Udo Frank/Rainer Fromm: Das dunkle Erbe – Nazis im deutschen Fußball. Reihe „ZDF‑History“ (ZDF)

Was kann der Film bewirken?

28.12.2021 •

Peco Bauwens war ab 1925 mehrere Jahre Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in den Gremien des Weltfußballverbandes FIFA und von 1950 bis 1962 der erste Nachkriegspräsident des DFB. Danach wurde er DFB-Ehrenpräsident. Außerdem ist das ehemalige NSDAP-Mitglied Namensgeber einer Straße in Köln-Müngersdorf. Mit Bauwens steigt die ZDF-Dokumentation „Das dunkle Erbe“ ein, die einen Überblick darüber gibt, in welchem Umfang deutsche Fußballvereine und der DFB bisher die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet haben. Die Entscheidung, Bauwens an den Anfang zu stellen, hängt mit neuen Informationen zu dessen Wirken in der NS-Zeit zusammen – die aber nicht direkt seine Funktionärstätigkeiten betreffen, sondern vor allem seine Rolle als Mitinhaber der Kölner Baufirma Bauwens.

Die neuen Details liefert das Arolsen-Archiv im nordhessischen Bad Arolsen, das über Unterlagen zu verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus verfügt. Es geht um den Einsatz von KZ-Zwangsarbeitern durch die Firma Bauwens in Langenstein-Zwieberge, einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. 100 bis 130 Häftlinge hätten für die Firma Bauwens in einem Untertagebauverlagerungsprojekt der Rüstungsindustrie arbeiten müssen, sagt im Film Henning Borggräfe, Leiter der Abteilung Forschung und Bildung im Arolsen-Archiv. Die Bautätigkeit unter Tage zähle zu den „mörderischsten Aspekten der Zwangsarbeit in Konzentrationslagern“, so Borggräfe weiter.

Die Autoren Udo Frank und Rainer Fromm widmen sich in ihrem Film auch dem wohl ranghöchsten Nationalsozialisten mit direkten Verbindungen zum Vereinsfußball: dem früheren St.-Pauli-Stürmer Otto Wolff, der ab 1940 Gauwirtschaftsberater in Hamburg war und in dieser Position „die Verdrängung von Jüdinnen und Juden aus dem Wirtschaftsleben und ihrer bürgerlichen Existenz forcierte“, wie es die Hamburger Historikerin Jessica Erdelmann im Film formuliert. Wolff, über den seine Anwälte 1949 sagten, er habe in der NS-Zeit „Ministerbefugnisse“ gehabt, profitierte auch persönlich von Arisierungen – ebenso wie andere Täter und „Mitläufer“, die in dieser ZDF-Dokumentation Erwähnung finden. Darunter die Schalker Fußball-Legende Fritz Szepan und der Waffen-SS-Mann Rudolf Gramlich, der in der NS-Zeit kurzzeitig Vereinsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt war und dieses Amt auch wieder von 1955 bis 1970 bekleidete.

Udo Frank und Rainer Fromm tragen in ihrem Film zwar überwiegend Bekanntes zusammen, aber das auf sehr gelungene Weise. Zum Gelingen trägt auch bei, dass sie neben Fußballhistorikern, die sich in der Öffentlichkeit schon oft zu dem Thema des Films geäußert haben, auch in diesem Zusammenhang weniger bekannte Stimmen zu Wort kommen lassen, etwa Judith Neuwald-Tasbach, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchens, in Sachen Schalke 04 sowie Reimer Möller von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der sich über den SS-Verbrecher Otto „Tull“ Harder (Hamburger SV) äußert. Besonders bemerkenswert: In „Das dunkle Erbe“ kommen in 45 Minuten 17 Interviewpartner zu Wort, und trotzdem wirkt der Film nicht überladen oder zerfasert.

Positiv fällt außerdem ins Gewicht, dass die beiden Autoren nicht nur Täterbiografien erzählen. Sie würdigen auch einige Opfer, etwa den zu seiner Zeit deutschlandweit bekannten jüdischen Dermatologen Carl Bruck und dessen Frau Olga, deren Haus in der Hamburger Elbchaussee in Hamburg-Othmarschen der Ex-Stürmer und Nazi-Funktionär Otto Wolff erwarb.

Die Schwächen dieses Beitrags aus der Reihe „ZDF-History“ liegen eher auf der sprachlichen Ebene: „Bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte“ stehe der Verein „nicht an der Tabellenspitze“, sagen die Autoren zum Beispiel über den FC Bayern München. Das bezieht sich auf den bisher ignoranten Umgang des deutschen Spitzenklubs mit der 2019 bekannt gewordenen SS- bzw. Waffen-SS-Mitgliedschaft seiner langjährigen Funktionsträger Wilhelm Neudecker und Walter Fembeck. Die genannte Formulierung klingt ein bisschen zu locker und angesichts des Gegenstands auch neben der Spur.

Und zur generell spät startenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Fußballbetrieb hierzulande heißt es: „Die 90er Jahre werden für den Fußball zu reichlich verspäteten 68ern.“ So ein hemdsärmeliger Satz ist insofern verständlich, als er der Auflockerung dienen soll, aber inhaltlich hilfreich ist die Formulierung nicht. Denn: Wenn überhaupt, begann eine nennenswerte Aufarbeitung erst in den 2000er Jahren und sie fand in einem derart überschaubaren Zirkel statt, dass 1968 als Referenz kaum taugt.

Was kann der Film bewirken? Der DFB antwortet auf eine Anfrage der Autoren in Sachen seines Ehrenpräsidenten Peco Bauwens, der Verband habe damit „begonnen“, Ehrungen „aufzuarbeiten und zu überprüfen“. Eintracht Frankfurt und der FC St. Pauli sind da übrigens weiter, sie haben den NS-Tätern Gramlich und Wolff die Ehrenwürden, die ihnen die Vereine einst verliehen hatten, posthum aberkannt.

Spannender ist noch die Frage, wie sich der Bauwens-Konzern zu den Recherchen zum Thema Zwangsarbeit verhält. Die heute von Paul Bauwens-Adenauer, einem Enkel des früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, geführte Firmengruppe hat bisher diesbezüglich recht defensiv agiert. Vielleicht kann die Dokumentation ja dazu beitragen, dass die Überlegungen bei Verband und Baufirma etwas beschleunigt werden. Dafür bedürfte es aber wahrscheinlich noch weiteren medialen Drucks bei diesem Thema.

Das ZDF strahlte den Film „Das dunkle Erbe – Nazis im deutschen Fußball“ in seinem linearen Programm von 0.35 bis 1.20 Uhr aus. Zu dieser nachtschlafenden Zeit sahen den Beitrag 437.000 Zuschauer (Marktanteil: 6,8 Prozent). Nun steht der Film in der ZDF-Mediathek zum jederzeitigen Anschauen zur Verfügung, bis 2026.

28.12.2021 – René Martens/MK

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