedatums dieser Folge wunderte man sich allerdings darüber, dass das tags zuvor stattgefundene politische Großereignis, die Bundestagswahl, thematisch gar keine Berücksichtigung fand. Überhaupt bleibt festzustellen, dass es sich bei der politischen Information in dieser neuen Pro-Sieben-Sendereihe inhaltlich häufig eher um latente politische Aktualität handelt, also um Themen, die bereits seit einiger Zeit in den Medien behandelt werden. Auf die Berücksichtigung kurzfristig bekannt gewordener, tagesaktueller politischer Ereignisse ist man bei „Zervakis & Opdenhövel. Live“ offenbar nicht eingestellt. So enthielt diese dritte Ausgabe zwar lauter Themen, die im Trend liegen und einen gewissen politisch-moralischen Wert für sich in Anspruch nehmen können, die aber insgesamt betrachtet den geringsten tagesaktuellen Nachrichtenwert von allen drei bis dahin ausgestrahlten Folgen hatten, die Grundlage für diese Besprechung sind.

Wohin es mit „Zervakis & Opdenhövel. Live“ geht, bleibt abzuwarten. Nach fünf Folgen kam die Sendereihe beim Gesamtpublikum auf im Schnitt 471.000 Zuschauer und einen Marktanteil von nur 1,7 Prozent. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es 302.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 4,2 Prozent. Das ist ebenfalls weniger, als Pro Sieben es gewohnt ist. Der Privatsender hat sich mit seinem neuen Infotainment-Format viel vorgenommen. Aber wenn die Zahlen so schwach bleiben, dürfte es langfristig wohl nicht so gut aussehen für das Projekt.

23.10.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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