Umfassende Werkschau: Grimme‑Archiv in der Deutschen Kinemathek in Berlin

30.09.2019 •

Die Deutsche Kinemathek widmet im Jahr der 55. Grimme-Preis-Verleihung Deutschlands wichtigstem Fernsehpreis eine umfassende Werkschau. Noch bis zum 3. November ist im Museumsbereich der Kinemathek am Potsdamer Platz in Berlin die Ausstellung „Ausgezeichnet! Das Grimme-Archiv in der Mediathek Fernsehen“ zu sehen. Sie präsentiert alle verfügbaren Sendungen, die bisher mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurden. Mehr als 1000 Einzelsendungen sind in voller Länge abrufbar, außerdem können Besucher auch in den Inhaltsangaben für alle Sendungen, Hinweise zu Darstellern und zum Produktionsstab sowie in den Begründungen der Grimme-Jurys für die Preisvergabe recherchieren.

Um Besuchern die Suche und Erschließung des umfänglichen Programmbestands zu erleichtern, sind die Beiträge aus den vergangenen Wettbewerbsjahren in die folgenden fünf Themenschwerpunkte unterteilt: „Arbeit“, „Umwelt“, „Amerika“, „Fernsehen“ und „Der Mensch“. Hinzu kommt der aktuelle Grimme-Jahrgang mit den beim diesjährigen Grimme-Preis im April ausgezeichneten Produktionen des Fernsehjahres 2018.

Gesellschaftliche Umbrüche

Die ersten Jahrgänge stehen dabei noch sehr in der Ursprungsidee des Preises als Gradmesser für das seinerzeit neue Medium Fernsehen und dessen Beitrag zur Erwachsenenbildung in der alten Bundesrepublik (West) – bis heute ist der Deutsche Volkshochschul-Verband (DVV) größter Gesellschafter des Grimme-Instituts in Marl, das die Auszeichnungen vergibt. Mit der allmählichen Ausweitung des Programmangebots lassen sich ab den 1970er und 1980er Jahren auch alle gesellschaftlichen Umbrüche und Kontroversen im Preis und in den ausgezeichneten Sendungen nachvollziehen. Preiskategorien wurden erweitert und wieder beschnitten, neue Bereiche wie etwa „Unterhaltung“ eingeführt und die „Marler Gruppe“ als Publikumsjury ins Leben gerufen.

Stets wurde bei dem permanenten Entwicklungsprozess auch um den Umgang mit neuen Angeboten des Fernsehmarkts gestritten – vom Start der privaten Programme ab Mitte der 1980er Jahre, die spätestens in den 1990ern dann auch bei Grimme als satisfaktionsfähig galten, bis zu der Frage, ob Pay-TV-Angebote im Wettbewerb berücksichtigt werden sollten. Seit der Preisreform 2015/2016, bei der unter anderem eine neue Kategorie für Kinder- und Jugendangebote eingeführt wurde, werden beim Grimme-Preis auch non-linear verbreitete Programme von Plattformen und Streaming-Anbietern im Wettbewerb berücksichtigt.

Die Präsentation des Grimme-Archivs in der Kinemathek ist Teil der am Marler Institut laufenden wissenschaftlichen Erschließung des Grimme-Preises und der seit 1964 in Marl gesammelten, bislang aber kaum systematisch aufgearbeiteten Materialien aus über 50 Jahren bundesdeutscher Fernsehgeschichte. Dazu gehören beispielsweise Audio-Mitschnitte der ersten Jury-Sitzungen aus der Frühzeit des Grimme-Preises, Protokolle von Kommissionssitzungen, Reden und Ansprachen bei den Preisverleihungen, Einreichlisten der Sender, Fotografien, Plakate, Festschriften und vieles andere mehr.

Der Diskurs über das Fernsehen

Eine systematische Auswertung dieser Materialien erlaubt es nach Einschätzung von Grimme-Institutsdirektorin Frauke Gerlach, den Qualitätsdiskurs über die Spanne von mittlerweile 55 Grimme-Preis-Jahren beinahe lückenlos nachzuvollziehen. „Einerseits halten wir es für wertvoll, den spezifischen Qualitätsbegriff des Grimme-Instituts herauszuarbeiten, weil wir ihn auch für die Zukunft erhalten wollen“, sagte Gerlach zur Eröffnung der Grimme-Werkschau (23. Mai) in der Berliner Kinemathek. Zum anderen sei sie „davon überzeugt, dass wir mit der Vermessung der Qualität auch heute in der Gegenwart etwas anfangen können“.

Deshalb plant das Institut nun, über das Grimme-Forschungskolleg an der Universität Köln in Zusammenarbeit mit Professor Christoph Neuberger vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München einen Forschungsantrag zu „Fernsehen und Qualität“ bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einzureichen. Neuberger betont in diesem Zusammenhang die einmalige Chance, den beim Grimme-Preis geführten Diskurs über Inhalt und Rolle des Fernsehens nachzuzeichnen, zu erschließen und auszuwerten. In Marl liege ein Schatz, weil hier seit über 50 Jahren eine Debatte über Qualität geführt werde, die in ihrer Breite einzigartig sei, so Neuberger: „Sie reicht von Information, Kultur und Bildung bis zu Unterhaltung. Dabei gibt es natürlich keine absoluten Qualitätsmaßstäbe, die schematisch genau vermessen, was nun gut und was schlecht ist. Das Spannende ist, dass wir ständig Aushandlungsprozesse haben darüber, was denn im Moment gerade Qualität bedeutet.“

30.09.2019 – MK