Wladek Jurkow/Gerburg Rohde-Dahl: Die Aufseherin – Der Fall Johanna Langefeld (ARD/RBB/MDR)

„Sie rettete uns“

14.08.2020 •

Wie und warum ehemalige polnische Gefangene aus dem KZ Ravensbrück (Brandenburg) eine ehemalige Oberaufseherin dieses Frauen-Konzentrationslagers später, im Jahr 1946 in Krakau, vor dem Todesurteil bewahrten, indem sie ihr zur Flucht aus dem Gefängnis verhalfen, diese Frage steht im Zentrum des polnisch-deutschen Dokumentarfilms „Die Aufseherin“ von Wladek Jurkow (Arkadia Film, Warschau) und Gerburg Rohde-Dahl (Rohde-Dahl Filmproduktion, Berlin). Es geht um die 1974 in Augsburg verstorbene Johanna Langefeld (geboren im März 1900 in Essen).

Sie war von 1939 bis 1943 KZ-Aufseherin in Ravensbrück und zwischendurch, von Frühjahr bis Herbst 1942, auch einige Monate in Auschwitz. Langefeld hat sich nie für ihre Tätigkeit vor Gericht verantworten müssen. Am Ende des Zweitem Weltkriegs lebte sie in München. Dort wurde sie von der US-Armee verhaftet und dann nach Polen ausgeliefert. Bevor es jedoch dort zu einem Prozess kam, bei dem ihr das Todesurteil vermutlich sicher gewesen wäre, konnte sie aus dem Gefängnis in Krakau fliehen. Ihre damaligen Fluchthelfer, ehemals in Ravensbrück inhaftierte Polinnen, hatten nämlich ihr eigenes Überleben im KZ dieser Oberaufseherin zu verdanken gehabt.

Dass es sehr lange dauerte, bis diese Geschichte aufgearbeitet wurde, wie es nun auch der Film versucht, hängt vor allem damit zusammen, dass Johanna Langefelds Retterinnen darüber Schweigen bewahren wollten und erst jetzt, nach dem Tod der letzten von ihnen, Personen aus deren Umfeld bereit waren, darüber zu sprechen. Mit der Flucht selbst beschäftigt sich der Dokumentarfilm jedoch erst in seinem letzten Drittel.

Zuvor rekonstruiert er penibel die Zustände im KZ Ravensbrück und das Verhalten von Johanna Langefeld, das sehr ambivalent war. Einerseits war die Oberaufseherin eine überzeugte Nationalsozialistin und an der Durchführung vieler Verbrechen im Lager beteiligt, andererseits war sie auch eine gläubige Christin. „Sie ging“, so beschreibt dies später Margarete Buber-Neumann (1901-1989), die als Häftling in Ravensbrück von Herbst 1942 bis Frühjahr 1943 Langefelds persönliche Sekretärin gewesen war, „jeden Morgen betend durch das Tor ins Lager und erflehte Kraft, um Böses verhindern zu können.“

„Sie rettete uns“, dies nennt eine im Film befragte polnische Zeitzeugin als den entscheidenden Grund für die unter strengster Verschwiegenheit ablaufende Aktion, die ihrerseits der ehemaligen KZ-Aufseherin das Leben retten sollte. Langefeld hat offenbar, so wird im Film erläutert, deren Ermordung verhindert, die von den Nazis eigentlich vorgesehen war, nachdem die Frauen im KZ Opfer medizinischer Versuche geworden waren.

Diese Polinnen, die Johanna Langefeld damals in Krakau zur Flucht verholfen haben und ihr dann auch ein über zehnjähriges Überleben in Polen ermöglichten, bevor sie 1957 wieder nach Deutschland zurückkehrte, sind die eigentlichen Protagonistinnen des Films. So sind vor allem die vom polnischen Filmemacher Wladek Jurkow geführten Gespräche mit den inzwischen hochbetagten Zeitzeuginnen über die Zustände in Ravensbrück während des Krieges und die Krakauer Vorgänge nach Kriegsende die interessantesten. Es sind beeindruckende Gespräche mit Personen, die betagt und gebrechlich sind, aber auch klug und leidenschaftlich.

Man erfährt jedoch nicht, wann genau diese Interviews stattgefunden haben (es werden keine Daten dazu eingeblendet). Sicher ist, dass dieser Film eine lange Entstehungsdauer hatte (einer Zeitungsnotiz zufolge über acht Jahre). Die in Deutschland bekannteste unter den befragten Frauen ist Joanna Penson. Sie war in jungen Jahren nicht nur im polnischen Widerstand gegen Hitler-Deutschland aktiv gewesen und dafür vier Jahre im KZ Ravensbrück, sondern später auch unter den Kommunisten in Polen in Haft. Sie gilt auch als engagierte Weggefährtin von Lech Walesa, des berühmten Vorsitzenden der Gewerkschaft Solidarnosc, deren Streiks in Polen einen Reformprozess einläuteten, der den Weg zur Demokratie für das Land ebnete, dessen erster Staatspräsident er dann nach der politischen Wende wurde (1990-1995).

Wesentlich nüchterner und distanzierter wirken die Gesprächspartner von deutscher Seite, darunter der Historiker Johannes Schwartz, der selbst viel über das KZ Ravensbrück geforscht hat. Filmemacherin Gerburg Rohde-Dahl spricht außerdem mit der Tochter einer inzwischen verstorbenen Aufseherin, die mit Johanna Langefeld befreundet war. Loretta Walz, die den preisgekrönten Dokumentarfilm „Die Frauen von Ravensbrück“ (2005) gedreht hat, ist auch unter den Interviewten. Ebenso wird eine Tochter von Margarete Buber-Neumann befragt, die berichtet, ihre Mutter habe bei Langefeld „Anständigkeit“ und „Mut“ gesehen.

Die inzwischen selbst zur historischen Person gewordene Publizistin Buber-Neumann – die in Ravensbrück Langefelds persönliche Sekretärin war, bis die Oberaufseherin im April 1943 wegen Unterstützung weiblicher polnischer Personen, wie es offiziell hieß, von den Nazis verhaftet und später aus dem Dienst entlassen wurde – hatte in der Nachkriegszeit wieder Kontakt zu ihr und hat ihr in ihrem Buch „Die erloschene Flamme – Schicksale meiner Zeit“ (1976) ein Kapitel gewidmet. Darin schildert sie auch Langefelds Flucht aus dem Krakauer Gefängnis, allerdings ohne Details zu nennen.

Ergänzt werden diese wirklich beeindruckenden Zeitzeugengespräche um Archivmaterial und durch einige Filmausschnitte, darunter solche aus dem polnischen Spielfilm „Die Passagierin“ von 1963 und aus der gleichnamigen, im Jahr 1968 komponierten Oper von Mieczyslaw Weinberg, in denen es um die Geschichte einer Auschwitz-Überlebenden geht. Spielfilm und Oper basieren auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Zofia Posmysz, die selbst auch als Zeitzeugin im Film zu Wort kommt. Ob die zu sehenden Opern-Szenen aus der erst 2010 erfolgten szenischen Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen stammen, ist zu vermuten, jedoch nicht zu erkennen, weil keine Angaben dazu im Film gemacht werden.

Die Flucht von Johanna Langefeld war offenbar gut organisiert, aber es gibt keine Dokumente mehr darüber. Eine kirchliche Organisation hat vermutlich dabei mitgewirkt, jedenfalls war ihr erster Fluchtpunkt das Ursulinenkloster in Krakau. Am Ende verbleibt beim Zuschauer trotz der 90 Filmminuten noch immer der Eindruck, nicht alles über den Vorgang und seine Hintergründe erfahren zu haben. So wirft dieser Dokumentarfilm (664.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,1 Prozent) letztlich mehr offene Fragen auf, als dass er Informationslücken schließt. Er zeigt aber auch, wie hier, über 75 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur, der mit Zeitzeugen und Zeitdokumenten arbeitende Zeithistoriker zwangsläufig an seine fachlichen Grenzen stößt.

Um den Fall der Johanna Langefeld weiter zu vertiefen, würde man wohl noch andere Experten benötigen. Es ist sicher nicht nur der Aspekt der religiös motivierten Humanität als Beweggrund, um den es dabei gehen müsste, sondern es müsste dann auch jene Dialektik von Macht und Ohnmacht mit herangezogen werden, der Rettende und Gerettete jeweils wechselseitig ausgesetzt waren und die sie in gewisser Weise voneinander abhängig gemacht hat.

14.08.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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