Wissen zum Themenbereich Religion: Das bimediale ZDF‑Projekt „God’s  Cloud“

28.12.2019 •

Das ZDF startete 2013 im Internet sein Projekt „God’s Cloud“. Mit diesem Angebot begibt sich der Sender nach eigenen Angaben „auf eine journalistische Suche nach den Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben“. Ökumenisch ausgerichtet wurden und werden Quellen geprüft, Orte aufgesucht und Experten befragt. Es geht um ein Wissen, das Geschichte über drei Jahrtausende geprägt hat und heute in Vergessenheit zu geraten droht. So ist eine Art Online-Lexikon entstanden: die Welt der Bibel, des Glaubens und der Religion, alphabetisch geordnet zugänglich gemacht. Ein Orientierungswissen, durch das sich Nutzer navigieren und ihren Weg finden können.

Das Projekt „God’s Cloud“, realisiert von der ZDF Digital Medienproduktion GmbH, ist dabei bimedial angelegt, das heißt, es gibt bei bestimmten Themenbereichen auch den Transfer von der (Internet-)Cloud ins lineare Fernsehprogramm der ZDF-Familie. Aktuelles Beispiel dafür ist die halbstündige Dokumentation „Die Macht der Päpste“, die am 15. Dezember im ZDF-Hauptprogramm ausgestrahlt wurde, allerdings sehr spät, um 0.40 Uhr. Es ging in dem Film – der zuvor auch bei ZDFinfo und 3sat lief – um die Frage, wie der Verwaltungsapparat des Papstes, die Römische Kurie, funktioniert und warum es aus kirchlicher Sicht hilfreich ist, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche zugleich auch Chef eines Kleinstaats ist. Verständlich wird die Rolle des Papstes aus der Binnenperspektive der Kirche. Nach dem Verständnis der Katholiken hat Jesus den Apostel Petrus und dessen Nachfolger mit einer besonderen Autorität ausgestattet.

Die Römische Kurie

Kritiker des Papsttums wie die im Film sich äußernde evangelische Theologie-Professorin Miriam Rose von der Friedrich-Schiller-Universität Jena sehen diese Begründung der päpstlichen Autorität und Machtfülle kritisch. Und auch der katholische Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster fordert eine grundlegende Reform des Papstamts und der Römischen Kurie als Verwaltungszentrale der römisch-katholischen Kirche.

Die Dokumentation (die im ZDF-Hauptprogramm 270.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 4,1 Prozent hatte) stellte dar, wie im kleinsten Staat der Welt Politik gemacht wird, die Einfluss auf die ganze Welt hat. Die Zusammenstellung von Erklärungen aus dem Off, aus grafischen Elementen im Comicheft-Stil und aktuellen Fernsehbildern im Nachrichtenformat erinnerte an die früheren Schulfernsehsendungen. Motiv der Fernsehmacher ist es denn auch, möglichst einfach für Zuschauer ohne große Vorbildung Begriffe, Verfahren und historische Zusammenhänge anschaulich zu machen. Viele der O-Töne aus dem Film lassen sich in der Cloud nachhören und -sehen. Dort gibt es dann auch Verzweigungen zu anderen Aspekten.

In der Mediathek des ZDF sind über 100 Beiträge unter dem Rahmentitel „God’s Cloud“ zu finden. Es gibt vier weitere 30-Minuten-Beiträge, sie handeln von „Mord und Totschlag im Namen Gottes“, „Hölle, Tod und Auferstehung“, vom Themenbereich „An der Seite der Armen“ und von Abraham, dem Urvater des Glaubens der drei monotheistischen Religionen. Den allergrößten Anteil nehmen die Expertenclips ein, die zwischen einer Minute und sieben Minuten lang sind. Das Ganze ist ein schier unerschöpfliches Reservoir an Informationen.

Emotional und analytisch

Inzwischen gibt es rund 70 Stichworte von „Abraham“ bis „Zehn Gebote“. Ganz unterschiedlich sind sie ausgewählt oder haben sich ergeben: „Auferstehung“ und „Befreiungstheologie“, „Beschneidung“ und „Gewissensfreiheit“, „Mutter Teresa“ und „Nikolaus“ oder „Passah“ und „Passion“. Kleine filmische Stichworte führen in die jeweilige Thematik ein: Grafische Elemente, illustrierende Spielszenen, Nachrichtenschnipsel und Kommentare aus dem Off vermitteln schnelle und konzentrierte Information. Lehrende vor allem aus Theologie und Geschichtswissenschaft vertiefen die aufgeworfenen Fragen, zeigen Hintergründe auf, ordnen Vorgänge ein und machen sie für den Nutzer verständlich. Verlinkungen mit verwandten Themen ermöglichen die Erweiterung des Horizonts.

Ein Beispiel: Das gesuchte Thema „Nächstenliebe“ kann je nach Fragestellung ergänzt werden durch Links zu den Stichworten „Kolping“, „Diakonie/Caritas“, „Befreiungstheologie“, „Wunder“, „Zehn Gebote“, „Mitgefühl“ und „Barmherzigkeit“. Oder ein anderes Beispiel, das die Spannweite veranschaulichen mag: „Paradies“ kann vertieft werden mit den Themenbereichen „Kain und Abel“, „Frieden“, „Himmel“, „Adam – der Mensch“, „Sünde“ und „Schöpfung“. Zu finden sind die einzelnen Begriffe nicht nur über ein alphabetisches Register, sondern auch über eine Wortwolke, deren Begriffe die emotionale Kraft der Beiträge widerspiegeln. Auf diese Weise ist eine Annäherung in der Absicht des Autorenteams sowohl emotional als auch analytisch möglich.

Für Beiträge fürs allgemeine Fernsehprogramm werden jeweils mehrere Clips zu einer halbstündigen Dokumentation thematisch zusammengebunden. Autoren sind Charlotte Magin bzw. Jürgen Erbacher, der nun für den Film „Die Macht der Päpste“ verantwortlich war. Beide Journalisten sind ausgebildete Theologen und für die ZDF-Redaktion ‘Kirche und Leben’ tätig. Für die Grafiken sind Meike Srowig, Leiterin Crossmedia bei ZDF Digital, und der Designer Tino Schwanemann verantwortlich. Redaktionell verantwortlich sind die beiden Leiter der ZDF-Redaktion ‘Kirche und Leben’, Jürgen Erbacher auf der katholischen und Reinold Hartmann auf der evangelischen Seite.

28.12.2019 – Martin Thull/MK