Torsten Körner: Schwarze Adler (Amazon Prime Video/ZDF)

Bepöbelt von Eltern mit Kindern an der Hand

19.06.2021 •

1957 entstand für den damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR) der 26-minütige Film „Toxi lebt anders“, in dem es laut Inhaltsangabe des Archivs im Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms um „farbige Kinder amerikanischer Soldaten und deutscher Mütter“ geht. In einer Sequenz ist zu sehen, wie der Interviewer – es ist vermutlich der für Buch und Regie zuständige Peter Schier-Gribowsky – eine dieser Mütter hartnäckig davon zu überzeugen versucht, dass sie ohne ihr Kind besser dran wäre, schließlich habe es kaum Zukunftsperspektiven: „Ihr Kind kann doch nicht zum Zirkus gehen.“ Das Ganze ist so in Szene gesetzt, dass der Interviewer vernünftig wirkt und die Mutter starrsinnig.

Torsten Körner nutzt diese Szene in seinem Dokumentarfilm „Schwarze Adler“, in dem er den Rassismus schildert, dem sich People of Colour im deutschen Fußball ausgesetzt sehen. Die Worte des hartherzigen Interviewers in „Toxi lebt anders“ dienen Körner dazu, das rassistische Klima zu skizzieren, in dem zwei „farbige Kinder amerikanischer Soldaten und deutscher Mütter“ aufwuchsen, die später deutsche Nationalspieler werden sollten: Erwin Kostedde (er hat seinen amerikanischen Vater nie kennengelernt) und Jimmy Hartwig (er hat seinen nur einmal getroffen).

Neben Kostedde und Hartwig hat Körner mit sieben weiteren ehemaligen Spielern und drei ehemaligen Spielerinnen gesprochen – außerdem mit zwei aktuellen Profis: Jean-Manuel Mbom (Werder Bremen) und Jordan Torunarigha (Hertha BSC Berlin). Körner, unter anderem Co-Regisseur des Dokumentarfilms „Angela Merkel – die Unerwartete“ (ARD/MDR/Arte; vgl. MK-Kritik) und auch langjähriger Autor dieser Zeitschrift, lässt ausschließlich Betroffene zu Wort kommen, keine weißen Menschen, die sich mit dem Thema Rassismus befassen. Die meisten dieser Gesprächspartner beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Rassismus im Fußball, sie haben aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen ja auch gar keine andere Wahl. Dennoch hat man beim Anschauen von „Schwarze Adler“ (Produktion: Broadview TV) hin und wieder den Eindruck, dass es Torsten Körner gelungen ist, bei ihnen noch einmal neue Gedanken anzustoßen.

Der Filmtitel „Schwarze Adler“ bezieht sich auf das Emblem der deutschen Nationalmannschaft. Der Großteil von Körners Protagonisten hatte den Adler auf der Trikotbrust, und sei es nur als Spieler von Nachwuchs-Nationalmannschaften. Drei von ihnen erzählen in dem 100-minütigen Film davon, wie der Rassismus im Fußball eine größere Karriere verhinderte. Shary Reeves, Jahrgang 1969, berichtet, bei einem Nachwuchs-Lehrgang habe Gero Bisanz, der langjährige Trainer des Frauen-Nationalteams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ihre Hoffnungen mit den Worten „Du hast ja nicht mal den deutschen Pass“ zunichte gemacht. Jimmy Hartwig lässt anklingen, dass Jupp Derwall, der während Hartwigs großer Zeit Bundestrainer war, ein Problem mit ihm hatte – obwohl es „nicht nur“ an Derwall gelegen habe, dass er nur zwei A-Länderspiele absolvierte. Wenn man sich Hartwigs Erfolge mit dem Hamburger SV anschaut, ist das allemal unverständlich: Er bestritt zwischen 1979 und 1984 drei Endspiele in den europäischen Vereinswettbewerben und wurde in der Zeit je dreimal Deutscher Meister und Vizemeister.

Erwin Kostedde schließlich lief nur dreimal für die A-Nationalelf auf – weil er, wie er selbst sagt, „nie wieder warm geworden“ sei „mit der Mannschaft“ und ihn vor einem Spiel die Fans des deutschen Teams derart beleidigt hätten, dass er danach nicht die Leistung bringen konnte, zu der er imstande gewesen wäre. So bleibt der Höhepunkt von Kosteddes Karriere, dass die Zuschauer der ARD-„Sportschau“ einen Treffer, den er 1974 für den damaligen Bundesligisten Kickers Offenbach erzielte, zum „Tor des Jahres“ kürten. Körner zeigt dieses Tor in „Schwarze Adler“ und man sieht es heute vielleicht mit anderen Augen als in den 1970er Jahren. Es ähnelt – darauf weist Alexander Heflik in der gerade erschienenen Biografie „Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“ hin – in seiner Entstehung dem entscheidenden Tor von Mario Götze zum 1:0-Sieg Deutschlands im WM-Endspiel 2014 in Rio de Janeiro gegen Argentinien: ein Flügellauf durch die gegnerische Hälfte auf der linken Seite, eine Flanke, die der Schütze mit der Brust annimmt – und schließlich ein Volleyschuss ins Netz.

Einer der Marksteine in der Geschichte des Rassismus im deutschen Fußball steht in Körners Film unter der Zwischenüberschrift „Asa & Addo“. Das bezieht sich auf die Spieler Gerald Asamoah und Otto Addo, die im Juni 1997 mit Hannover 96 bei Energie Cottbus in einem Spiel um den Aufstieg in die 2. Liga antraten. Die gegen die beiden Schwarzen gerichtete Feindseligkeit des Cottbusser Publikums ließ sich fast als Psychoterror bezeichnen. „Das war noch mal eine andere Stufe als sonst“, er sei von „Eltern mit Kindern an der Hand“ bepöbelt worden, sagt Addo im Film.

Vier Jahre später, als Gerald Asamoah (nun Schalke 04) bei seinem ersten Länderspiel am 29. Mai 2001 gegen die Slowakei ein Tor für die DFB-Elf erzielt, wird der ARD-Reporter Heribert Faßbender sagen: „Der deutsche Fußball hat einen neuen Liebling.“ Eine verfrühte Einschätzung. Im Juli 2006 wird Asamoah zwar von Zehntausenden Fans am Brandenburger Tor bejubelt, als er mit der deutschen Nationalmannschaft den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft feiert, nur wenige Wochen nach der öffentlichen Party aber sieht sich Asamoah bei einem Pokalspiel des FC Schalke 04 bei der zweiten Mannschaft von Hansa Rostock wüsten Beleidigungen ausgesetzt. Ein relativ aktueller Fall (aus der Saison 2019/20) kommt in „Schwarze Adler“ auch zur Sprache, dieses Mal sind es Schalker Fans, die einen Spieler aus der Fassung bringen. Ihr Opfer: der Herthaner Jordan Torunarigha.

Es gehört zu den Stärken dieses Dokumentarfilms, dass er deutlich macht, dass der Rassismus im Fußball sich nicht auf die von Journalisten gern mal so genannten Unbelehrbaren auf den Rängen reduzieren lässt. Manchmal kommt der Rassismus auch in den unbeholfenen Witzen eines Sportmoderators zum Ausdruck, etwa bei einem in „Schwarze Adler“ verwendeten Interview aus der Sendung „Sport im Westen“ (WDR Fernsehen), das aus den späten 1980er Jahren stammen dürfte. Hier sagt der Moderator zu dem ghanaischen Spieler Anthony Baffoe: „Sie sehen dunkler aus als andere Leute, und das liegt sicherlich nicht an unserem schönen Wetter hier.“

Der Film gewinnt zudem zahlreichen bekannten Aspekten des Themas Diskriminierung Perspektiven ab, die sonst selten Beachtung finden. Im Zusammenhang mit Jérôme Boateng geht es zum Beispiel um die Kritik an Nationalspielern, die immer wieder aufkommt, wenn Menschen mit nicht nur deutschen Wurzeln bei der Nationalhymne stumm bleiben. Dass „alle da draußen wollen, dass man die Hymne mitsingt“, stehe „im Widerspruch zu den eigenen Emotionen“, sagt Shary Reeves dazu. Wenn einem jahrelang vermittelt werde, dass man gesellschaftlich nicht dazu gehöre, könne man von den Spielern nicht verlangen, dass sie die Hymne mitsingen. Reeves hat fast zwei Jahrzehnte die vom WDR verantwortete Kinderfernsehsendung „Wissen macht Ah!“ moderiert und ihr Auftreten in diesem Film lässt ein gewisses Bedauern darüber aufkommen, dass es im Fernsehen derzeit keine Sendung mehr mit ihr gibt.

Auf beeindruckende Weise verwebt Körner hier persönliche Geschichten und punktgenau ausgewähltes Archivmaterial zu einem dokumentarischen Essay über bundesrepublikanische Gesellschaftsgeschichte. Was den Film ebenfalls auszeichnet: Körner geht jeweils nur kurz auf die rassistischen Äußerungen ein, mit denen sich seine Gesprächspartner im Lauf ihres Lebens bisher konfrontiert sahen. Das ist erwähnenswert, weil andere TV-Autoren beim Thema Beleidigungen und Hate Speech dazu neigen, diese Abwertungen ausgiebig zu reproduzieren, manchmal anscheinend auch mit einer gewissen Lust am Ekel.

Torsten Körners Film, seit Mitte April beim Streaming-Anbieter Amazon Prime Video abrufbar, lief linear am 18. Juni (Freitag) im Free-TV spät abends im ZDF, hier unter dem neuen Label „Sportstudio Reportage“. Was nicht wirklich nachvollziehbar war, da es sich bei „Schwarze Adler“ um einen Dokumentarfilm handelt. Für die Dokumentation „Der Prozess: Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde“ (vgl. MK-Kritik) hatte das ZDF außerdem gerade erst die Marke „Das aktuelle Sportstudio – Die Doku“ eingeführt. (Bei der Ausstrahlung im ZDF hatte „Schwarze Adler“ 1,425 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 13,4 Prozent.)

19.06.2021 – René Martens/MK

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