TV total. Comedy-Show mit Sebastian Pufpaff (Pro Sieben)

Aufgewärmtes Frittenfett

14.11.2021 •

Wer sich vor sieben Jahren eine totale Fernsehabstinenz verordnet hatte und nun im November wieder rückfällig wurde, könnte meinen, in der deutschen Fernsehunterhaltung habe sich in all der Zeit rein gar nichts getan. Samstags „Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk im ZDF und bei Pro Sieben läuft noch immer „TV total“. Okay, Stefan Raab sieht etwas anders aus und heißt jetzt Sebastian Pufpaff, aber sonst scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Was natürlich so nicht stimmt. Mit der ZDF-Sause war Ende 2014 eigentlich Schluss. Die Ausgabe am 6. November dieses Jahres (vgl. MK-Artikel) war lediglich ein Special, dem aber wegen des großen Zuschauerfolgs möglicherweise doch noch weitere folgen sollen. Und die letzte Ausgabe von „TV total“ flimmerte auch schon Ende 2015 über den Schirm (vgl. MK-Artikel).

Mit der Wiederaufnahme des Formats war Pro Sieben immerhin ein kleiner Scoop gelungen. Von der offiziellen Ankündigung bis zur ersten Sendung vergingen nur wenige Tage. Was man in einer Branche, der Geheimhaltung sonst eher fremd ist, durchaus bemerkenswert finden kann. Bei der Premiere sah alles so aus, als wäre „TV total“ nie weggewesen. Das Studio inklusive aller Deko-Materialien sah exakt aus wie zu Raabs Zeiten, man sah das altbekannte Sendungslogo mit den Hörnern, die Band namens Heavytones war wieder mit von der Partie und sogar Manfred Winkens, den damaligen Sprecher für die Einspielfilmchen („die lustige Stimme von ‘TV total’“), hatte man wieder angeheuert. Das gute, alte Nippleboard war zunächst noch mit einem Tuch abgedeckt, wurde dann aber Mitte der Sendung so feierlich enthüllt, als gäbe es eine Weltsensation zu bestaunen. Fehlte eigentlich nur Stefan Raab. Doch der Mann, der die Sendung konzipiert und 16 Jahre lang moderiert hatte (damals war es eine Late-Night-Show, heuer läuft sie um 20.15 Uhr), wollte nicht wieder vor die Kamera, zieht aber nun im Hintergrund als Produzent die Fäden.

Blieb also in erster Linie der neue Moderator Sebastian Pufpaff. Der Grimme-Preisträger („Noch nicht Schicht“, 3sat) ist zwar eher als klassischer Kabarettist bekannt, ergeht sich aber auch gern mal in eher derben Pointen. Auf der Homepage von Pro Sieben stand vor der Sendung jedenfalls zu lesen, der Moderator sei „heiß wie Frittenfett“. Heiß war er nicht, aber gänzlich überdreht ging er seinen neuen Job an, schlenderte nicht die Showtreppe runter, sondern sauste eine (kurze) Feuerwehrstange hinunter aufs Parkett fürs Stand-up-Intro vor seinem Schreibtisch. „Wir werden richten und strafen für den ganzen Schrott, den es da draußen gibt“, kündigte Pufpaff an.

Als ersten Schrott hatten die „TV-total“-Macher die „Wetten, dass..?“-Sonderausgabe vom Samstag zuvor ausgemacht. Dort hatte Gottschalk seine nicht mehr ganz so jungen Show-Gäste Björn und Benny von Abba so angekündigt: „Da habe ich mich gefragt: Von welcher Bahnhofsmission kommen denn die zwei Zausel?“ Und weiter: „Alter Schwede! Nee, zwei alte Schweden!“ Nächste Sendung: „Hart aber fair“ (ARD/WDR), wo Frank Plasberg mal wieder Probleme mit ihm nicht bekannten Fremdwörtern hatte. „Dystopie“ hatte Autorin Juli Zeh dort gesagt und sollte den Begriff dann erklären. Pufpaff dazu: „Das ist nicht die Sache, die man in Ställen mit Tieren macht. Das ist Sodomie.“ Klassischer Raab-Humor. Und von diesen doch eher armseligen Scherzen gab es in der Sendung eine ganze Reihe. Zwar ist man auch bei der „Heute-Show“ des ZDF nicht gänzlich gegen solche Kalauer gefeit, doch bleiben sie da eher peinliche Ausrutscher.

Überhaupt wirkt dieses schlichte Bashing diverser Fehlleistungen von Fernsehprotagonisten seltsam aus der Zeit gefallen. Als Stefan Raab damit um die Jahrtausendwende begann, lief im Ersten beispielsweise „Pleiten, Pech und Pannen“ und solche Fundstücke hatten noch einen gewissen Unterhaltungswert. Gut zwanzig Jahre später, wo derartige Schnipsel mit einschlägigen Kommentaren millionenfach im Netz kursieren, mutet so etwas geradezu antiquiert an. (Was macht eigentlich Oliver Kalkofe?) Vor diesem Hintergrund hatte das Ganze im Bezug auf die Ankündigung von Pro Sieben doch eher was von aufgewärmtem Frittenfett. Auch Pufpaffs gescheiterte Versuche, sich als ZDF-Moderator verkleidet auf die Couch der „Wetten, dass...?“-Sendung in Nürnberg zu schmuggeln, hatten allenfalls Retro-Charme. Das einzig Nette an der Exkursion: Pufpaff, der gleich zweifach davon redete, „Wetten, dass..?“ habe über die Jahrzehnte insgesamt drei Moderatoren gehabt, wurde von den eigenen Leuten jeweils aus dem Off belehrt: „Es waren vier.“

Aber es gab bei der Reanimation von „TV total“ auch ein paar bessere Momente. So etwa die entlarvenden Einspieler und die dazugehörigen Kommentare in Sachen „Bild TV“ oder etwa den Ausschnitt aus einer ARD-Musikshow, in der Florian Silbereisen wie von Sinnen in die Masse der Zuhörer in der Westfalenhalle brüllte: „Dortmund, wollt ihr den Schlager nach zwei Jahren Pause endlich wieder so feiern, wie er nur beim ‘Schlagerboom’ gefeiert wird?“ – und das Volk so entfesselt erwartbar schrie: „Jaaaaa!“. Diese Szene durch Einerspielervariationen mit jener Rede von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels vom 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast („Wollt ihr den totalen Krieg?“) in Verbindung zu bringen, konnte man verwegen finden, war aber einer der wenigen satirischen Momente bei dieser „TV-total“-Sendung.

Wenn es davon künftig mehr gäbe und Sebastian Pufpaff es lassen könnte, Einspieler seinerseits mit frenetischem Applaus zu bedenken oder mit aufgesetzten Lachern zu kommentieren, könnte aus der Wiederbelegung durchaus noch etwas werden. Stefan Raab vor der Kamera fehlt der Sendung so wenig wie jene Studiogäste, die einst auf dem Sofa ihre neuesten Produkte bewarben. Das Möbel steht zwar wieder da, muss aber wirklich nicht besetzt werden.

Für Pro Sieben war die Neuauflagen-Premiere von „TV total“ jedenfalls ein voller Quotenerfolg. Die Sendung hatte in der für den Sender wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen 2,24 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 27,8 Prozent. Wie gut das ist, zeigt ein Blick auf den Senderdurchschnitt von Januar bis Oktober 2021 in dieser Zielgruppe, der bei 8,6 Prozent liegt. Beim Gesamtpublikum (Zuschauer ab 3 Jahren) kam „TV total“ auf 2,99 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 9,8 Prozent, auch dies weit über dem Senderschnitt von 3,7 Prozent.

Und weil Pro Sieben auf eine solche Resonanz offenbar gesetzt hatte, bekamen Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel für ihr Infotainment-Format mal eben schnell einen neuen Sendeplatz unmittelbar im Anschluss an „TV total“. Auf dem ursprünglichen Platz zur Primetime am Montag hatte sich ihr Magazin „Zervakis & Opdenhövel. Live“(vgl. MK-Kritik) als Totalflop erwiesen. Im Anschluss an „TV total“ ab 21.15 Uhr gab es nun sogleich die bisher beste Einschaltquote für das Magazin: Bei den 14-bis 49-Jährigen waren es 681.000 Zuschauer und ein Marktanteil von 11,1 Prozent, beim Gesamtpublikum 1,02 Mio und 4,3 Prozent.

 

14.11.2021 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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