Volker Einrauch/Hermine Huntgeburth: Teufelsbraten. 2‑teiliger Fernsehfilm (Arte/ARD)

Das Wagnis war es wert

07.03.2008 •

07.03.2008 • Im Jahr 2006 landete ein kleiner Kinofilm einen Überraschungscoup: „Wer früher stirbt, ist länger tot“, das Debüt von Marcus H. Rosenmüller (und eine Koproduktion des Bayerischen Rundfunks), wurde mit oder vielleicht auch trotz seiner urbayerischen Färbung und seiner starken Dialektsprache von Publikum und Kritik gefeiert. Ein Beweis also, dass auch regionale Geschichten überregionalen Zuspruch erleben können. Wichtig ist, dass die Handlung jenseits aller Ortsgebundenheit genügend verallgemeinerbar ist und einen hohen Identifikationswert für jeden Zuschauer besitzt.

In vielerlei Hinsicht ähneln sich also der bayerische Film von Rosenmüller und der Fernsehfilm „Teufelsbraten“ unter der Regie von Hermine Huntgeburth. Denn auch „Teufelsbraten“ ist regional gebunden und stark dialektal gefärbt, erzählt aber ein weit verbreitetes Schicksal: die Befreiung aus der sozialgeschuldeten Unmündigkeit. Der Film nach der Vorlage des rheinischen Romans „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn, den Drehbuchautor Volker Einrauch fürs Fernsehen adaptierte, schildert die ergreifende Emanzipationsgeschichte der aufwachsenden Hildegard, einer Arbeitertochter aus der Umgebung Kölns in den 1950er Jahren, die eine starke Leidenschaft für Bücher und (Hoch-)Sprache entwickelt. Selbst auf Steinen will sie Geschichten lesen können, und jeder richtige Buchstabe ist es ihr wert, gelesen zu werden, selbst wenn er Teil von Boulevardgeschichten in Illustrierten ist: Hauptsache, lesen.

Hildegards Leidenschaft entwickelt sich ganz zum Ärger ihrer Familie, die mit dem fantasiebegabten und wissbegierigen Mädchen überfordert ist. Es sei ein Kind Dämons, „ein Teufelsbraten“, meint die Großmutter (Barbara Nüsse). Daher sollen Gebete und Prügel den Sehnsüchten des Kindes den Garaus machen, denn sie passen so gar nicht zu ihrem sozialen Hintergrund. Doch Hildegard bleibt standhaft. Entgegen dem Willen ihrer Eltern (Ulrich Noethen, Margarita Broich) liest und lernt sie, kommt mit Unterstützung von Pfarrer und Lehrer auf die höhere Schule. Nur die Universität, die wollen sie ihr dann doch nicht erlauben. Doch bis dahin passiert ohnehin noch einiges. Der Vater schlägt und demütigt sie regelmäßig, hält ihr sein proletarisches Verhalten als Spiegel vor: Du bist eine von uns, soll das heißen. Es ist eine nicht gerade sympathische Rolle, die Ulrich Noethen da zu spielen hatte. Er meistert die Herausforderung, agiert weitestgehend beeindruckend. Doch die Sprachfärbung ist nicht ohne Problem, sowohl bei Noethen als auch den meisten anderen Darsteller. Man spricht Kölsch – nur können das offenbar nicht genügend Schauspieler, insbesondere die jüngeren nicht. Dabei durchziehen den ganzen Film Sätze wie dieser: „Du jlöws woll, datte jet Besseres bis“ – du glaubst wohl, dass du etwas Besseres bist. An Mundartformulierungen wie diese muss sich der Zuschauer von Anfang an gewöhnen.

Der aufwendige, von Günter Rohrbach produzierte Film (Colonia Media) wagt dieses mutige und außergewöhnliche Experiment, ein Fernsehstück beinahe durchgängig in „kölscher Sproch“ zu zeigen. Denn der Dialekt ist hier (wie auch in der Buchvorlage) unverzichtbarer Bestandteil der Geschichte. „Mit der Protagonistin durchleben wir anschaulich und sinnlich, wie Sprache und Identität schmerzhaft zusammenhängen, wie soziale Herkunft über den Dialekt stigmatisiert werden kann“, sagt Gebhard Henke, Leiter der WDR-Abteilung Film, Unterhaltung und Familie. Der WDR finanzierte das insgesamt 4,5 Mio Euro teure Projekt zu großen Teilen (Koproduzent: Arte); die Filmstiftung NRW gab 1,5 Mio Euro Fördergelder dazu.

Gelingt das Wagnis? Der Film verlangt vom Rheinländer wie vom Nicht-Rheinländer zunächst einmal viel Geduld, aber er gewinnt mit der Zeit zunehmend an Stärke. Liegt es am ungewohnt starken Dialekt, der zwar entschärft wurde, aber dennoch dominant ist, dass man eine gewisse Eingewöhnungszeit braucht? Oder liegt es am übertriebenen Singsang und den extrem gedehnten Vokalen in der Sprache der Darsteller, die das Rheinische nur für den Film gelernt haben und daher nicht wirklich authentisch sprechen – was wiederum auch, aber nicht nur an der Entschärfung liegen kann? Bei Anna Fischer beispielsweise, die das Mädchen Hildegard im Jugendalter bemerkenswert spielt, spürt man in so mancher Szene, dass sie eigentlich berlinert. Tatsächlich war die Suche nach der richtigen Besetzung schwierig: 500 Kinder und Jugendliche wurden für die Rolle der Hildegard gecastet, die von insgesamt drei Mädchen in verschiedenen Lebensphasen gespielt werden musste. Die kleinen und größeren Darstellerinnen sind schauspielerisch ein Gewinn: Sowohl die junge Nina Siebertz als auch Charlotte Steinhauer wie schließlich Anna Fischer spielen ihre jeweiligen Rollen sehr gut, ob sie nun des kölschen Dialektes mächtig sind oder nicht.

Den erwachsenen Protagonisten wie Ulrich Noethen, Margareta Broich und Barbara Nüsse ist das Kölsch allerdings eher abträglich für ihr sonst hervorragendes Spiel, selbst, wenn sie wie die Darstellerin der Mutter und die der Großmutter zumindest aus Nordrhein-Westfalen kommen. Am überzeugendsten ist da noch Peter Franke, der überragend den Großvater von Hildegard spielt.

Dem Rheinländer sträuben sich mancherorts sicher die Haare (wenn auch nicht so schlimm wie schon in manchem WDR-„Tatort“, wenn offensichtliche Nicht-Kölner plötzlich als Kioskbesitzer mit kölscher Sprachfärbung besetzt werden). Der Nicht-Rheinländer könnte überdies Schwierigkeiten mit dem Dialekt überhaupt haben, gerade dann, wenn der Film sich wie im ersten Drittel etwas schleppend dahinzieht. Aber – wie beschrieben – es haben ja dennoch auch andere regionale Dialektfilme (verdiente) Erfolge gefeiert. Und wer bei „Teufelsbraten“ dranbleibt, wird wirklich belohnt: Die Handlung, die sich über zwei (von Arte direkt hintereinander gezeigte) 90-Minüter erstreckt, gewinnt nach und nach an Dynamik, vor allem der zweite Teil ist spannend und ergreifend. Unter anderem und ganz besonders für das fulminante Wechselspiel zwischen Anna Fischer und Corinna Harfouch in der Rolle einer kettenrauchenden Zickensekretärin lohnt es sich, diesen Zweiteiler zu sehen. Dass der ganze Film im gelbstichigen Nachkriegsfarbton gehalten ist, ist hingegen ein Detail, das nicht ganz einleuchtet, wohl aber zu verkraften ist.

Trotz einiger Einwände ist „Teufelsbraten“ ein gelungenes, ein überdurchschnittlich gutes Stück Fernsehen. Und es ist anzunehmen, dass der Film vor allem auf der emotionalen Ebene von Zuschauern in allen Teilen Deutschlands verstanden und nachempfunden wird, da die Story um die Emanzipation von Hildegard aus ihrem sozialen Umfeld nicht allein für Kölsch-Sprechende, nicht nur für Menschen aus dem gleichen Milieu und nicht nur für Menschen der Nachkriegsgeneration einen Identifikationswert besitzen dürfte. Das Schicksal ist allgemeingültig. Somit bleibt als Fazit, dass die filmische Verbindung von sozialem Umfeld, dialektaler Prägung und Identität dieses mutige Experiment mehr als wert war. „Teufelsbraten“ hat das Zeug, eine der am stärksten in Erinnerung bleibenden Produktionen des Fernsehjahres 2008 zu werden.

• Text aus Heft Nr. 10/2008 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

07.03.2008 – Susanne Schmetkamp/FK

Die Geschichte einer Emanzipation: Überdurchschnittlich gutes Fernsehen

Foto: Screenshot


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