Volker Heise: Schockwellen – Nachrichten aus der Pandemie (ARD/RBB/SWR/NDR/WDR/BR/SR)

Ein nicht begreifbarer Ausnahmezustand

19.07.2021 •

Im vorigen Jahr hat Volker Heise für Arte und das Dritte Programm des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) die zweiteilige Dokumentation „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ produziert, eine Montage aus Tagebucheinträgen und verschiedenstem Filmmaterial über die Geschehnisse in der Stadt zwischen endendem Krieg und beginnenden Frieden. Der Ansatz bei „Schockwellen – Nachrichten aus der Pandemie“ ist zumindest formal ähnlich: Auch dieser Dokumentarfilm, der im Auftrag von sechs ARD-Anstalten entstand, ist vorgefundenem Material entstanden. Aus Ausschnitten von Nachrichtensendungen, Reportagen und Online-Videos montiert Heise eine Chronik der bisherigen Corona-Pandemie und ihrer Infektionswellen, rekapituliert die großen und die kleinen Katastrophen, die Notlösungen und die Zwischenhochs.

Der in seinem neuen Kompilationsfilm abgedeckte Zeitraum ist etwas länger als der bei „Berlin 1945“. „Schockwellen“ beginnt mit Ausschnitten aus der live vom Brandenburger Tor gesendeten ZDF-Silvestershow „Willkommen 2020“ und der Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel – und endet mit Bildern von im Mai 2021 in Indien öffentlich verbrannten Menschen, die der Delta-Variante des Corona-Virus zum Opfer gefallen waren.

Heise greift sowohl auf relativ bekannte als auch weniger bekannte Bilder zurück. In die erste Kategorie fällt eine Episode mit zwei hochbetagten Männern, die nach Jahrzehnten erstmals von ihren an Parkinson leidenden Ehefrauen getrennt werden – weil im Seniorenheim coronabedingt lange keine Besuche erlaubt sind. Zu sehen waren diese beiden Herren aus Hamburg im August 2020 im Ersten Programm in einer monothematischen Sendung des Politikmagazins „Panorama“ (NDR) unter dem Titel „Trennung am Lebensende: Corona und Seniorenheime“ und darüber hinaus in verschiedenen aktuellen Sendungen des Ersten und des Dritten Programms NDR Fernsehen.

Die eindrücklichsten Szenen in „Schockwellen“ stammen aus einem Beitrag, der Anfang Januar 2021 im MDR Fernsehen in dessen Politikmagazin „Exakt“ gesendet worden war; sie entstanden auf dem Gelände eines Krematoriums in der sächsischen Stadt Meißen, wo in der Hochphase der zweiten Welle ständig neue Tote angeliefert werden. Die Kamera fängt hier ein, wie mit Alltagsroutine und auch einer gewissen Lakonik auf einen eigentlich nicht begreifbaren Ausnahmezustand reagiert wird.

Volker Heise stellt in „Schockwellen“ zudem die Kunst unter Beweis, mit prägnanten Kürzest-Ausschnitten Personen zu skizzieren. Das gilt zum Beispiel für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet ebenso wie für Hendrik Streeck, der dem „Expertenrat Corona“ in Nordrhein-Westfalen angehört. Laschet ist hier mit der im Juni 2020 geäußerten Einschätzung zu hören, ein massiver Corona-Ausbruch beim Fleischereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sei darauf zurückzuführen, dass „Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt“. Es ist eine für Laschets, vornehm formuliert: hemdsärmelige Art typisches Statement.

Auf ähnliche Weise charakteristisch ist ein von Heise in seinen Film montierte Äußerung Hendrik Streecks. Ende Mai 2020 sagte er in der ZDF-Talksendung „Markus Lanz“: „Ich gehe nicht davon aus, dass wir eine zweite Welle haben werden.“ Dass Heise solch ein Statement auswählt, ist nur konsequent angesichts der zahlreichen Fehleinschätzungen des Virologen, die zum Beispiel die Wissenschaftsjournalisten des Online-Magazins „Riffreporter“ und das Medienkritikportal „Übermedien“ im Februar dieses Jahres in einem parallel veröffentlichten Beitrag dazu bewegten, ausführlich „zwölf Irrtümer“ Streecks zu beschreiben.

So entwickelt sich in dem 90-minütigen Film eine Mischung aus kleinen Geschichten und eher schlagartig abgehandelten Themen. Zuweilen wirken beim Sehen des Beitrags die Bilder älter als sie wirklich sind – ein Eindruck, der vermutlich entsteht, weil sich während der Pandemie unser Zeitgefühl verändert hat. Andere ältere Bilder kommen einem nicht unbedingt alt vor. Im Sommer 2020 sagt ein Mann am Strand des Ostseebades Zierow: „Irgendwann muss das normale Leben ja auch mal weitergehen.“ Man wird solche Formulierungen auch in diesem Sommer wieder aufschnappen können.

Die Dreharbeiten für „Schockwellen“ endeten im Mai 2021. In den letzten Szenen stellt Volker Heise den in Deutschland zu diesem Zeitpunkt aufkommenden Optimismus, den er durch Bilder der wiedereröffneten Außengastronomie illustriert, den apokalyptischen Bildern der Verheerungen gegenüber, die die damals neuartige Delta-Variante in Indien angerichtet hat. Hier beginnt eine für die Pandemie möglicherweise typische Phase, in der sich die Freude über eine „Normalisierung“ bzw. die Vorfreude auf weitere Normalisierungsschritte mit Warnungen vor einer erneuten Verschlimmerung der Lage mischen. Diese Stimmung ist seit Ende der Dreharbeiten noch deutlicher zu spüren: Eineinhalb Wochen nach der Erstausstrahlung von „Schockwellen“ (Produktion: Zero One Film) war Delta bereits die dominante Variante auch in Deutschland – was die Befürchtung nährt, dass sich im Herbst 2021 vieles von dem wiederholen wird, was wir im Herbst vergangenen Jahres bereits erlebt haben. In diesem Sinne ist „Schockwellen“ (890.000 Zuschauer, Marktanteil: 7,1 Prozent) nicht nur ein Dokumentarfilm über Vergangenes, sondern auch einer über wiederkehrende Muster.

19.07.2021 – René Martens/MK

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