Unsere Schule. 6-teilige Doku-Soap (Vox)

Profunder Beitrag

29.10.2018 •

Rund um den Herbstbeginn ergab sich im Fernsehen senderübergreifend ein zufälliger Themenschwerpunkt: Gleich mehrere Programme zeigten Reportage- und Dokumentarsendungen über den Zustand der Schulen in Deutschland. Der Umfang und die terminliche Ballung des programmlichen Angebots waren bemerkenswert und offenbar auch Ausweis eines Sinneswandels. Die Filmautorin Jana Lindner etwa schrieb im Presseheft zur am 24. September ausgestrahlten Folge „Lehrer am Limit“ der ZDF-Reportagereihe „37°: „In vielen Jahren zuvor konnten mein Kollege Stefan Hoge und ich mit dem Thema Schule kaum Fernsehredaktionen begeistern.“

Selbst der kommerzielle Sender Vox nahm sich des Themas an. An prominenter Stelle, montags um 20.15 Uhr, einem Sendeplatz, auf dem zuvor beispielsweise die Erfolgsserie „Club der roten Bänder“ ausgestrahlt worden war (vgl. MK-Kritik). Wie die fiktionale Serie ist auch die sechsteilige Doku-Soap „Unsere Schule“ eine Formatadaption. Vorbild war die erfolgreiche und preisgekrönte britische Reihe „Educating…“, eine Produktion von Twofour Broadcast Ltd. für Channel 4. In Großbritannien gibt es bereits fünf Staffeln, die unter anderem an Schulen in Essex, Cardiff und Manchester aufgenommen wurden (ein Sendetitel lautet dann zum Beispiel „Educating in Essex“). Die Staffeln Nummer 6 und 7 sind in Produktion.

Die Produzenten des Formats folgen dem Fly-On-The-Wall-Prinzip. An den Schauplätzen werden feste Kameras installiert, die den Alltag permanent aufzeichnen. Zudem sind mobile Teams beteiligt. In der deutschen Ausgabe „Unsere Schule“ (Produktion: Imago TV) war die Albert-Schweitzer-Ganztagsschule in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) als Schauplatz ausgewählt worden. Neben Kindern mit normalem Ausbildungsverlauf finden hier Förderschüler und Schüler mit Behinderung Aufnahme. Der Fokus der Produktion lag auf je zwei fünften und neunten Klassen. Festgehalten wurde die sechswöchige Phase vor der sommerlichen Zeugnisvergabe. 30 fixe Kameras kamen für die Produktion zur Anwendung.

Aus dem aufgezeichneten Material schnitten die Filmemacher sechs Folgen mit einer Bruttolänge von jeweils 60 Minuten, die meist zwei, manchmal drei Protagonisten – Schüler und Lehrer – in den Mittelpunkt stellten. Die Vorzüge einer solchen Langzeitbeobachtung, bei der sich die Autoren ohne lenkende Eingriffe von den realen Geschehnissen leiten lassen können, zeigen sich im direkten Vergleich mit kürzeren Formaten wie der erwähnten „37°“-Sendung „Lehrer am Limit“. Die berichtete in 30 Minuten über ein halbes Schuljahr, zwei Lehrer, zwei Klassen. Die Autoren konzentrierten sich auf die Pädagogen, die sich aufsässigen, desinteressierten, lernunwilligen Schülern und zunehmender Bürokratie ausgesetzt sahen. Ein düsteres Bild, auch Tenor vieler vergleichbarer Programmbeiträge, aber eben nur ein flüchtiges Schlaglicht.

„Unsere Schule“ dagegen erlaubt als länger angelegte Produktion eine multiperspektivische und horizontale Darstellung; die Reihe besitzt also exakt jene Tugenden, die derzeit im Bereich der fiktionalen Serie als Gebot der Stunde gelten. Das Prinzip überzeugt ebenso in der dokumentarischen Sparte, weil zeitlicher Umfang und Machart tiefere Einblicke und umfassendere Berichterstattung ermöglichen.

Auch in „Unsere Schule“ gibt es Problemschüler. Sie stören, sind aggressiv, beleidigen, machen vor den Lehrern nicht halt. Oliver zerkritzelt seine Hefte, schleudert sie durch den Klassenraum. Man hätte Verständnis, würde er der Schule verwiesen. Doch an der Albert-Schweitzer-Ganztagsschule wurde unter Direktorin Katrin Jelitte eine zugewandte Pädagogik entwickelt. Die Lehrer, zu denen auch eine über EU-Gelder finanzierte Sozialarbeiterin gehört, nehmen verhaltensauffällige Schüler beiseite, erforschen die Hintergründe ihres Gebarens. Und plötzlich zeigt sich Oliver von einer ganz anderen Seite, kleinlaut und traurig: Er musste nicht nur den tragischen Tod seiner jüngeren Schwester, sondern auch den Zerfall seiner Familie verkraften. An der Albert-Schweitzer-Ganztagsschule erhält er die nötige Hilfe und Unterstützung, um diese Traumata zu verarbeiten.

Dank der konsekutiven Struktur der Dokumentarreihe werden die positiven Resultate der intensiven Zuwendung kenntlich. In Folge 2 geraten die temperamentvollen Fünftklässler Melina und Paul aneinander. In der fünften Episode wird der Vorfall noch einmal aufgenommen: Das Verhalten beider hat sich gebessert, sie haben Frieden geschlossen.

Ereignisbedingt gelangte ein weiteres Problemfeld ins Blickfeld. Zu den Protagonisten der fünften Folge gehört auch der 15-jährige Ayman. Der aus Syrien stammende Junge floh mit seinen Eltern vor den Kriegswirren aus Damaskus, war selbst angeschossen worden, der Vater erkrankt. Nach einer langen Irrfahrt gelangte die Familie nach Deutschland. Seit fünf Jahren war Ayman in keiner Schule mehr, er muss eine fremde Sprache lernen, viel aufholen. Wiederholt ist er dem Unterricht ferngeblieben. Nicht aus Faulheit, sondern weil er sich überfordert fühlt. Besondere Dramatik erhält die Folge, weil Aymans Vater im Zuge einer bundesweiten Polizeiaktion unter Terrorverdacht festgenommen wird. Grundlos, wie sich herausstellt, er wird am selben Tag entlassen. In der Reihe „Unsere Schule“ wird sensibel dokumentiert, wie sich solche Vorfälle auf die Kinder und auch auf deren Lehrer auswirken.

Bei all dem ist die Albert-Schweitzer-Ganztagsschule keine Oase der Harmonie. Aber „Unsere Schule“ kommt ohne billigen Alarmismus aus und vermittelt, dass Schulpädagogik selbst unter schwierigen Umständen immer wieder auch gelingen kann. Wobei eine angemessene Ansprache der Kinder eine wichtige Rolle spielt.

Anders als im Herkunftsland war das Format in Deutschland nicht erfolgreich. Nach einem Start mit 8,3 Prozent in der für Vox wichtigen jüngeren Zielgruppe sank der Marktanteil für „Unsere Schule“ im Verlauf der Ausstrahlung auf weniger als die Hälfte. Deshalb zog der Privatsender die sechste Episode um eine Woche vor, strahlte sie am 1. Oktober entgegen der ursprünglichen Planung direkt im Anschluss an die fünfte Folge aus und beendete damit eine Reihe, die als profunder Beitrag zur Debatte um die Krise des Schulsystems vielleicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen besser aufgehoben gewesen wäre.

29.10.2018 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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