Wer stiehlt mir die Show? 5‑teilige Quizshow mit Joko Winterscheidt (Pro Sieben)

Unternehmen Unterhaltung

28.01.2021 •

Bravo, Pro Sieben! Das haben sie beim Privatsender aus München-Unterföhring wirklich grandios eingefädelt: Einem alten Silberrücken des Showbiz, der mit „Wetten, dass..?“ im ZDF die Unterhaltung groß und teuer gemacht hat, im eigenen werbefinanzierten Programm eine preiswerte(re) Quizshow unterzujubeln, das muss man sich erstmal trauen – und man muss es können. Pro Sieben kann. Und so ist aus dieser irren Idee, Thomas Gottschalk mit der Neuerfindung „Wer stiehlt mir die Show?“ zu Pro Sieben zu locken, nicht nur die unterhaltsamste Sendung in diesem noch jungen Fernsehjahr entstanden; das Generationen-Battle ist auch ein Lehrstück darüber, dass wahre Unterhaltungsgröße im dienstäglichen Quizkorsett ebenso glänzt wie auf freier Samstagabendbahn.

Und die Idee geht so: Joko Winterscheidt ist seiner sogenannten besseren Hälfte bei Pro Sieben, Klaas Heufer-Umlauf, mal wieder (und nach eher mäßig amüsanten Alleingängen wie „Das Ding des Jahres“) stiften gegangen. Mit der gemeinsamen Produktionsfirma Florida Entertainment hat er eben diese Quizshow konzipiert, bei der es kein Geld zu gewinnen gibt, sondern die Moderation seiner Show. Sendezeit statt Euroscheine als der Große Preis – das hat bei Pro Sieben zuvor ja schon ganz gut funktioniert, siehe das für viel Aufsehen sorgende Viertelstundenformat „Joko & Klaas Live“, als die beiden die entsprechende Sendezeit Menschen für politische Stellungnahmen schenkten (vgl. diesen MK-Artikel).

Der Spielrahmen von „Wer stiehlt mir die Show?“ ist bunt, aber nicht auf die Quizformat-übliche grell-blaue Art. Man hat den Gastgeber in ein bonbonfarbenes Interieur in Altrosa und Lindgrün hineingeworfen, das so überdimensioniert ist, dass es ihn eigentlich kleiner macht, als er ist. Wenn er in die Sendung hereinspaziert kommt, verschwindet er förmlich auf dieser Megashowtreppe im Studio, die wie eine Himmelsleiter gebaut ist. Die wohl beabsichtigte Botschaft der Set-Designer: Hier lässt sich jemand aus dem Olymp herab, um Erdlinge zu erfreuen. Welche Hybris!

Die Weite des Studioraums erschließt Joko, Hybris Nr. 2, auf einem selbstfahrenden Gefährt gladiatorengleich. Fehlt nur noch der Lorbeerkranz. Und die Löwen? Diesen Part übernimmt das prominente Kandidatentrio aus der Moderatorin Palina Rojinski, dem Schauspieler Elyas M’Barek und eben Thomas Gottschalk. Dazu stößt in jeder Show jeweils eine andere unbekannte Person, die aus einem Online-Casting herausgefischt wurde, aber zum Geschehen letztlich nichts weiter beiträgt als Statisten im Film.

Diese vier Kombattanten treten an, um in neun Spielrunden à drei Gewinnstufen Joko die Show zu stehlen. Die Redaktion hat sich dafür ins außerordentlich kreative Zeug gelegt und Quizaufgaben erdacht, die zur totalen Blamage taugen oder für ewigen Ruhm. Das Wissensspektrum reicht von Ovids „Metamorphosen“ bis H.P. Baxxter; typische Fußgängerzonenfangfragen („An welchem Datum wurde Deutschland offiziell wiedervereint?“) wechseln sich mit Bild- und Songraterei ab, bei der es aufs schnelle Kapieren und Buzzern ankommt. Dass sich die Show mit den „Mighty Winterscheidts“ eine in weiße Smokings gekleidete Live-Band gönnt, macht sie natürlich edel und hebt sie von anderen Quizshows ab. Der noch schönere Effekt: Die Musik lässt ein bisschen vergessen, dass manche Spielrunde zu straffen wäre, insbesondere das Finale, wo Joko zum direkten Gegner des potenziellen Showstehlers wird und Katrin Bauerfeind die Moderationsrolle übernimmt.

Die Höhepunkte von „Wer stiehlt mir die Show?“ sind freilich andere. Es sind jene Momente, wo sich der König der Pro-Sieben-Zielgruppe und der Kaiser der Samstagabendunterhaltung anfrotzeln. Jede Menge Spott und Spitzen hat die geborene Schlagfertigkeit Thomas Gottschalk für den jüngeren Joko Winterscheidt übrig. Aber der, hoppla, kann ebenso manch guten Konter platzieren (zum Beispiel Details über das Top-Secret-Treffen in Mainz ausplaudern, als er und Klaas als Gottschalks Nachfolger bei „Wetten, dass..?“ gehandelt wurden).

Meist ist Joko aber zu sehr damit beschäftigt, seine Sprachlosigkeit mit Lachtränen zu kaschieren. Wer das größere Mundwerk hat, das ist eindeutig: Thomas Gottschalk. Oft und ungefragt fängt der Show-Veteran davon zu erzählen an, mit welchen Weltpersönlichkeiten er es schon zu tun hatte, mit Lady Gaga („oh“), mit Buzz Aldrin („ah“) und sogar mit der Oma von „Ein bisschen Frieden“-Nicole („ah ja?“). Der Rest der Runde einschließlich Joko erstarrt in Ehrfurcht. Gottschalks Schnurren – für Fernsehnostalgiker war das ein Fest.

Eigentlich war es dann doch erstaunlich, dass es drei Anläufe brauchte, bis der aus fast jeder Pore Wissen und Weisheit verströmende Studienrat a.D. (na gut, beim Thema Drogen zog Gottschalk gegen das enzyklopädische Wissen der jüngeren Herausforderer den Kürzeren) dem Erfinder endlich die Show gestohlen hatte und vor laufender Kamera den Moderatorenvertrag mit Pro Sieben unterzeichnen musste. Hatte da jemand in den Sendungen zuvor die Wissenshandbremse gezogen? Früher stehlen, das wäre jedenfalls für Pro Sieben und Joko eine peinliche Nummer geworden.

Es war also erst der vierte Dienstag, als sich Joko in die Kandidatenrolle fügen musste und Showstehler Gottschalk mit Van Halens Rockhymne „Jump“ den Ton für seine Quizshow-Interpretation vorgab. Wie in besten „Wetten, dass..?“-Zeiten begrüßte er „die Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz“, um dann als erstes Joko die Flügel zu stutzen („Wer zu hoch fliegt, verbrennt sich leicht die Finger“) und als zweites die Band in „Die Heisenbergs“ umzutaufen. Auch die Live-Publikum simulierenden Joko-Klone aus Pappe in den Studiostuhlreihen flogen raus. Dafür brach Gottschalk buchstäblich ein Feuerwerk los. Es puffte und spritzte und rauchte, sobald Gottschalk am Moderatorenpult auf Spezialknöpfe drückte. Sein Pulver war damit aber nicht verschossen. An einer Bar mixte er Drinks. Klaas Heufer-Umlauf holte er für ein (lahmes) Sport-Quiz hinzu. Aber der Oberknaller war Günther Jauch.

Günther und Thomas waren sowas wie das Joko-und-Klaas-Duo der Achtziger des vorigen Jahrhunderts, ein seltsames Paar, aber chemisch perfekt aufeinander abgestimmt. In „Wer stiehlt Thomas Gottschalk die Show?“ – so hieß das nun korrekterweise – gab der RTL-Quizprofi Jauch, wenn auch nur fernmündlich, als, haha, „Telefonjoker“ Gottschalk Tipps, wie man eine Quizshow moderiert. Erste Regel: Quatsch die Leute nicht zu. Natürlich hielt sich der Debütant nicht daran, weshalb sein (aufgezeichnetes) Quiz, wie zu seligen „Wetten, dass“-Zeiten..?“, in die Verlängerung ging. Zwanzig Minuten Überziehzeit – sie haben der Show, die ohnehin ihre Längen hat, nicht unbedingt gutgetan.

Die Luft schien schließlich gänzlich raus, als Gottschalks Sparringpartner Joko aus dem Spiel flog und gehen musste. Er tat es, wie die anderen Loser zuvor, durch einen Tunnel, den sie „Walk of Shame“ nennen. Das ist ein wirklich wunderbares Rausschmeißerelement, weil es aus der Blamage eine köstliche kleine Show macht: Der Verlierer wird zur Schadenfreude des Fernsehpublikums beim Gang aus dem Studio benässt (es regnet!) und gedemütigt mit den eigenen O-Tönen des Versagens. „Ich bin so doof“, hört man Joko sagen, während Queen „Who Wants To Live Forever“ schmettern. Keine zehn Minuten später ist er zwar wieder zurück – so weit gehen sie bei Pro Sieben dann doch nicht, auf ihren Zielgruppenstar zu verzichten –, mit nassem Haar und kurzer Hose verdingt sich Joko als Barkeeper, doch in dieser Rolle bleibt er bis zum Showschluss eine Randfigur am Spielfeld. Sieg für Gottschalk! Nur: Dessen Lust war dann verflogen. Großzügig ließ er sich von Finalist Elyas M’Barek die Show stehlen. Der Schauspieler moderiert nun also am kommenden Dienstag (2. Februar) die Sendung und damit die fünfte Ausgabe, die diese erste Staffel der Show abschließt.

Die „Legende“ hatte gezeigt, was sie noch immer kann mit ihren bald 71 Jahren. Lektion erteilt. Jetzt ist aber auch gut. Soll sich doch die Jugend weiter abstrampeln. Was bleibt unterm Strich? Thomas Gottschalk zieht noch immer Zuschauer, selbst die unter 49-Jährigen. Fast eine Million mehr als die drei Ausgaben zuvor hatte die „Wer stiehlt Thomas Gottschalk die Show?“-Variante. Wie wertvoll so ein gut gealtertes Unterhaltungspfund ist, das bemessen sie in Unterföhring hoffentlich nicht nur am Börsenkurs ihres Unternehmens.

28.01.2021 – Senta Krasser/MK

In der vierten Ausgabe war's so weit: Joko Winterscheidt wurde von Thomas Gottschalk die Show gestohlen...

...und die Show wurde dementsprechend umbenannt. Gottschalk ließ sich dann großzügig...

...von Elyas M’Barek die Show stehlen, die mithin zu dessen Moderation wieder entsprechend umbenannt wurde

Fotos: Screenshots


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