Uri Schneider: Jung, schwul und gläubig. Geht das für Christen, Juden und Muslime? Reihe „Echtes Leben“ (ARD/SWR)

Nicht alleine

27.05.2020 •

Fernsehen gelingt es gelegentlich, eine Tür, ein Fenster zu öffnen. Dann zeigen sich Menschen, die im Alltag leicht übersehen werden. Nicht so sehr deshalb, weil sie zurückhaltend oder schüchtern wären, sondern weil etablierte Institutionen sie nicht wahrnehmen wollen. Ein solches Fenster hat Uri Schneider mit seinem Film über schwule christliche, jüdische und muslimische junge Männer geöffnet.

Offenbar gibt es in allen Religionen Vorbehalte, Ressentiments oder Ausschluss aus der Gemeinschaft – diesen Problemen müssen sich gläubige Schwule stellen, wenn sie sich outen. Innerhalb von 30 Minuten versucht diese Dokumentation der von den ARD-Kirchenredaktionen verantworteten Sonntagsreihe „Echtes Leben“ herauszufinden, wie homosexuelle Christen, Juden und Muslime in Deutschland ihren Glauben und ihre sexuelle Ausrichtung in Religionsgemeinschaften miteinander vereinbaren, die in bestimmten Bereichen oft genug noch repressiv und konservativ wie aus einer anderen Zeit daherkommen.

Der Autor hat mit drei jungen Männern gesprochen, die exemplarisch für ihre Altersgenossen – oder besser: Leidensgenossen – stehen. Sie haben sich entschieden, Glaube und Homosexualität nicht mehr als Gegensatz hinzunehmen. Da sie sämtlich Mitbegründer von entsprechenden Selbsthilfegruppen sind, stehen sie als Beispiel für viele andere. Diese Gruppen, die eher neben als innerhalb von Gemeinden bestehen, sollen den Betroffenen ein Sicherheitsnetz geben, gemeinsame Feiertage ermöglichen, Aufklärung leisten und den Dialog mit den etablierten Gemeinden suchen. Entscheidend ist für die Betroffenen das Gefühl, mit ihrer sexuellen Orientierung in ihrer jeweiligen Glaubensgemeinschaft nicht alleine zu stehen.

Timo Platte, einer der drei in dem Film porträtierten Männer, hat es inzwischen zu einer gewissen Popularität gebracht, nachdem er aus der Enge seiner protestantischen Freikirche in Wuppertal ausgebrochen ist. Er veröffentlichte als Herausgeber das Buch „Nicht mehr Schweigen“, in dem er queere Christen und Christinnen jeder Glaubensrichtung zu Wort kommen lässt. In seinen Lesungen trifft er auf Empathie, aber auch auf Skepsis und Kritik. Er kennt auch Leo Shapira, den Mitbegründer von „Keshet“, dem ersten queeren jüdischen Verein in Deutschland. Auf einer Tagung der jüdischen Gemeinden in Deutschland vertritt Shapira als Pionier zum ersten Mal die jüdische LGBTQ-Gemeinde.

Schließlich Tugay Sarac, der dritte in dem Film vorgestellte Mann. Er kämpft für die Rechte queerer Muslime – und wird deshalb immer wieder bedroht. In der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin betet er nicht nur, sondern verficht in einer Predigt das Recht, als Muslim lieben zu können, wen er will. Allah habe es so gewollt. Und der Prophet habe nichts anderes verkündet.

Alle drei Protagonisten haben ähnliches erlebt – Ausgrenzung, Verachtung, Beschimpfung. Was in ihrer Jugend neben der Familie Heimat war, verlieren sie mit dem Outing. Dennoch glauben sie an die Möglichkeiten, ihre sexuelle Orientierung auch in der vertrauten Religionsgemeinschaft leben zu können. „Versöhnte Verschiedenheit“ ist ihr Schlagwort, das sonst eher bei der Beschreibung der katholisch-evangelischen Ökumene verwandt wird. Sie wollen langsam an die Oberfläche gelangen, das bisherige Versteckspiel verlassen, sichtbarer werden. „Unser Leben ist ehrlicher geworden“, sagt einer der drei Vorkämpfer. Sie glauben an den barmherzigen Gott und suchen jetzt nach „nettem Bodenpersonal“.

30 Minuten sind eine sehr begrenzte Zeit, um ein grundlegendes Problem von Christen, Juden und Muslimen erschöpfend zu behandeln. Jeder der drei Männer hätte mit seinen Erfahrungen und Hoffnungen allein ein solches Format füllen können. Unbeantwortet blieb die Frage, warum für den Film (785.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,4 Prozent) nicht auch zumindest eine lesbische Frau befragt und begleitet wurde. Ihre dementsprechenden Probleme dürften nicht geringer sein.

27.05.2020 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren