Verena Kurth/Christopher Schier: Todesurteil – Nemez und Sneijder ermitteln (Sat 1)

Absurder Sendeplatz

08.11.2021 •

Vor zwei Jahren trafen sich die beiden zum ersten Mal. In München ermittelte die junge Kommissarin Sabine Nemez im Fall eines Serienmörders, der seine grausamen Taten offenbar nach Motiven des Bilderbuchs „Struwwelpeter“ beging. Irgendwann wurde auch das BKA auf die Fälle aufmerksam und schickte den forensischen Psychologen Maarten S. Sneijder in die bayerische Landeshauptstadt. Gemeinsam gelang es dem ungleichen Duo, den Täter zu überführen. Der Kriminalfilm hieß „Todesfrist – Nemez und Sneijder ermitteln“, basierte auf einer Romanvorlage des österreichischen Thriller-Autors Andreas Gruber und lief beim Privatsender Sat 1, der sich 2019 an einer Offensive mit fiktionalen Eigenproduktionen versuchte.

Mit „Todesurteil“ kam nun, zwei Jahre später, die zweite Adaption der inzwischen sechs Bände umfassenden Reihe aus Grubers Feder ins Fernsehen, erneut für Sat 1 produziert von Constantin Television und Epo Film. Diesmal hatte Sneijder die Kollegin Nemez zu einem Fortbildungslehrgang beim BKA in Wiesbaden eingeladen, wo er die Teilnehmer über ungelöste Mordfälle rätseln ließ, bei denen die Täter nicht nur überaus brutal zu Werke gegangen waren, sondern allesamt auch ihre ursprünglichen Geständnisse widerrufen hatten. Doch darüber hinaus schien es zwischen den einzelnen Taten keinerlei Zusammenhang zu geben. Zumindest hatte auch der geniale Psychologe bis dato noch keinen entdeckt. Und eigentlich hatte sich Sabine Nemez darauf gefreut, ihre Jugendliebe Erik wiederzutreffen, der beim BKA arbeitet. Doch schon bei ihrer Ankunft musste sie erfahren, der er im Krankenhaus im Koma lag, nachdem er in seinem Büro von einem Unbekannten angeschossen und lebensgefährlich verletzt worden war.

Während in Wiesbaden noch gerätselt wurde – über die ungelösten Mordfälle wie auch den Fall des beinahe getöteten Kollegen –, verschwand in der Nähe von Wien ein junges Mädchen aus dem elterlichen Garten. Nachdem die großangelegte Suchaktion erfolglos blieb, stießen die Ermittler auf dem Notebook des Opfers auf rätselhafte Nachrichten, deren IP-Spuren zum BKA als Absender führten. Weshalb alsbald auch Nemez und Sneijder in Wien auftauchten, um die Hintergründe dieser Mails zu klären. Bei den grenzüberschreitenden Ermittlungen gab es erstaunlich wenig Kompetenzgerangel, so dass die Fahnder aus Deutschland bald auch im Fall um das vermisste Mädchen aus Österreich den Ton angaben. Mit Kleinkram wie Kompetenzabklärungen wollten sich Verena Kurth (Buch) und Christopher Schier (Regie) in ihrem Film offenbar nicht lange aufhalten. Schließlich war die Geschichte, die sie hier erzählten, ohnehin schon vertrackt genug.

Lange Zeit liefen die beiden Erzählstränge – hier die ungeklärten Fälle in Wiesbaden, dort das vermeintliche Kidnapping in Wien – scheinbar zusammenhanglos nebeneinander her. In Österreich stießen Nemez und Sneijder dann in der Villa eines prominenten Anwalts auf ein Gruselkabinett von Tattoos mit Motiven aus Dantes „Inferno“ auf Menschenhaut und hinsichtlich der ungeklärten Mordfälle fand Nemez irgendwann heraus, dass sämtliche Opfer seinerzeit bei einem Prozess um die Tötung eines Mädchens in Wien als Geschworene im Einsatz gewesen waren und letztlich den Freispruch des mutmaßlichen Täters möglich gemacht hatten. Am Ende sollte das nun alles ein perfider Racheakt von Sneijders leutseligem BKA-Kollegen Wessely gewesen sein, dem Vater des damals getöteten Mädchens.

Das war nicht unbedingt in allen Einzelheiten plausibel, aber bei ausgewiesenen Psychopathen hat man als Autor hinsichtlich der Logik nun mal gewisse Freiheiten. Spannend war das Ganze durchaus. Und unter all den ungleichen Fahnderduos, die derzeit die Fernsehkrimis bevölkern, sind Nemez und Sneijder nicht das schlechteste. Der schweigsame Holländer, gespielt von Raymond Thiry, mit ausgeprägter Allergie gegen Smalltalk, nicht ganz so schräg angelegt wie sein Kollege „Professor T“ beim ZDF, immer einen Glimmstengel zwischen den Lippen, gibt hier den intellektuellen Grübler, während Josefine Preuß als seine Mitspielerin eher für die intuitiven bis impulsiven Parts zuständig ist. Das mag stereotyp sein, funktioniert hier aber durchaus. Und der Österreicher Christopher Schier hat nicht nur bereits beim ersten Fall des Duos Regie geführt, sondern auch mehrere ARD-„Tatort“-Folgen und zuletzt die Sky-Miniserie „Die Ibiza-Affäre“ inszeniert.

Trotz all des Potenzials der Beteiligten bleibt das Bemerkenswerteste an diesem Thriller letztlich sein Sendeplatz. Die Erstausstrahlung von „Todesurteil“ begann groteskerweise an einem Donnerstagabend um 23.25 Uhr, nachdem Sat 1 davor mehr als drei Stunden lang mit der x-ten Wiederholung von „Harry Potter und der Feuerkelch“ die Zuschauer umworben hatte. Den Auftakt der Reihe, „Todesfrist“, gab es im Oktober 2019 noch um 20.15 Uhr zu sehen, aber mit 1,66 Mio Zuschauern insgesamt und einem mit Marktanteil von 5,7 Prozent war dieser Film für den Sender nicht unbedingt ein Erfolg. Und die von Sat 1 damals groß promotete Offensive mit fiktionalen Eigenproduktionen wurde alsbald auch schon wieder abgeblasen.

Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Verträge für einen zweiten Krimi um die Fahnder Nemez und Sneijder offenbar bereits unterzeichnet, also wurde der Film „Todesurteil“ produziert. Aber da er im Sender selbst scheinbar keine Lobby mehr hatte, strahlte man ihn nun, apostrophiert als „Free-TV-Premiere“, absurderweise an irgendeinem Tag mitten in der Woche zu nachtschlafender Zeit aus. Dabei sahen 340.000 Zuschauer (ab 3 Jahren) zu, was einen Marktanteil von 4,0 Prozent bedeutete. Und für alle schlaflosen Fans von Josefine Preuß hielt Sat 1 dann im Anschluss an „Todesurteil“ ab 1.15 Uhr sogar noch ein echtes Zuckerli bereit: die Wiederholung von „Die Hebamme II“ aus dem Jahr 2016.

08.11.2021 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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