Vanessa Nikisch: Like me – Generation Selfie (3sat)

Mehr Fragen als Antworten

19.09.2019 •

 Auf der Wange habe er eine Narbe und auf der Stirn eine kleine Beule, erklärt der 18-jährige Younes. Aber das sei kein Problem bei seinen Selfies. Die Fehler könne er mit Bildbearbeitungsprogrammen korrigieren. Das sei aber doch Schwindel, wirft die Reporterin ein. „Ich weiß, aber das machen alle so“, sagt der smarte Teenager. Hier zeigt sich einer der vielen Widersprüche, die der Film „Like me – Generation Selfie“ auflistet, ohne sie erklären zu können. Die 50-minütige Dokumentation ist ein bei 3sat ausgestrahlter Beitrag des Schweizer Fernsehens SRF.

Den meisten Jugendlichen, die Tag für Tag millionenfach auf Plattformen wie Instagram oder Snapchat ihre Selbstporträts ins Netz stellen, ist durchaus bewusst, dass es sich dabei in der Regel mal mehr, mal weniger um Fälschungen handelt. Und dennoch können sie davon nicht lassen, sind begierig nach Likes dafür, ohne die ihr Selbstwertgefühl offenbar komplett kollabieren würde. Es sei halt wie eine Sucht, sagt Younes, mit 14.500 Instagram-Followern in der Schweiz ein Internet-Star. Und wie das bei Süchten nun mal so ist, können die Betroffenen davon nicht lassen, obwohl sie um die Nebenwirkungen wissen.

Neben Younes stellt die Schweizer Fernsehjournalistin Vanessa Nikisch die 16-jährige Michelle vor, die ebenfalls rund um die Uhr Selfies von sich ins Netz stellt. Doch ihr reichen die technischen Möglichkeiten der Bildoptimierung nicht. Deshalb hat sie sich bereits mehrfach die Lippen zu einem Schmollmund aufspritzen lassen. Eine weitere dieser schmerzhaften Behandlungen ist im Film zu sehen. Und natürlich filmt Michelle diesen Eingriff auch selbst mit ihrem Handy. Ihre Mutter, die ihr Einverständnis für diese Behandlungen geben muss, erklärt lakonisch, mit 18 hätte ihre Tochter es doch ohnehin gemacht.

Michelles großes Vorbild ist die 22-jährige US-Amerikanerin Kylie Jenner, ehemalige Reality-Soap-Darstellerin, die ihr Äußeres durch mehrere Schönheitsoperationen verändert hat und nicht nur die unangefochtene Queen der Social-Media-Plattformen ist, sondern auch über diverse Produktlinien als Unternehmerin Millionen scheffelt. Und weil Jenner ihren Fans verspricht, mit Hilfe ihrer Kosmetika bald so aussehen zu können wie sie selbst, hat Michelle bei sich zu Hause Cremes und Pillen im Wert von rund 3000 Schweizer Franken aus dem Arsenal von „Kylie Cosmetics“ im Schrank. Bezahlt wurde das alles von Michelles Mutter. Mit dem analogen Liebesleben sieht es bei der 16-Jährigen gerade nicht so gut aus. Ihr Freund hat sie verlassen. Aber sie wird ihn zurückholen. Da ist sie sich sicher. Natürlich mit sooo tollen Selfies von sich, dass ihm gar keine andere Wahl bleibt.

Etwas komplizierter ist es diesbezüglich bei Younes, der vor allem weibliche Fans hat. „Wissen die eigentlich“, fragt ihn die Filmemacherin irgendwann einigermaßen unvermittelt, „dass du schwul bist?“ Darüber wolle er nicht reden, sagt der junge Mann, das sei Privatsache. Das nennt man wohl Outing. Hatte er ihr im Vertrauen davon erzählt, hat sie ihn nach dem Dreh gefragt, ob sie die Szene im Film lassen könne? Das hätte man zumindest als Zuschauer gern gewusst. Zumal Younes während der Dreharbeiten noch 17 war. So hat dieses Outing jedenfalls einen seltsamen Beigeschmack.

Erst zur Hälfte des Films wird mit der Sportstudentin Chiara eine dritte Protagonistin eingeführt, die sich nicht nur, aber auch mit Hilfe von Selfies von ihrer Magersucht befreit hat. Seitdem stellt sie Fotos von nahezu jeder Mahlzeit, die sie zu sich nimmt, ins Netz. „Wenn mein Essen keiner sieht, muss ich es auch nicht essen“, sagt sie. Das bewahre sie davor, rückfällig zu werden. Eine für Normalsterbliche einigermaßen verquere Logik.

Überhaupt wirft der Film weitaus mehr Fragen auf, als dass er Erklärungen für den Selfie-Boom liefert. Was damit zu tun hat, dass Vanessa Nikisch sich ganz auf ihr Protagonisten-Trio konzentriert. Weder wird das Geschehen aus dem Off von der Autorin kommentiert noch werden Psychologen oder sonstige Experten aufgefahren, die übergeordnete Analysen zu der Thematik hätten liefern können. Und die Protagonisten selbst, deren Aussagen in Schwyzerdütsch bei der 3sat-Ausstrahlung per Voice-over ins Hochdeutsche übersetzt werden, bleiben plausible Antworten auf die Frage nach dem Sinn und Zweck ihres Tuns weitgehend schuldig. Auch die Angehörigen tragen wenig Erhellendes bei. Womöglich, sagt Younes’ Mutter nur, habe sie sich als berufstätige Alleinerziehende damals zu wenig um ihren Sohn gekümmert. Und diesen Mangel an Zuwendung müsse er nun offenbar durch seine Selfie-Manie kompensieren. Da fragt man sich unwillkürlich, wie Betroffene mit ähnlichen Defiziten vor der Erfindung von Social Media damit umgegangen sind.

Andere Spielarten der Selfie-Manie kamen im Film erst gar nicht zur Sprache. So etwa der Umstand, dass inzwischen unzählige Menschen um den Globus jetten, um genau an jener Stelle ein Foto von sich zu schießen, an der bereits Tausende ihrer Gesinnungsgenossen ebenfalls ein Selbstporträt aufgenommen haben. Was beispielsweise in der malerisch-bunten Rue Crémieux in Paris dazu führt, dass Anwohner die Straße für Touristen sperren lassen wollen oder sich Bauern in der Provence über zertrampelte Lavendelfelder ärgern.

Unter dem Strich bleibt es das Verdienst dieser SRF-Produktion, einigermaßen unvoreingenommen drei Mitglieder der weltweiten Selfie-Community vorzustellen. Wobei der Film allerdings jenseits des individuellen Verhaltens grundlegende Erklärungen für das Phänomen weitestgehend schuldig bleibt.

19.09.2019 – Reinhard Lüke/MK