Tuvia Tenenbom: Allein unter Flüchtlingen (SWR Fernsehen)

Unbequem und schräg

04.05.2018 •

Wie kaum ein anderes Thema wird seit längerem die sogenannte Flüchtlingskrise in Deutschland kontrovers diskutiert. Einerseits wird die Willkommenskultur als Akt der Humanität gewürdigt. Kritische Stimmen bemängeln andererseits eine zu hohe Zahl an Flüchtlingen im Land und eine zu zögerliche Integrationsbereitschaft zahlreicher muslimischer Migranten. Tuvia Tenenbom, Autor und Theatermacher aus New York, nähert sich in seinem Film „Allein unter Flüchtlingen“ dieser Problematik aus der Perspektive des Außenstehenden an. Nach provokativen Reportagen wie „Allein unter Juden“, einem Film, für den er mit der Lederhose durch Israel reiste, unternimmt der Sohn eines Rabbiners nun mit seiner Frau Isi sowie einem Kamera- und einem Tonmann eine turbulente Autofahrt quer durch deutsche Lande. Dabei spricht er mit Passanten, Flüchtlingen und Politikern unterschiedlichster Couleur.

Im Stil des britischen Komikers Sacha Baron Cohen („Borat“) schlüpft Tenenbom in die Rolle des naiven, eulenspiegelhaften Zuhörers. Seinen Gesprächspartnern entlockt er dabei immer wieder schräge Statements. Die kurzweilige, mit burlesker Musik unterlegte Reportage im Stil eines Roadmovies lebt vom Aufeinanderprallen zahlreicher Gegensätze. So wie man jemanden am Straßenrand nach dem Weg fragt, so erkundigt Tuvia Tenenbom sich bei Müttern auf dem Gehweg eines ostdeutschen Provinzdorfs nach deren Meinung zu Flüchtlingen. Die Frauen geben zu verstehen, dass sie Angst davor hätten, ihre Meinung öffentlich auszusprechen. In der früheren DDR hätten sie eher sagen können, was sie denken.

Einen Moment später kommt der hemdsärmelige Reporter, der physiognomisch dem Dokumentarfilmer Michael Moore ähnelt, mit jungen (West-)Deutschen ins Gespräch. Für sie ist die Aufnahme von Flüchtlingen Grund für einen neuen Nationalstolz. Deutschland habe mehr Flüchtlinge als andere Länder aufgenommen und sei deshalb „besser als Europa“, erklärt ein junger Mann aus München. Die Flüchtlinge, so kitzelt Tenenbom aus ihm heraus, würden dazu benutzt, um auf eine politisch korrekt anmutende Weise, wieder „Deutschland, Deutschland über alles“ zu intonieren.

Im Gegenzug besucht der Autor Flüchtlingsheime, in denen Asylbewerber zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetieren. Die hygienischen Verhältnisse in diesen Unterkünften sind katastrophal. Und da die Leiter solcher Heime oftmals nicht wissen, mit wem genau sie es zu tun haben, stecken sie Menschen aus verfeindeten Gruppierungen zusammen in gemeinsame Zimmer. Gewaltsame Auseinandersetzungen sind daher an der Tagesordnung. Unvoreingenommen hört Tenenbom all diesen Geschichten zu und muss sehen, dass Flüchtlinge trotz der Willkommenskultur nicht immer willkommen sind.

Mit der steilen These, wonach es Deutschland bei der ganzen Hilfsbereitschaft nicht um die Flüchtlinge selbst gehe, sondern nur um die Kompensierung des schlechten Gewissens wegen des Holocausts, konfrontiert Tenenbom Christen, Muslime und Politiker vom linken wie rechten Rand. „Wie konnte“, fragt Tenenbom bezogen auf die Fälle schlechter Behandlung von Flüchtlingen, „Deutschland nur so verkommen und Menschen so behandeln? Was ist hier los?“ Als der Reporter diese Frage an Frauke Petry richtet, steht der bis dahin mit ihm eloquent in englischer Sprache redenden Rechtsauslegerin (zum Zeitpunkt des Drehs noch in der AfD) eine gefühlte Ewigkeit der Mund offen. Es ist einer der erstaunlichsten Momente des Films (Produktion: Preview Production).

Als Jude mit israelischen Wurzeln hat Tuvia Tenenbom auch ein Ohr für antisemitische Aspekte der Flüchtlingsproblematik. Während er mit Vertretern des bayerischen Flüchtlingsrates spricht, die ihm das düstere Schicksal eines von Abschiebung bedrohten Asylbewerbers schildern, schaltet der betroffene Afghane sich plötzlich mit großem Eifer in das Gespräch ein: Der junge Mann will Tenenbom erklären, dass die Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) alle auf israelischem Boden ausgebildet worden seien. Neben solch bizarren antisemitischen Auswüchsen beobachtet der Reporter auch einen salonfähig erscheinenden Judenhass. Auf die Frage, wie Israel sich denn verhalten solle, wenn palästinensische Raketen auf das Land abgefeuert würden, erklärt ein Mann im Biergarten: Die Israelis möchten doch, bitteschön, auch „die andere Wange hinhalten“.

Wie repräsentativ dieser Film für die Ansichten der Bundesbürger ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall aber zeigt er Deutschland privat. Selten gelingt es einer Reportage, die widersprüchliche Gemengelange aus Stimmungen, Meinungen, Gefühlen und Befürchtungen in der wiedervereinigten Bundesrepublik so lebendig und unverblümt widerzuspiegeln. Wie ein „Untoter“ geistert dabei immer wieder der Name Adolf Hitler durch den hinsichtlich so mancher Erkenntnisse unbequemen und zugleich schrägen 45-minütigen Film, der vom Dritten Programm SWR Fernsehen seltsamerweise erst ein Jahr nach Fertigstellung ausgestrahlt wurde, und das ab 0.50 Uhr und somit in der tiefsten Nacht. (Unter dem Titel „Allein unter Flüchtlingen“ hatte Tuvia Tenenbom im März 2017 auch ein Buch zu seinen Deutschland-Erkundungen veröffentlicht, erschienen im Suhrkamp-Verlag).

04.05.2018 – Manfred Riepe/MK

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