Wir lieben Fernsehen! Highlights aus 50 Jahren Farbfernsehen. 4‑teilige Show-Reihe mit Johannes B. Kerner und Steven Gätjen (ZDF)

Hauptsache viel ZDF-Material

08.09.2017 •

Die alte und die neue Show-Welt, sie trafen am vergangenen Samstagabend (2. September) kurz vor halb neun im ZDF aufeinander. Johannes B. Kerner und Steven Gätjen begrüßten in der vierten und letzten Ausgabe ihrer Show-Reihe „Wir lieben Fernsehen!“ Thomas Gottschalk. Der „Show-Titan“, schmeichelte Kerner, habe mit „Wetten, dass..?“ „die erfolgreichste Show, die es je in Europa gab“, moderiert. Und wie die drei da so auf dem Sofa saßen, also die Vergangenheit und die Zukunft der Unterhaltung im ZDF, kam – was sicher so nicht beabsichtigt war – das Bild auf vom Meister und seinen Gesellen, wie es sich einst Wilhelm Busch ausmalte: von den beiden Spitzbuben Max und Moritz, die dem Bäckermeister Böses wollen und nur knapp mit dem Leben davonkommen.

Kerner und Gätjen stellten sich aber auch ungemein jungenhaft-derb an. Sie piesackten den Gast zunächst mit einer Revue seiner Couture-Missgriffe („Guck mal, da hast du wieder die Tapete genommen“), um ihm anschließend „zumindest für zehn Minuten“ seine alte Sendung zurückzugeben. Es wurden natürlich deutlich mehr draus, fast eine Dreiviertelstunde wurde da „Wetten, dass..?“ nachgespielt. Mit „Top, die Wette gilt!“ gab Gottschalk das Kommando dazu, dass Kerner und Gätjen allein mit der Zunge Kakteen zu ertasten hatten. Kein schlüpfriger Witz, der einem im Kontext mit „lecken“ einfällt, wurde von den beiden Buben ausgelassen, was ja sonst Gottschalks Domäne ist, aber der hielt sich diesmal sprachlich zurück. Weil man bei der ausführenden Produktionsfirma Riverside wohl glaubte, dem Auftraggeber ZDF noch nicht ausreichend gehuldigt zu haben, kam gleich hinterher auch noch die berühmte „Pömpel-Wette“ zur Aufführung, ausgeführt von dem Original-Kandidaten von 2009.

Wenngleich diese Reminiszenz an vergangene „Wetten, dass..?“-Tage natürlich viel zu lang war und, ob beabsichtigt oder nicht, der Diskussion über ein mögliches Wiederaufleben der Wettshow Auftrieb gab – sie wird wohl einzig dauerhaft haften bleiben aus diesem Show-Zyklus „Wir lieben Fernsehen!“, für den das ZDF donnerstags dreimal je 90 Minuten und zum Abschluss am ersten Samstag im September drei Stunden Sendezeit freiräumte zur Feier von 50 Jahren Farbfernsehen. Der öffentlich-rechtliche Sender nahm zum Anlass, dass Willy Brandt am 25. August 1967 auf der Funkausstellung in Berlin laut Überlieferung exakt um 10.57 Uhr auf den Knopf drückte, um ein neues Fernsehzeitalter zu eröffnen. Plötzlich war alles so schön bunt hier, auch Brandts war Knopf rot geworden.

Als Gag führten die Moderatoren Kerner und Gätjen zunächst in Schwarzweiß in ihre Sendung ein. Danach: Farbe satt. Thematisch war der „Wir-lieben-Fernsehen!“-Vierteiler grob aufgefächert in je eine Sendung über „unsere Film- und Serienstars“, „unsere besten Comedians“, „unsere Sporthelden“ und eben – mit Gottschalk auf der Couch dabei – „unsere größten TV-Momente“. Es kamen Gäste und blieben über die gesamte Sendungsdauer, andere kamen später und gingen schnell wieder. Und zwischendurch spulte die Regie (von Ladislaus Kiraly) Einspieler ab, in die wild hineingeschnipselt und -gerührt wurde, was ein halbes Jahrhundert Farbfernsehen so hergab.

Wobei: „Fernsehen“, das nahm man bei „Wir lieben Fernsehen!“ nicht so eng. Der Karl-May-Schinken „Winnetou“ (Teil 1) wurde frech als großer Farbfernsehhöhepunkt hinzugezählt und die Schauspieler Mario Adorf (in der Rolle des Bösewichts Santer) und Marie Versini (als Winnetous Schwester Nscho-tschi) mussten in der Show erzählen, wie es so war, als er sie im Film kaltblütig erschoss. Dass in diesem Moment Willy Brandt noch nicht einmal mit dem Finger gezuckt hatte – egal. „Winnetou“ (Teil 1) war bereits 1963 in den Lichtspielhäusern angelaufen, natürlich bunt, denn das Kino kannte schon viel länger den Farbfilm.

Sollte also der Auswahl an Ausschnitten in „Wir lieben Fernsehen!“ eine Struktur zugrunde gelegen haben, so war sie undurchschaubar. Kerner und Gätjen besprachen diese Filmchen im Off mit viel Mut zu abgenutzten Phrasen („Mit so manchem Gagfeuer haben die Komiker der 70er Jahre Geschichte geschrieben“) und getreu der Devise: Eigenlob stinkt nicht. „Das ZDF“, hieß es einmal in der Sendung über die besten deutschen Humoristen, habe 2009 „eine neue Humorbombe“ gezündet und mit der „Heute-Show“ „alles richtig“ gemacht. Es war dann Oliver Welke, der Anchor besagter „Humorbombe“, der die Sache ein bisschen erdete, indem er daran erinnerte, dass es ja „vorher schon Ähnliches“ gab, nämlich „Rudis Tagesschau“ mit Rudi Carrell im Ersten Programm der ARD.

Nicht nur die Einspieler folgten offenbar dem ästhetischen Imperativ: Hauptsache bunt. Hauptsache Gesprächsstoff für die Couch. Hauptsache viel ZDF-Material. Auch das Gros der Gäste, in ihrer geballten Aufwartung unbestritten beeindruckend, steht oder stand mit dem Zweiten unter Vertrag, ob der „Bergdoktor“ Hans Sigl, die „Heute-Journal“-Frontfrau Marietta Slomka oder ‘Häuptling Silberhaar’ Dieter Kürten, an dessen Frisur sich seit den Zeiten des „Aktuellen Sportstudios nichts verändert hat.

Die ZDF-Star-Parade lockerten Größen von der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz ARD auf und sogar welche aus Hollywood. Das Biest aus dem „Denver-Clan“, Joan Collins, war angereist und tat sich schwer, „den Johannes“ und „den Steven“ auseinanderzuhalten, was durchaus etwas über die Verwechselbarkeit des aalglatten Moderationstyps aussagt, den beide verkörpern. Etwas peinlich geriet auch das Aufeinandertreffen von „Lindenstraße“-Mutti Marie-Luise Marjan und Pamela Anderson. „You have a nice figure“, raunte die Marjan der „Baywatch“-Nixe zu. Moderator Kerner beeilte sich dann, Frau Anderson zu erklären: „Familienserien können wir Deutsche richtig gut.“

Es blieb nicht unerwähnt, dass auch die privaten Fernsehkanäle seit ihrem Bestehen in den farbenfrohen Achtzigern Stars und Programmhöhepunkte zustande gebracht haben. So durften ein paar Soap-Darsteller aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (RTL) kurz mitplaudern. Das Kernteam der Improvisationscomedy „Schillerstraße“ (Sat 1) feierte im Original-Set fröhliches Wiedersehen. Und RTL-Veteranin Sonja Zietlow durfte erstmals öffentlich-rechtlich ihren Dschungelschrei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ loslassen. Mehr als eine Alibi-Funktion übernahmen sie alle gleichwohl nicht in dieser Hit-Clip-Revue. Statt „Wir lieben Fernsehen!“ hätte es korrekterweise heißen müssen: „Wir lieben das ZDF“.

Diese Liebe geht bei den Moderatoren Kerner und Gätjen so weit, dass sie sich in der Comedy-Ausgabe im Anzug in die Badewanne setzten – eine Hommage an Loriot – und danach eine ganze Weile schaumtropfend weitermachten. Als erstaunlich gut eingespieltes Moderationsdoppel feierten sie in dieser Show-Reihe Premiere. Steven Gätjen ist der jüngste ZDF-Import aus dem Privatfernsehen. Doch so richtig rentiert hat er sich bisher nicht. Es gibt nach wie vor nicht übermäßig viele Zuschauer, die bereit sind, sich auf dieses neue Gesicht in der ZDF-Unterhaltung einzulassen (auch bei „Wir lieben Fernsehen!“ fiel die Liebe des Publikums mit im Schnitt knapp dreieinhalb Millionen Zuschauern nicht im Übermaß aus). Mit einer Ausnahme: Als Assistent von Schnauzbartträger Horst Lichter in Spezialausgaben von „Bares für Rares“ war Gätjen am Überraschungshit des Jahres beteiligt.

Der schon vielfach erklärte, aber immer noch unerklärliche Erfolg der Antiquitäten-Show (vgl. MK-Kritik) – er ist übrigens auch für Thomas Gottschalk ein Mysterium, wie er gerade erst in der ARD bekannte: Bei „Anne Will“ war er am vergangenen Sonntag (3. September) eingeladen, um das „TV-Duell“ Merkel gegen Schulz auf seinen Unterhaltungswert abzuklopfen. Als eher gering schätzte er ihn ein („Das war kein Feuerwerk“) im Vergleich zu amerikanischen Verhältnissen, woraus man aber nicht schließen dürfe, dass es dem Publikum nicht doch gefallen haben könnte. Er selbst habe nämlich im ZDF die Erfahrung gemacht, dass man in einer Show ein Feuerwerk an Gästen auffahren könne und mit Jean Paul Gaultier, Helene Fischer, Sahra Wagenknecht und Aerosmith dennoch baden gehe. Und dann, fuhr der offenbar ziemlich frustrierte Show-Experte fort, gebe es da so eine kleine Antiquitätenshow, in der Kuckucksuhren für 80 Euro verkauft würden: „Das“, so Gottschalk, „ist die pure Langeweile. Aber da gucken fünf bis sechs Millionen zu. Vielleicht will der Deutsche so eine Form von Spannung, von Auseinandersetzung.“

08.09.2017 – Senta Krasser/MK