Von der DDR in die ARD: Zum 50‑jährigen Bestehen der Kriminalfilm-Reihe „Polizeiruf 110“

06.06.2021 •

Auf den ersten Blick bot die am 30. Mai ausgestrahlte neue Folge vom „Polizeiruf 110“ nicht viel Neues. Gewiss, mit dem Film „An der Saale hellem Strande“ nahm ein neues Kommissarsduo die Arbeit auf, das in Halle angesiedelt ist, der Stadt an jenem Fluss, den die aus einem Volkslied stammende Titelzeile nennt. Aber beides – neues Team und neuer Standort – ist so ungewöhnlich nicht mehr.

Eine Woche zuvor hatte beispielsweise der „Tatort“, mit dem sich der „Polizeiruf 110“ seit 30 Jahren den Sendeplatz am Sonntagabend um 20.15 Uhr im Ersten teilt, ebenfalls mit einem neuen Team aus Bremen aufgewartet. Unter dem Titel „Neugeboren“ ermittelten am 24. Mai erstmalig Jasna Fritzi Bauer als Liv Moormann und Dar Salim als aus Dänemark an die Weser versetzter Kommissar Mads Andersen zusammen mit Luise Wolfram, die schon zuvor als BKA-Beamtin im Bremer „Tatort“ aktiv war, in einem verzwickten Mordfall (vgl. MK-Kritik).

„Eine bestimmte Langeweile überwinden“

Ungewöhnlich war bei diesem „Polizeiruf“ etwas anderes, weshalb sich die Beschäftigung mit dieser neuen Folge aus Halle an der Saale, die der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) in Auftrag gab, lohnt. Damit ist weniger allein das 50-jährige Jubiläum gemeint, dass die Reihe „Polizeiruf 110“ mit dieser Folge aus Sachsen-Anhalt feierte. Gemeint ist vielmehr, dass der Jubiläumsfilm von Clemens Meyer (Buch) und Thomas Stuber (Buch/Regie) auf mehreren Ebenen an den Ursprung dieser Reihe anknüpfte und viele Verweise auf deren Geschichte enthielt. Der „Polizeiruf 110“ startete am 27. Juni 1971 im Fernsehen der DDR, das damals Deutscher Fernsehfunk (DFF) hieß. Als Krimireihe war der „Polizeiruf“ dort kein Novum. Zuvor hatte eine Reihe wie „Blaulicht“ (1959 bis 1968) bereits von Kriminalfällen und ihrer Aufklärung durch die Polizeibeamten erzählt. Aber der „Polizeiruf 110“ wirkte vom Erscheinungsbild (Vorspann, Musik, Erzähl- und Inszenierungsweise) und vom Tempo her deutlich moderner als die Vorgängerreihe.

Dieser Modernisierungsschub war Teil einer veränderten Gesellschaftspolitik in der DDR. Erich Honecker, der im Mai 1971 Walter Ulbricht an der Spitze der Staatspartei SED abgelöst hatte, versprach in seiner Antrittsrede auf dem VIII. Parteitag, „eine bestimmte Langeweile zu überwinden“, die in den beiden Fernsehprogrammen seines Landes herrsche. Damit war nicht eine politische Liberalisierung etwa in den journalistischen Sendungen gemeint, sondern eine Verstärkung des Unterhaltungsangebots. Das Programm sollte nicht mehr nur indoktrinieren, sondern nun auch verstärkt unterhalten, um den Feierabend der „werktätigen Bevölkerung“ zu erleichtern.

Damit reagierte Honecker auch auf die Tatsache, dass man in der DDR – von der Obrigkeit mit Unwillen registriert – regelmäßig die von Westen einstrahlenden Programme der bundesdeutschen Konkurrenz sah. Im Westdeutschland hatte 1969 das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) begonnen, am Freitagabend die langlaufende Reihe „Der Kommissar“ mit Erik Ode in der Hauptrolle zu etablieren, in der nun Kriminalfälle aufgeklärt wurden. Die ARD zog ein Jahr später nach, als sie unter dem Titel „Tatort“ erst einmal Kriminalfilme, die schon länger produziert worden waren, zusammenfasste, um später dann Sendeanstalt für Sendeanstalt eigene „Tatort“-Reihen zu entwickeln. Die Polizei, die ja Länder- und nicht Bundessache ist, passte bestens zu den ebenfalls nach Bundesländern geordneten Rundfunkanstalten der ARD. An zwei Tagen bot also die bundesrepublikanische Konkurrenz Krimis im Hauptabendprogramm an, die auch für die Bürger der DDR höchst attraktiv waren. Darauf galt es im Osten zu reagieren.

Als Hauptmann Fuchs betrunken war

Der „Polizeiruf“ sollte also auch dafür stehen, dass man es in der sozialistischen DDR ebenso gut wie in der marktwirtschaftlichen Bundesrepublik vermochte, spannende und damit vor allem unterhaltende Fernsehfilme zu produzieren und über die Reihenkonstruktion ein großes Publikum über einen längeren Zeitraum an sich zu binden. Dass das gelang, lag auch an einer gewissen Erzählkonvention: Die eher kleineren Verbrechen – Mord war im „Polizeiruf“ die Ausnahme – wurden von biederen Kriminalbeamten, die Offiziersgrade bekleideten und über deren Privatleben man nur selten etwas erfuhr, verlässlich aufgeklärt. Dem Täter werde nichts geschenkt, war eine Aussage, wie sie für die Ermittler typisch war und die sich als Dialogzeile gesprochen in erster Linie an die Zuschauer in der DDR richtete.

So wurde der „Polizeiruf 110“ zu den erfolgreichsten Sendungen des DDR-Fernsehens. Als sich nach dem Mauerfall die DDR 1990 der Bundesrepublik Deutschland politisch anschloss, wurde – wie zuvor viele andere Institutionen – Ende 1991 auch der Deutsche Fernsehfunk geschlossen. An seine Stelle traten sich dem ARD-Verbund anschließende öffentlich-rechtliche Landesrundfunkanstalten wie der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB), der später mit dem Sender Freies Berlin (SFB) zum Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) fusionierte, und der Mitteldeutsche Rundfunk, der die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit Programm versorgen sollte. In Mecklenburg-Vorpommern hatte man sich dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) angeschlossen. Im Gefolge dieses Umbruchs trennten sich die neuen Anstalten, die der ARD beitraten, und der erweiterte NDR von vielem auf Seiten von Personal und Programm, was den DFF gekennzeichnet hatte.

Zu den wenigen Programmbestandteilen, die vom ARD-Verbund übernommen wurden, gehörte der „Polizeiruf 110“. Zum einen, weil er politisch weitgehend unverdächtig war, zum anderen auch, weil man mit ihm schon vor der Wiedervereinigung einmal kooperiert hatte. Für den Film „Unter Brüdern“ hatte man die „Tatort“-Kommissare Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) aus Duisburg mit den Ermittlern Fuchs (Peter Borgelt) und Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) aus Ost-Berlin zusammengespannt, um einen deutsch-deutschen Fall zu lösen. Produziert wurde der Film zu Zeiten, in denen die DDR noch existierte. Ausgestrahlt wurde er hingegen erst einige Wochen nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 (vgl. FK-Heft Nr. 44/90). Regisseur dieser Folge war Helmut Krätzig, der schon die „Polizeiruf“-Startfolge von 1971 inszeniert hatte. Er lässt zu Beginn von „Unter Brüdern“ den bislang so braven wie biederen Hauptmann Fuchs betrunken aus dem Zug taumeln, als der in Duisburg hält. Die Vorbildfunktion der Polizeibeamten, das sagte diese Szene, war dahin. Was Horst Schimanski mit einer gewissen Belustigung wahrnimmt.

Der „Schimanski des Ostens“

Bis zu seiner Auflösung 1991 hatte der Deutsche Fernsehfunk noch weitere „Polizeiruf“-Folgen produziert, dann stoppte die Reihe erst einmal, ehe sie 1993 von ORB, MDR und NDR reaktiviert wurde – allerdings durchgehend mit neuem Personal. Später gingen auch andere (nicht ostdeutsche) ARD-Anstalten dazu über, für die nun im Ersten laufende Reihe eigene Teams zu rekrutieren und „Polizeiruf“-Folgen zu produzieren. Filmisch gehörten die Produktionen mit Matthias Brandt, die der Bayerische Rundfunk (BR) beisteuerte, zum Besten, was es an Krimis zu sehen gab. Von ähnlicher Qualität auch die Folgen, die der NDR seit 2010 in Rostock mit Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner produzieren lässt. Allerdings verkündete Hübner dieser Tage, dass er aus der Reihe aussteigen werde. Ein Verlust.

Wie knüpfte nun der Jubiläumsfilm „An der Saale hellem Strande“ an die DDR-Vorgeschichte der Reihe an, die ja inzwischen nur ihren kleineren Teil ausmacht? Zum einen durch eine Reminiszenz: In einer Szene trifft einer der beiden Hallenser Kommissare (Peter Schneider) auf den Vater seiner Frau, der vor seiner Pensionierung ebenfalls bei der Kriminalpolizei arbeitete. Dieser Schwiegervater wird von Andreas Schmidt-Schaller gespielt und heißt nach der Besetzungsliste (im Film selbst wird sein Name nicht genannt) Thomas Grawe; es ist also jene Figur, die seit 1986 in vielen Folgen vom „Polizeiruf 110“ ermittelt hatte. (Seinerzeit hatte man die Figur des Oberleutnants Grawe wegen einer gewissen Aufmüpfigkeit als „Schimanski des Ostens“ bezeichnet, worauf der Schauspieler Schmidt-Schaller ein wenig stolz ist.) Im Film ist der Pensionär überrascht, als ihm sein Schwiegersohn mitteilt, wie er und seine Kollegen im aktuellen Fall eines Mordes ermitteln, indem sie alle Personen befragen, deren Mobiltelefone in der möglichen Tatzeit in der Nähe des Tatorts registriert worden waren.

Andere Verweise auf die DDR-„Polizeirufe“ kommen hinzu. Zwischentitel, die im Film als Kapitelüberschriften fungieren, zitieren beispielsweise Folgen aus der DDR-Zeit. In einer Nebenrolle ist Torsten Ranft zu sehen, der in einem der besten Filme der Reihe („Der Kreuzworträtselfall“ aus dem Jahr 1988) einen Kindermörder spielte. Und der zweite Kommissar – gespielt von Peter Kurth – benutzt beim Verhör zum Aufnehmen noch ein altes analoges Diktiergerät, wie man es auch in der DDR benutzt haben könnte.

Die Zensoren aus Ost-Berlin

Wichtiger aber ist, dass der Film die Mordermittlung zum Anlass nimmt, ein spezifisches Milieu so zu erkunden, wie es einst der „Polizeiruf 110“ der DDR regelmäßig unternommen hatte. Zu diesem für eine Großstadt typischen Milieu gehören eine Prostituierte, eine Lebedame, ein pensionierter Eisenbahner, ein Kleinganove und ein Kreis von Alkoholikern, die sich regelmäßig zum Trinken treffen. Der Alkoholismus in der DDR war gleich mehrfach in der „Polizeiruf“-Reihe thematisiert worden. In der Rolle suchtkranker Männer hatten Schauspieler wie Ulrich Thein („Der Teufel hat den Schnaps gemacht“, 1981) oder Ulrich Mühe („Flüssige Waffe“, 1988) brilliert. Im aktuellen Fall in Halle sind es Tilla Kratochwil und Sebastian Weber als Ehepaar Berger sowie Harald Polzin als ihr Nachbar Ralf Hirschberger, die Alkoholiker spielen, die vom und für den Schnaps leben. Beim Versuch, Strom aus einer anderen Wohnung abzuklemmen, kommt es zu einem tödlichen Stromschlag. Aktionen, die diesen Unfalltod von Ralf Hirschberger vertuschen sollen, hinterlassen Spuren, die sich mit denen des Mordes überlagen, den die beiden Kommissare zu ermitteln haben. Was die Sache für sie nicht einfacher macht.

Diese Milieuzeichnung ist von den knappen Dialogen bis in die Ausstattungsdetails präzise und zudem mit Witz und Sentimentalität gleichermaßen aufgeladen. Das ist nicht zuletzt die Leistung von Drehbuchautor Clemens Meyer, der aus Halle kommt und in seinen Romanen ähnliche soziale Situationen beschrieben hat. Meyer hat im Übrigen auch mit Thomas Stuber jenen „Tatort“ entwickelt, der unter dem Titel „Angriff auf Wache 08“ (ARD/HR) den Film „Assault – Anschlag bei Nacht“ von John Carpenter coverte (vgl. MK-Kritik).

Dass die Milieuzeichnung im Film die klassische Mordermittlung überlagert, ähnelt dem Bauprinzip der alten DDR-Reihe. Denn in der sozialistischen DDR konnte ein Verbrechen ja nicht der Gesellschaft angelastet werden, sondern musste als individuelle Verfehlung schwacher Charaktere begründet werden. Für eine solche Begründung bedurfte es der genauen Darstellung der Biografien und Lebensverhältnisse. „Abgebrochener Student mit kriminellen Ambitionen“, nannte der Schauspieler Henry Hübchen mal eine von ihm im „Polizeiruf“ gespielte Täterfigur (in „Blütenstaub“, 1972). Hübchen selbst rückte in der Reihe 2003 als Kollege an die Seite des Kommissars Jens Hinrichs, den weiterhin Uwe Steimle spielte. Dass der Schauspieler Steimle, der als Hinrichs in 31 Folgen zu sehen war, in diesen Jubiläumstagen des „Polizeirufs“ kaum erwähnt wird, hat mit seiner weiteren politischen Entwicklung zu tun, die ihn im rechtsextremen politischen Spektrum landen ließ.

Der Kommissar als Freund eines Mörders?

Zu DDR-Zeiten wurden selbstverständlich die Fälle am Ende jeder Folge gelöst. Trotz aller Probleme sollte sich die Kriminalpolizei als eine verlässliche Institution erweisen. Darauf achteten schon die Zensoren im Ost-Berliner Innenministerium, die jeden Entwicklungsschritt jeder Folge genau beobachteten und die eingriffen, wenn eine Geschichte zu sehr dem Selbstbild der Polizei widersprach. Ein Vorteil dieser engen Zusammenarbeit bestand für die Regisseure darin, dass das Innenministerium die Produktion personell wie technisch unter­stützte. Massenszenen waren dadurch ebenso leicht möglich wie der Einsatz eines Polizeihubschraubers. Daran erinnerte unter anderem der am 30. Mai um 23.40 Uhr ausgestrahlte 45-minütige Beitrag „Polizeiruf 110 – Die Krimidokumentation“ von Tom Kühne, den der MDR in Auftrag gab und in der auch Drehszenen der aktuellen Folge zu sehen sind.

Zum Glück verharrte der Film „An der Saale hellem Strande“ (7,82 Mio Zuschauer, Marktanteil: 25,9 Prozent) nicht in seinen Bezügen zur Vorgeschichte der Reihe, sondern enthielt einige Elemente, die auf zukünftige Folgen hinweisen. Der von Peter Kurth gespielte Kommissar Koitzsch beispielsweise ist nicht nur ebenfalls ein schwerer Trinker, sondern zudem der Freund eines Mannes, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt. Worauf ihre Freundschaft gründet, ist noch nicht erzählt. Die Vorgeschichte dazu dürfte in den nächsten Folgen sicher noch eine größere Rolle spielen. Peter Kurth verleiht ja seinen Figuren gerne eine Aura des Undurchschaubaren und Rätselhaften, was auch hier zum Tragen kommt. Sicher wird er aber nicht wie am Ende der ersten beiden Staffeln der Serie „Babylon Berlin“ (Sky/ARD) die Seite wechseln und sich als Gangster entpuppen.

Bleibt nur ein Widerspruch: Der „Polizeiruf 110“ war – auch gesamtdeutsch betrachtet – die erste Krimireihe, in der von 1971 bis 1983 wie selbstverständlich eine Frau als Ermittlerin tätig war (Sigrid Göhler als Polizeileutnant Vera Arndt). In Halle an der Saale sind die Männer nun wieder unter sich.

06.06.2021 – Dietrich Leder/MK

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