Vivien Hoppe/Sven Fehrensen/Ulrike Hamacher/Andreas Menck/Oliver Schmitz: Sankt Maik. 10‑teilige Serie (RTL)

Humorvoll und mit lebensbejahender Weltsicht

23.03.2018 • Der Dieb und Betrüger Maik Schäfer (Daniel Donskoy) tritt gerne im Gewand von Respekts­personen auf, um seine Mitbürger zu bestehlen. Sein angeborener Charme ist ihm dabei eine große Hilfe, Freundlichkeit zeigt er nicht nur, wenn er anderen in die Tasche langt. Aktuell ist er als falscher Schaffner in einem Regionalzug unterwegs, um Handys, Uhren und Geldbörsen zu entwenden. Er gibt sich betont fürsorglich, selbst ein Pfarrer spricht lobende Worte über den vermeintlichen Schaffner.

Der kränklich wirkende Priester kehrt von einem längeren Afrika-Aufenthalt zurück und ist im Zug auf dem Weg nach Läuterberg, um in dem Ort die dortige Pfarrei zu übernehmen. Dann aber sitzt er tot in seinem Abteil. Maik, inzwischen entlarvt, tauscht kurzentschlossen die Schaffneruniform gegen die Soutane des Pfarrers und nutzt den nächsten Halt des Zuges zur Flucht. Die Station: Läuterberg. Dort wartet bereits Haushälterin Maria Böhme (Susi Banzhaf) auf den neuen Pfarrer – und ehe er sich’s versieht, ist der Berliner Kleingauner Maik Schäfer Seelsorger einer katholischen Gemeinde in einer rheinischen Kleinstadt.

Er nimmt die unverhofft eingetretene Berufung an. Zunächst, um seine Tarnung zu wahren. Aber auch, weil die Gemeinde über eine wertvolle Monstranz verfügt. Die möchte Maik in seinen Besitz bringen, notgedrungen, denn sein jüngerer Bruder Kevin (Vincent Krüger) hat daheim in Berlin einen Gangster verprellt. Der erboste Gewaltverbrecher fordert Schadenersatz. Ein Verkauf der goldenen Monstranz würde den nötigen Betrag einbringen. Nur – der Diebstahl will einfach nicht gelingen. Man könnte beinahe glauben, eine höhere Macht habe ihre Hände im Spiel.

Es gibt einen zweiten Grund, der Maik in Läuterberg hält: die ehemalige Kriminal- und jetzige Ortspolizistin Eva Hellwarth. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, was auch Evas Schwester Ellen nicht entgeht. Einen kleinen Besetzungscoup der Produktionsfirma gibt es hier übrigens: Eva und Ellen Hellwarth werden von den realen Schwestern Bettina und Marie Burchard gespielt. Das kommt dem Zusammenspiel merklich zugute.

Headautorin Vivien Hoppe greift bei der RTL-Serie „Sankt Maik“ (Produktion: Ufa Fiction) auf das altbewährte Komödienschema des überstürzten, meist unfreiwilligen Milieuwechsels zurück, für das die Angelsachsen den anschaulichen Begriff „Fish-out-of-water-Story“ gefunden haben. Kontraste ergeben Reibungen, aus denen sich humoristisch Kapital schlagen lässt. Die Figurenzeichnung in der neuen RTL-Serie fällt dabei nuancenreicher aus, als eine kurze Inhaltsbeschreibung vermuten lässt. Zwar kennt der Schwerenöter Maik keinen Respekt vor den irdischen Gesetzen, wohl aber vor denen der Menschlichkeit. Auf der anderen Seite trifft das Publikum auf Gemeindemitglieder, die nicht frei von Sünde sind, deren Religiosität vorrangig dem Anschein dient, weil sie, ähnlich wie das Vereinsleben, in einer kleinen Gemeinde den Geschäften zuträglich ist. Gegen Ende der Episoden stellt Maik aus dem Off jeweils sinnige Überlegungen an, auch zu diesem Thema: Ist es nur Gewohnheit, die die Gläubigen allsonntäglich „auf die harten Holzbänke“ treibt? Oder wollen sie zumindest einmal in der Woche nicht alleine sein? Erkannt hat der Kleingauner: „Das Gute an der Kirche ist ja, dass hier angeblich jeder willkommen ist. Sogar die Sünder.“

Befürchtungen, mit dieser Serie werde der Priesterstand zum Gespött gemacht, gar Klamauk veranstaltet, können nach Ansicht von fünf Episoden entkräftet werden. Solche Befürchtungen wären vermutlich auch gar nicht erst aufgekommen, hätte man zur Kenntnis genommen, dass – so ist es zumindest in einer Presseinformation des Senders zu lesen – das Autoren- und das Regieteam von „Sankt Maik“ von einem Pfarrer, einer Küsterin, einem Dekan und einem Kirchenvorstandsmitglied beraten wurden.

Zwar wird dem Pfarrer auch mal ein Stück Torte ins Gesicht gedrückt, aber Slapstick-Elemente sind hier insgesamt eher rar. „Sankt Maik“ gehört ins Subgenre der Dramedys – wieder einer dieser importierten Begriffe, die Altbekanntem ein neues Etikett verleihen: Gemeint ist die Tragikomödie. Die lässt Raum für Themen wie Einsamkeit im Alter, Abtreibung oder einen Suizidversuch. Sujets, denen sich die insgesamt sechs Autorinnen und Autoren mit dem nötigen Fingerspitzengefühl widmen. Der Witz der Serie, die Tragikomik, liegt darin, dass Maik Schäfer frei nach Goethe das Böse will, doch stets das Gute schafft. Er tut kraft seines Naturells letztlich immer das, was ein aufrichtiger Seelsorger aus christlichem Verständnis heraus tun würde. Ausgenommen vielleicht diese Sache mit dem Zölibat.

Im Kontrast zur schnellen Gag-Folge einer Sitcom bietet „Sankt Maik“ unaufgeregte Komik in Form einer humorvoll-lebensbejahenden Weltsicht. Vereinzelt finden sich Feinheiten für Kenner: Polizistin Eva Hellwarth etwa hat als Klingelton die Titelmelodie von „Drei Engel für Charlie“ auf ihren Handy installiert (das Leitmotiv der Fernsehserie, nicht die des späteren Kinofilms). Und Maiks leichtsinniger, unreifer Bruder Kevin bezieht seine Lebensweisheiten aus der RTL-Soap-Adaption „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

Die manchmal zu aufdringlich eingespielten Musiktitel in der Serie korrespondieren mit der Handlung, kommentieren sie textlich. Erstaunlich dabei, dass so viele ältere Rock-Titel in den Soundtrack aufgenommen wurden. „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones lag schon fast zu nahe, „Break On Through to the Other Side“ von den Doors klingt an und „I Say a Little Prayer“ in der Interpretation Aretha Franklins bringt Gospel-Wärme ins Geschehen. Chris Isaak, Supertramp, Deep Purple und The Clash sind außerdem zu hören – als sei bei der Auswahl an eine Soundtrack-Veröffentlichung für jene Zielgruppe gedacht worden, die noch Geld für materielle Tonträger ausgibt. Das wiederkehrende „Bring Out the Devil in Me“ von Purple Disco Machine (Projektname des DJs Tino Piontek) ist zwar deutlich jünger, klingt aber sehr nach Bob Dylans „All Along the Watchtower“. Passt also ins Hörbild.

Nicht erfindlich ist, warum RTL ausgerechnet „Sankt Maik“ ausgewählt hat, um erstmals eine Serie im extrem hochauflösenden, farblich brillanteren und kontrastreicheren UHD1-Format zu produzieren, das eine besondere Empfangstechnik voraussetzt und nur gegen Bezahlung empfangen werden kann. Die Inszenierung von „Sankt Maik“ durch die vier Episoden-Regisseure Sven Fehrensen, Ulrike Hamacher, Andreas Menck und Oliver Schmitz ist an den Schauspielern orientiert, nutzt den beschaulichen Charakter der im Rheinland gelegenen Drehorte Zons, Witzhelden, Rommerskirchen, Alt-Kaster (Bedburg) und Nideggen (Eifel) im Geiste der Erzählung, ohne ihn über die Maßen auszustellen. „Sankt Maik“ überzeugt vorrangig durch die Drehbuchinhalte und die Ensemble-Leistung. Die Serie bietet ein unterhaltsames, für breitere Zuschauerschichten konzipiertes Seherlebnis, das nicht zwingend nach technischer Überhöhung verlangt.

23.03.2018 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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