Viktoria So Hee Alz/Florian Frei/Isabell Šuba/Lilli Tautfest: #heuldoch – Therapie wie noch nie. 5‑teilige Mini-Serie (ZDF)

Auf der Höhe der gesellschaftlichen Debatte

10.12.2020 •

Als Isabell Šuba 2012 mit einem Kurzfilm aufs Filmfestival nach Cannes eingeladen wurde, nutzte sie die Gelegenheit, um vor der dortigen Glamour-Kulisse einen metafiktionalen Film mit dem knalligen Titel „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ zu drehen: In jenem Jahr waren für die 22 Filme des Wettbewerbs um die Goldene Palme ausschließlich Werke von Männern ausgewählt worden. Sexismus ist nun auch das Thema der von Šuba zusammen mit Lilli Tautfest inszenierten Mini-Serie „#heuldoch – Therapie wie noch nie“, die im Quantum-Labor der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ entstand: In dem satirischen Fünfteiler mit je rund 15-minütigen Folgen geht es um zwei Gefängnisausbrecherinnen, die in einer entlegenen Villa auf vier Sexualstraftäter treffen, die sich dort zu einer Therapie eingefunden haben.

Um ihr Versteck nicht aufgeben zu müssen, geben sich die „feministische Einbrecherin“ Lin (Karin Hanczewski) und die selbsternannte Fahrkartenkontrolleurin Gloria (Bärbel Schwarz) als Therapeutinnen aus – zumal die echte Therapeutin gerade, perfekt getimet, das Zeitliche gesegnet hat. So traktieren Lin und Gloria ihre „Patienten“ in den folgenden Tagen mit Maßnahmen wie Schlammsport, Hypnose, Rollenspielen („Reise zu deiner inneren Frau!“) und dem „Erzählei“. Und nebenbei versuchen sie, an die Kontoverbindungen ihrer vermögenden Klienten zu kommen. Denen wiederum gefällt die rabiate Behandlung durch die zwei knasterfahrenen Frauen gar nicht mal schlecht. Der therapeutische Erfolg bleibt freilich überschaubar. Nur einer der vier Probanden, der (fiktive) FC-Bayern-Fußballer Kobe Müller (Karim Ben Mansur), hat am Ende ein bisschen dazugelernt in Sachen Mann-Frau-Verhältnis (was sich natürlich ausweiten lässt auf: auf jedwede Beziehung zwischen Menschen jedweden Geschlechts). Kobe ist damit denn auch die interessanteste Männerfigur der Serie, einfach weil bei ihm am meisten passiert.

„Sex: Ja. Sexuelle Belästigung: Nein.“ So fasst Gloria einmal ebenso bündig wie treffend die Erkenntnisse aus drei Jahren „#MeToo“-Debatte zusammen. Doch dass die Sache offenbar leider nicht so einfach ist, wie sie klingt, lässt sich an den vier Männern ablesen, die sich durch ihre Teilnahme an der Therapie Strafmilderung erhoffen. Da ist der Gynäkologe, der seit 40 Jahren an seinem „Lebenswerk“ arbeitet, einem Album, in dem er die heimlich aufgenommenen Fotos der Vaginas seiner Patientinnen sammelt – natürlich zu rein wissenschaftlichen Zwecken. Da ist der erwähnte Kobe Müller, der 13-jährigen Fans Dick-Pics von sich schickt. Und da sind die beiden Männer mit dem deutlich unangenehmeren Gewaltpotenzial: der Filmproduzent im offenen Bademantel, bei dem Missbrauch und Vergewaltigung gewissermaßen zum Job gehören, und der Hänfling mit dem Psychopathen-Touch, der bedürftige Alleinerziehende becirct, um sie sodann anal zu vergewaltigen. Das „Au“ sei doch eher so ein „Lust-Au“ gewesen, redet er sich die brutalen Übergriffe schön.

Die Serie „#heuldoch“ (Produktion: Lupa Film) bietet also ziemlich harten Tobak. Die große Leistung dieser kleinen Serie ist es, den rauen Stoff und dessen teils äußerst unangenehme Protagonisten so zu erzählen, dass nichts verharmlost wird – und dass dabei dennoch eine unterhaltsame schwarze Komödie entsteht. Grundlage für das Gelingen ist das flotte, ideenreiche Drehbuch, geschrieben von Viktoria So Hee Alz, Florian Frei, Isabell Šuba und Lilli Tautfest.

Ein wichtiger Einfall dabei sind die kriminelle Vergangenheit und Energie der beiden Protagonistinnen, was die moralische Kluft zwischen den Geschlechtern verringert. Auch Glorias offensichtlicher Spaß an kleinen Flirts und ihre Libido, die manchmal stärker ist als die Solidarität mit den belästigten Geschlechtsgenossinnen, verhindern, dass das Geschehen von „#heuldoch“ mit zu penetrant erhobenem Zeigefinger daherkommt. Gut, ja, teils umwerfend gut sind die Dialoge, die die komplexe Gemengelage in starke, witzige und (gerade fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen ungewohnt) ruppige Sätze packen. Auch werden geschickt zentrale Elemente der „#MeToo“-Debatte ins dramaturgische Netz eingewebt: „Nein heißt Nein!“, sagt der Gynäkologe einmal, als einer der anderen Delinquenten in seinem „Muschi-Album“ schmökern will. Die beiden Frauen wiederum nutzen ihre Machtposition als Therapeutinnen schamlos zur Verfolgung ihrer Zwecke aus – so, wie es lange schlechter Brauch bei bestimmten Männertypen war (und noch immer ist).

Dann wären da noch das toll gecastete Ensemble, das mit Verve und Spielfreude bei der Sache ist – allen voran Karin Hanczewski und Bärbel Schäfer –, der stimmige, mit selbstbewussten HipHop-Stücken von Lizzo oder M.I.A. bestückte Soundtrack, das forsche Farbkonzept und die generell große Lust am Überzeichneten. Dass mit dem Filmproduzenten und dem Gynäkologen zwei Klischees zu den Männerfiguren zählen und gelegentlich auch mal ein Dialog oder eine Szene ins Platte abrutschen – geschenkt. Die in der ZDF-Mediathek weiterhin abrufbare Serie „#heuldoch“ bietet (öffentlich-rechtliches) Fernsehen, wie es sein sollte: auf der Höhe der gesellschaftlichen Debatte, laut, frech, witzig und schmerzhaft ehrlich.

10.12.2020 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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