Twist. Wöchentliches Kulturmagazin. Mit Bianca Hauda und Romy Straßenburg (Arte)

Stippvisiten

29.09.2020 •

Das neue Kulturmagazin von Arte heißt „Twist“. Es ist die Nachfolgesendung des langjährigen Arte-Kulturmagazins „Metropolis“, das im Jahr 1997 zum ersten und am 5. April dieses Jahres zum letzten Mal ausgestrahlt wurde. Das neue Format gibt es seit dem 30. August wöchentlich am Sonntagnachmittag zu sehen und besteht jeweils aus einem dreißigminütigen Film, in dem „Twist“ mit der Kamera an verschiedenen Orten Europas unterwegs ist, „um die Atmosphäre und Tonalität der Städte einzufangen“, wie es in der Programmankündigung des Senders heißt.

Das erinnert an eine Spezialität von Arte, an dort häufig anzutreffende Reiseformate, wie etwa an die Sendereihe „Stadt, Land, Kunst“, eine Art Kultur-Reise-Magazin, das seit 2017 von Arte werktäglich um die Mittagszeit ausgestrahlt wird (vgl. MK-Kritik). Aber anders als dort geht es bei „Twist“ nicht vorrangig um das Erinnern ans kulturelle Erbe, das bei „Stadt Land Kunst“ oft in ästhetisch opulente Bilder von Stadt- und Naturlandschaften eingebettet ist, formal eher in der Tradition des Dokumentarfilms stehend.

Bei „Twist“ dagegen befinden wir uns in einem journalistischen Genre. Es ist ein Reportage-Format und es geht vor allem um die Begegnung mit Kulturschaffenden vor Ort. Anders als das Vorgängermagazin „Metropolis“ ist „Twist“ monothematisch angelegt. Die „Twist“-Moderatorinnen Bianca Hauda und Romy Straßenburg, beide zur Generation der Mittdreißiger zählend, reisen durch europäische Städte und deren Kulturszene. Sie sind vor Ort, um mit den Künstlern über deren Arbeit und deren künstlerisches Selbstverständnis vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Fragen zu sprechen. In den ersten drei Folgen wurde aus dem deutschsprachigen Raum berichtet: Berlin, Zürich und Wien.

Das Thema der ersten Ausgabe (produziert vom HR) lautete: „Wie steht’s mit der Solidarität? Eine Spurensuche in Berlin“. Bianca Hauda trifft in der deutschen Hauptstadt mehr als ein Dutzend Künstler – Musiker, Schriftsteller, Philosophen, bildende Künstler – und unterhält sich mit ihnen über die für die Sendung gestellte Frage. Gleichzeitig dienen die Gespräche auch dazu, die jeweiligen Künstler vorzustellen und ihnen Gelegenheit zu geben, ihre künstlerischen Anliegen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das ist viel Stoff für 30 Minuten Sendezeit. Entsprechend schnell und oberflächlich geht es voran. Berlin präsentiert sich hier als internationale Stadt, denn die vorgestellten Künstler haben sehr vielseitige Herkünfte und entsprechende Lebenserfahrungen, die sie künstlerisch umsetzen.

Eine feste, in jeder Folge wiederkehrende Rubrik heißt „Psychogramm auf Instagram“ und beinhaltet jedesmal ein Künstlerporträt von außerhalb des jeweiligen Drehorts, das aber auch bewusst als kritisches, den Künstler und seine Arbeit bewertendes Feuilleton angelegt ist. In der ersten „Twist“-Folge ging es anhand ihres Instagram-Auftritts um pointierte Reflexionen über Yoko Ono.

Die zweite Folge (produziert vom NDR) hatte das Thema „Denkmalsturz – Wie wollen wir uns erinnern?“ und dazu ging es in die Schweiz. Diesmal, in Zürich, sind es nur etwa halb so viele Künstler, die Bianca Hauda trifft. Entsprechend tiefer gehen die Gespräche, die sie führt. Auch in dieser Folge wird auf ein internationales Flair Wert gelegt. Mit virtueller Hilfe wird ebenfalls wieder der geografisch festgelegte Ort verlassen zugunsten eines Blicks nach außerhalb. In dieser Ausgabe gilt das „Psychogramm auf Instagram“ einem amerikanischen Rapper und Fan von US-Präsident Donald Trump. Außerdem wird ein Beitrag aus Paris eingefügt, in dem Romy Straßenburg, die zweite feste „Twist“-Moderatorin, der man hier zum ersten Mal begegnet, eine Politikwissenschaftlerin und Feministin zum Thema Denkmale befragt.

Die dritte Folge (produziert wieder vom HR) widmete sich dem – doch sehr weitläufigen – Thema „Wie geht bessere Welt? Eine Spurensuche in Wien“. Wie in der ersten Folge sind es wieder sehr viele, sehr unterschiedliche Kulturschaffende, die hier im Schnelldurchgang zu Wort kommen. Wiederum gibt es die Rubrik „Psychogramm auf Instagram“, die zwar durch ihren distanziert-wertenden Anspruch der klassischen Kunstkritik nähersteht als die anderen Beiträge, bei der aber leider ebenso das bei „Twist“ offenbar vorgegebene hohe Tempo vorherrscht.

Doch bei dieser dritten Ausgabe der neuen Sendung spielt auch die Stadt Wien als Kulturort eine besondere Rolle: Bianca Hauda kann offensichtlich angesichts der dort vorzufindenden geballten architektonischen Pracht des 19. Jahrhunderts, die in ihren Reportage-Bildern beinahe zwangsläufig auftaucht, nicht umhin, darauf einzugehen. So wird diesmal zumindest ansatzweise auch so etwas wie ein unverwechselbares Stadtflair mitvermittelt, unter Einbezug der auch hier wieder hervorgehobenen Internationalität der Kunstszene.

Diese Besuche bei Künstlern und Intellektuellen vor Ort sind nicht viel mehr als kurze Stippvisiten. Durch ihr sehr forsches Auftreten kommt Bianca Hauda dabei zwar schnell vom Smalltalk weg zum eigentlichen Thema der Sendung, das aber dann eben auch sehr rasch abgehandelt wird. Solche Reportage-Formate haben gerade in Corona-Zeiten Konjunktur, in denen beispielsweise Sendungen in Innenräumen mit Publikum aus Hygienegründen bis auf weiteres nicht mehr stattfinden können. Bei „Twist“ heißt es also nunmehr ganz offiziell: „Raus aus dem Studio, hin zu den Orten, an denen Kultur erlebbar ist und gesellschaftliche Debatten geführt werden“ (Arte-Pressemitteilung).

Auch das ZDF hat für sein traditionelles Kulturmagazin „Aspekte“ inzwischen angekündigt, dass das Format vom 23. Oktober an ein Reportageformat wird, bei dem die Künstler nicht mehr in die Sendung mit Publikum eingeladen, sondern von den Moderatoren vor Ort aufgesucht werden. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass sich „Aspekte“ weg vom klassischen Magazin zum mitternächtlichen Salon mit Publikum gewandelt hatte (vgl. FK-Artikel). Möglicherwiese sind diese neuen Zukunftspläne des ZDF für sein angestammtes Kulturmagazin „Aspekte“ auch ein Grund dafür, dass der Sender an dem neuen Arte-Kulturmagazin nicht mehr beteiligt ist. Denn anders als die inzwischen eingestellte Sendung „Metropolis“, die eine ARD/ZDF-Koproduktion mit Arte gewesen war, wird das neue „Twist“-Magazin (Kobalt Produktion, Berlin) nur noch von den ARD-Sendeanstalten WDR, SWR, NDR, MDR und HR mit Arte koproduziert, wobei der MDR hier neu dabei ist, während die anderen vier bei „Metropolis“ bereits beteiligt waren.

29.09.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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