Ulrich Köhler/Henner Winckler: Das freiwillige Jahr (ARD/WDR)

Niemand und nichts entwickelt sich

29.06.2020 •

Es ist ein ungewöhnlicher Film, der einen Aufbruch schildert, aber kein Ankommen. Obgleich auf den vielen Wegen, die sichtbar zurückgelegt werden, einiges passiert, geschieht dies häufig eher nebenbei, zufällig oder auch bloß reflexhaft zwangsläufig. Zuschauer, die sich nicht vorab über den Film informiert haben, dürften eine Weile brauchen, bevor sie überhaupt den Kern der Filmhandlung begreifen.

Bei dem ARD-Fernsehfilm „Das freiwillige Jahr“ handelt es sich inhaltlich um einen in der Provinz spielenden Beziehungskonflikt zwischen einem offensichtlich sehr zielorientiert handelnden Vater und seiner Tochter Jette, die nach bestandenem Abitur nicht so recht weiß, was und wohin sie eigentlich will. Auf Wunsch des Vaters, eines Landarztes, soll sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus in Costa Rica verbringen. Der Vater, der unter dem Dasein in der Provinz zu leiden scheint, wünscht sich somit für seine Tochter einen horizonterweiternden Auslandsaufenthalt. Die Tochter hingegen möchte eigentlich doch lieber zu Hause bleiben, womit sich denn ein bekanntes Muster umkehrt, demzufolge die Jungen immer weg und die Alten lieber daheimbleiben wollen.

Die Filmhandlung umfasst drei Tage. Sie beginnt an einem Morgen und man sieht es dreimal dunkel werden. Dazwischen wird viel Filmzeit auf Landstraßen in ländlicher Umgebung verbracht, und das in einem VW-Bus mit dem Kennzeichen LIP (für den Kreis Lippe, der im Nordosten von Nordrhein-Westfalen liegt). Dieses Fahrzeug ist im Film omnipräsent, vergleichbar nur noch mit den ebenfalls immer präsenten, oft penetrant klingelnden Handys.

Im ersten Bild sieht man Vater Urs (Sebastian Rudolph) von hinten, wie er Jette (Maj-Britt Klenke) zur Abreise ruft. Sie wirkt unglücklich und teilt dies offenbar sofort über Handy ihrem Freund Mario (Thomas Schubert) mit. Doch die genaueren Hintergründe für diese Stimmungslage erfährt man erst nach und nach, wenn man genau hinhört. Das ist nicht so einfach, denn die Protagonisten sind nicht sehr gesprächig und ihre Wortwechsel geraten oft so lakonisch vernuschelt, dass sie wie vernachlässigbar erscheinen. Doch sind es vor allem diese kurzen Dialoge, die den Sinn der Filmhandlung erschließen, während ein Großteil der Bilder eher atmosphärischen Zwecken dient und viele der gezeigten Aktionen sinnfrei oder sogar unsinnig erscheinen.

So kommt denn auch für die Zuschauer keiner der drei Hauptakteure auf den ersten Blick als möglicher Sympathieträger in Frage; das Vorgehen der Protagonisten erzeugt jedoch weniger Zorn als vielmehr Mitleid. Der eigentliche Unglücksrabe und ‘Negativ-Held’ im Film ist Vater Urs, denn alles, was er unternimmt, geht im Grunde genommen schief: Seine Tochter fliegt nicht nach Costa Rica, sein Bruder muss nicht aus einer Notlage gerettet werden, so dass das gewaltsame Öffnen seiner Haustür nicht gerechtfertigt war, seine Arzthelferin, die ihm zur Hilfe eilt, gerät dadurch ungewollt in familiäre Schwierigkeiten.

Um die Rolle von Urs zu charakterisieren, könnte man in Anlehnung an ein bekanntes Zitat aus Goethes Drama „Faust“ sagen: Er ist die Kraft, die stets das Gute will und doch das Böse schafft. (Im „Faust“-Original bezeichnet sich Mephisto als „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.) Ständig ist Urs in Aktion und es immer gut gemeint; er agiert jedoch häufig empathielos und tritt dabei in so manches Fettnäpfchen. Vater Urs gibt sich sanft und übt doch ständig Druck aus, er bleibt äußerlich ruhig und kann doch nicht abwarten, er verausgabt sich bis zur Erschöpfung, ohne irgendwas zu erreichen.

Auch seine Tochter Jette sorgt mit ihrer Entscheidungsschwäche und ihrer in einigen emotionalen Momenten aufscheinenden Unreife dafür, dass schiefgeht, was schiefgehen kann. Am vernünftigsten erscheint zunächst noch ihr Freund Mario, der sich jedoch in entscheidenden Momenten zu passiv verhält, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, und gekränkt zurückzieht. So entwickelt sich in diesem Film niemand und nichts, das Ende bleibt offen. Der Beziehungskonflikt der jungen Frau, die emotional in einem Spannungsverhältnis sowohl zu ihrem Vater als auch zu ihrem Freund steht, bleibt letztlich ungeklärt. Auch wird weder das ursprüngliche Reiseziel erreicht noch eine sinnvolle Alternative präsentiert.

Das Faszinierende an der Art, wie dieser Film seine Geschichte erzählt, ist die Perfektion, mit der hier Inhalt und Form zueinander passen und die Darsteller ihre Rollen erfüllen. Dabei wird die Kamera (Patrick Orth) immer wieder quasi dokumentarisch eingesetzt. Entsprechend zeichnen auch Ulrich Köhler und Henner Winckler gemeinsam für Buch und Regie verantwortlich (Produktion: Sutor Kolonko). Es ist ein gelungener Film, doch fällt er von seiner Konzeption her aus dem Erzählschema, das man sonst auf diesem ARD-Sendeplatz („Film-Mittwoch im Ersten“) üblicherweise erwarten kann, heraus. Nicht zuletzt wegen seiner eher melancholischen Grundstimmung und den wenig identitätsstiftenden Hauptfiguren wird das Publikum diesen Film (2,58 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,6 Prozent) wohl erst auf den zweiten Blick lieben.

29.06.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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