Wolfgang Panzer: Meeresleuchten (ARD/WDR)

Trauerbewältigung durch Kunst

13.03.2021 •

Man mag es zunächst kaum glauben: „Meeresleuchten“ ist weder Krimi noch literarische Adaption noch Bestandteil einer Reihe. Sondern schlicht und ergreifend ein 90‑minütiges Drama, das ganz für sich allein steht. Also etwas, das es im deutschen Fernsehen bedauerlicherweise immer seltener gibt. Damit sammelt der Film schon einmal die ersten Pluspunkte, bevor er überhaupt losgegangen ist.

Und dann erzählt „Meeresleuchten“, geschrieben und inszeniert von Wolfgang Panzer, auch noch eine Geschichte, die voller überraschender Wendungen ist. Es ist eine Geschichte über das Trauern, die hier erzählt wird, ohne dass das Thema penetrant in den Vordergrund geschoben würde. Es fügt sich stimmig in die bei aller Ernsthaftigkeit doch überraschend leichtfüßige Geschichte ein. In deren Zentrum steht Thomas Wintersperger (Ulrich Tukur), der nach dem Tod seiner Tochter Anna, die bei einem Flugzeugabsturz starb, ein völlig neues Leben beginnt.

Der international erfolgreiche Unternehmer, der eigentlich mit seinem Bruder einen erfolgreichen Betrieb mit 800 Mitarbeitern führt, kauft kurzentschlossen einen leerstehenden Tante-Emma-Laden in einem halbverlassenen Dorf an der Ostsee. Der (fiktive) Ort heißt Maalsund und liegt nahe Rostock. Dort draußen über der Ostsee stürzte das Flugzeug ab, in dem Anna saß – Thomas lässt sich also am geografisch nächstgelegenen Punkt zum Sterbeort seiner Tochter nieder, um sich ihr nahe zu fühlen, um mit dem Verlust des geliebten Menschen fertigzuwerden.

Der trauende Vater, der eigentlich ein eher nüchterner und stets beherrscht agierender Mann im fortgeschrittenen Alter ist, bricht die Brücken zu seiner Vergangenheit konsequent ab, sowohl zu seiner Firma als auch zu seiner Frau Sonja (Ursina Lardi), die in ihr gewohntes Leben zurückkehrt. Thomas hingegen lässt sich auf das beschauliche Leben in dem Küstendorf ein, das aber glücklicherweise ebenso wie seine Bewohner nicht verklärend dargestellt wird.

Das wiedereröffnete Ladencafé von Thomas, das einzige Geschäft im Ort, wird zur Anlaufstelle für die leicht verwirrte Rentnerin Rena (Carmen-Maja Antoni), den jungen Maler Matti (Kostja Ullmann) oder den Kriegsveteranen Max (Hans Peter Korff). Das ist zwar bei weitem nicht genug Kundschaft, um mit dem Laden in die schwarzen Zahlen zu kommen, aber für den finanziell unabhängigen Thomas der nötige, von aller Vergangenheit unbelastete menschliche Kontakt, um nach und nach in ein Leben ohne Anna zurückzufinden.

Später kommt auch noch Nina (Sibel Kekilli) hinzu, eine auf internationalen Bühnen tätige Tänzerin, die außerdem Renas Enkelin wie auch Mattis Vermieterin und Love interest ist. Nina besitzt ein herrschaftliches Gutshaus in der Gegend, ist dort aber nur sporadisch anwesend. All die Figuren spiegeln auf unterschiedlichste Weise die Gefühle von Thomas wider, sie sind Projektionsflächen für seine Erinnerungen oder einfach nur Menschen, die ihn daran erinnern, dass das Leben auch nach einem traumatischen Verlust weitergeht – ein dramaturgisch wichtiges und zugleich lebendiges Figuren-Ensemble.

Etwas spezieller verhält es sich mit der Protagonistin Nina. Sie ist nicht nur für die ‘einfachen’ Menschen von Maalsund ein eher exotischer Charakter, sondern bleibt auch für den Zuschauer zunächst ein Stück weit eine Kunstfigur, die vor allem in ihrer Funktion für die Trauerbewältigung von Thomas zu existieren scheint, als Projektionsfläche für die verlorene Tochter (dass sie zwischenzeitlich fast dasselbe Outfit wie Anna trägt, hätte es da fürs Verständnis nicht gebraucht). Spätestens in der anrührenden Szene aber, in der sich Thomas beim Anblick der tanzenden jungen Frau zum ersten Mal offen seinen Gefühlen hingibt, erwacht auch diese Nina zu einer lebendigen Protagonistin. Trauerbewältigung durch Kunst: Musik und Tanz vor dem Hintergrund eines großformatigen, von Matti geschaffenen Gemäldes, das – natürlich – das Meer zeigt. Eine gar nicht kitschige Szene, die die Kraft der Kunst zeigt und damit in diesen kulturarmen (Corona-)Zeiten starke Sehnsüchte weckt.

Stilistisch vereint „Meeresleuchten“ (4,96 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,0 Prozent) scheinbar Gegensätzliches: Poetische Szenen, diverse Traumsequenzen sowie Rückblenden, gegen die dann ganz heutige Alltagsszenen geschnitten werden. Das eine wie das andere und auch dessen Miteinander funktionieren gut, ergänzen sich stimmig. Hier seien auch die eindrücklichen, aber nie aufdringlichen Bilder von Kameramann Ramunas Greicius erwähnt (gedreht wurde aus Kostengründen in Litauen) und auch die schöne, dunkel-melancholische Musik von Bruno Bieri und Lionius Treikauskas.

Die Basis für alles in diesem Drama aber ist die große Sensibilität, die in jedem Blick, jedem Dialog durchscheint, und die unerschütterliche Liebe und Toleranz gegenüber den Figuren: Hier darf jeder sein und trauern, wie es ihm entspricht. Und hier bekommt auch jeder den nötigen Freiraum – was Wolfgang Panzer mit teils elliptischem Erzählen zeigt, teils auch mit Auslassungen andeutet. Abgerundet wird dieser äußerst gelungene Fernsehfilm (Produktion: KJ Entertainment mit Fireworks Entertainment und Film Manufacturers Inc.) durch ein überzeugendes Schauspieler-­Ensemble, das von einem hervorragenden Ulrich Tukur angeführt wird, der aber mit Ursina Lardi, Carmen-Maja Antoni, Hans Peter Korff, Kostja Ullmann und Sibel Kekilli ebenso starke Mitspieler hat. Welch ein Gewinn fürs Fernsehjahr 2021, dass sich der 1947 geborene Wolfgang Panzer nach fast zehnjähriger Pause noch einmal ans Filmemachen gewagt hat!

13.03.2021 – Katharina Zeckau/MK

` `