Viola Funk: Die dunkle Seite des deutschen Raps – Ist deutscher Hip-Hop antisemitisch? (ARD/WDR)

Der „Echo“, der Protest und ein erhellender Film

07.05.2018 • Als am Abend des 28. März im Dritten Programm WDR Fernsehen um zehn nach zehn im Rahmen der Reihe „Die Story“ die Dokumentation „Die dunkle Seite des deutschen Raps“ von Viola Funk ausgestrahlt wurde, hielt sich das Publikumsinteresse erwartungsgemäß in Grenzen (es waren bundesweit 160.000 Zuschauer, Marktanteil: 0,7 Prozent). Die Stammseher des Dritten sind auch beim WDR bekanntlich über 60 Jahre alt und nicht unbedingt Rap-Fans. Letztere wiederum schauen so gut wie nie lineares Fernsehen und wenn doch, dann keinesfalls öffentlich-rechtliche Programme. So wäre denn dieser durchaus sehenswerte Film nach seiner Erstausstrahlung hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung wohl gänzlich in der Versenkung verschwunden, wäre es drei Wochen später bei der Verleihung des Musikpreises „Echo“ am 12. April in Berlin nicht zu einem handfesten Eklat gekommen.

Denn beim Echo wurden die Musiker Farid Bang und Kollegah nicht nur für ihren Song „0815“ prämiert, der unter anderem diese Textzeilen enthält: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ sowie „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow“ – sondern sie durften genau diesen Song auch noch live auf der Bühne darbieten. Nach vielfältigen Protesten gegen diesen als antisemitisch kritisierten Auftritt und der Ankündigung vieler ehemaliger Preisträger, ihre Trophäen zurückzugeben (was dann auch geschah), entschloss sich die ARD, den WDR-Film am 19. April um 23.30 Uhr noch einmal im Ersten Programm zu zeigen, diesmal unter dem Dach der Reihe „Die Story im Ersten“.

Wirklich viele Rap-Fans wird man mit der erneuten Ausstrahlung auch nicht erreicht haben, denn sie geschah um 23.30 Uhr und damit zu einer noch späteren Uhrzeit (die Quote für den Film im Ersten: 670.000 Zuschauer, Marktanteil: 6,1 Prozent); aber die Wiederholung der Dokumentation kam so doch einer öffentlich-rechtlichen Stellungnahme zum Skandal gleich. Garniert mit der impliziten Botschaft: Wir haben ja schon vorher gewarnt. Wobei man sich durchaus fragen darf, ob die Reaktion auch so ausgefallen wäre, hätte noch wie bis zum Jahr 2016 das Erste die Veranstaltung übertragen. Seit 2017 jedoch läuft die Echo-Show beim Privatsender Vox, womit die ARD quasi fein raus war.

Wie auch immer. Der 45-minütige Film von Viola Funk (Mitarbeit: Thorsten Berrar, Produktion: Labo M) war jedenfalls eine bemerkenswert unvoreingenommene Bestandsaufnahme der deutschen Rapper-Szene. Statt deren Protagonisten von vornherein als unterbelichtete Dumpfbacken an den Pranger zu stellen, bemühte sich die Autorin, ein möglichst differenziertes Bild dieses überaus einträglichen Geschäftszweiges der Musikindustrie zu zeichnen. Wozu sie in erster Linie Insider mit höchst unterschiedlichen Ansichten zu Wort kommen ließ. Darunter etwa die jüdische Rap-Promoterin Marina Buzunashvilli, die von ihren einschlägigen Erfahrungen mit Antisemitismus berichtete, zugleich aber betonte, dass Provokationen nun einmal unabdingbarer Bestandteil beim Rap (bzw. Hip-Hop) sind und man deren Beurteilung nicht an einzelnen Reizwörtern festmachen sollte.

Erfan Bolourchi, Ex-Manager des Rappers Haftbefehl, erklärte zunächst, „keinen einzigen Antisemiten“ in der deutschen Rap-Szene zu kennen und erklärte kurz darauf die aus dem Repertoire seines ehemaligen Schützling stammende Zeile „Und ich ticke Kokain an die Juden von der Börse“ schlicht als Realismus. Auch den jugendlichen Fans, die in dem Film immer mal wieder zu Wort kamen, nötigten Zeilen wie diese allenfalls ein Schulterzucken ab. So etwas gehöre nunmal zum Spiel, so der Tenor ihrer Einlassungen. Es sei doch nur ein Spiel mit Klischees und dazu gehörten Juden genau wie Behinderte. Schließlich erklärte Bolourchi noch, dass für einen durchschnittlichen 16-Jährigen aus Offenbach – das Rhein-Main-Gebiet gilt als Hochburg des Deutsch-Rap – der Begriff „Jude“ einfach für alles stehe, was mit Geld und Macht zu tun habe; „Jude“ steht für sie also nur als Synonym für Bonze. 

Als erschreckend erwies sich bei diesem als Kapitalismuskritik getarnten Antisemitismus die Leugnung aller Bezüge zur deutschen Historie. Der Rapper P.A. Sports erklärte dazu im Interview lapidar: „Also, dass Juden geschäftlich sehr stark sind überall auf der Welt, das ist, glaube ich, etwas, was allgemein bekannt ist. [...] Aber jetzt stell’ dir mal vor, das würde auf einmal bei Muslimen passieren, dass wir so die ganze Weltwirtschaft übernehmen würden und überall die Reichesten sind, in allem!“ Und dann erteilte der Mann, der iranische Wurzeln hat, noch pseudointellektuelle Nachhilfe in Sachen Etymologie. Der Begriff „Holocaust“ sei schließlich von seiner ursprünglichen Bedeutung her griechischen Ursprungs und dürfe keineswegs, wie es bei diesem Wort in Deutschland die Assoziation sei, ausschließlich mit Antisemitismus und „der totalen Vernichtung von sechs Millionen Juden oder mehr“ verbunden werden. Und nicht zuletzt machte die Dokumentation deutlich, dass dieses Negieren der deutschen Geschichte auch damit zu tun hat, dass viele der hierzulande erfolgreichen Rapper einen muslimischen Migrationshintergrund haben und somit in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem der Hass auf Juden oder zumindest auf den Staat Israel gang und gäbe ist.

Für viele Zuschauer, die längst nicht mehr im Alter von Rap-Fans sind, dürfte die Dokumentation einer erhellenden Reise in eine Grauzone zwischen Kunstfreiheit und antisemitischen Klischees gleichgekommen sein, von deren Existenz sie bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatten. Doch diese Grauzone existiert und verhilft der Musikindustrie zu gigantischen Umsätzen. Bei der Branchenshow namens Echo, bei der es letztlich nur um die Prämierung von Verkaufszahlen geht, hatte der siebenköpfige Beirat des Preises die Auszeichnung von Kollegah und Farid Bang auch noch mit der Freiheit der Kunst legitimiert. Einzig die Vertreterin der katholischen Kirche stimmte in dem Gremium gegen die Auszeichnung der beiden umstrittenen Rapper. 

Am 25. April verkündeten die Veranstalter nach den massiven anhaltenden Protesten, den Echo künftig nicht mehr vergeben zu wollen. Was kein Musikliebhaber bedauern wird.

07.05.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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