Torsten Körner: Gerhard Schröder – Schlage die Trommel… (Arte)

Reflexionen über den Altkanzler

03.08.2020 •

Das von Arte ausgestrahlte Porträt des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder hat eine, medial gesehen, durchaus schwierige Ausgangslage, denn entweder spielt Schröder in der aktuell in den Medien geführten politischen Debatte überhaupt keine Rolle mehr oder, wenn doch, dann eine vorwiegend negative, und das vor allem wegen seines (zu) guten Verhältnisses zu Russland und dessen Präsident Wladimir Putin. Was dagegen Schröders Rolle in der parteiinternen Diskussion betrifft, dürfte dieser bisher letzte von der SPD gestellte Bundeskanzler eher den Rang eines immer noch präsenten, unbewältigten Traumas einnehmen.

Dieser Ausgangslage ist sich Filmautor Torsten Körner offenbar bewusst, wenn er seine Dokumentation über den 76-jährigen Altkanzler mit einer Dichterlesung beginnen lässt. Gerhard Schröder zitiert in der Kulisse eines Museums für Gegenwartskunst sitzend sechs Zeilen seines insgesamt zwölfzeiligen Lieblingsgedichts von Heinrich Heine: „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, / Und küsse die Marketenderin! / Das ist die ganze Wissenschaft, / Das ist der Bücher tiefster Sinn. / […] / Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit, / Und weil ich ein guter Tambour bin.“ Das drückt eine Wertschätzung für den Porträtierten aus und verweist zudem auf eine vom Filmautor angestrebte Reflexionsebene jenseits eines rein tagesaktuellen journalistischen Ansatzes.

Der Altkanzler, dem somit in dieser Dokumentation das erste Wort gehört, sitzt hier vor Farb­tafeln, die im Verlauf des 55-minütigen Films immer wieder dramaturgisch eingesetzt werden, beispielsweise als jeweiliger Hintergrund für eingeblendete Fotos und Zwischentitel. Man kann vermuten (die Dokumentation selbst weist nicht explizit darauf hin), dass es sich hier um Werke von Markus Lüpertz handelt, dem einzigen Künstler unter den zu Wort kommenden Zeitzeugen. Nachdem Schröder das Zitat gesprochen hat, hört man die Trommel schlagen – wobei auf schwarzem Hintergrund die Jahreszahl 1998 eingeblendet wird, es war das Jahr, in dem der 1944 geborene SPD-Politiker Bundeskanzler wurde. Dem folgen sogleich die Jahreszahlen 2009, 2013, 2017, die alle, begleitet von kurzen Filmausschnitten, auf Bundestagswahlen mit bitteren Niederlagen für die SPD verweisen. Dies geschieht noch vor der Einblendung des Sendetitels, der nach dem Namen des Porträtierten den Gedichtanfang „Schlage die Trommel“ zitiert (und der somit nicht mehr „Gerhard Schröder – Kämpfer und Kanzler“ lautet, wie es noch in den ersten Programmankündigungen der Fall war).

Mit diesem Ansatz ist eine Reflexionshöhe erreicht, die den folgenden Ausschnitten aus den Gesprächen des Autors mit Schröder und aus Interviews mit mehr als einem Dutzend Zeitzeugen und Weggefährten viel Raum bietet, in dem ebenso Widersprüche formuliert und dann auch – unkommentiert – stehengelassen werden können. Sie alle haben zumeist einen Bezug zu der von Schröder verantworteten Politik, getreu dem durch das Heine-Gedicht vorgegebenen Motto, dem zufolge sich allein im praktischen Handeln die Qualität der Theorie erweise.

Die meisten Gesprächspartner in dieser sehenswerten Dokumentation (Produktion: Broadview TV) stammen aus dem Umfeld der SPD und der Grünen, mit denen Schröder seinerzeit eine Regierungskoalition bildete; je eine Politiker-Stimme aus Polen, Frankreich und England ist auch mit dabei. Es gibt keine Experten, die aus großer Distanz argumentieren. Unter den Befragten, die sich auch mit grundsätzlichen Überlegungen äußern, kommen mit Gesine Schwan und Martin Schulz zwei SPD-Politiker besonders ausführlich zu Wort, die auch noch heute in der aktuellen Debatte ihrer Partei eine Rolle spielen.

Torsten Körner (der auch MK-Autor ist) hat sein Porträt über Gerhard Schröder in fünf Abschnitte unterteilt, die mit den Zwischentiteln „Hunger“, „Show“, „Macht“, „Treue“ und „Gerechtigkeit“ angekündigt werden, den Titeln ist jeweils eine der Farbtafeln zugeordnet. Der erste, kürzeste Abschnitt gilt Schröders Weg in die große Politik und endet 1978 mit seiner Wahl zum Vorsitzenden der Jusos, der zweite umfasst die Zeit bis zu dem Zeitpunkt, als er Bundeskanzler wurde, in der er ins Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten gewählt worden ist und insgesamt drei Landtagswahlen für die SPD gewonnen hat.

Das dann folgende Kapitel „Macht“, der längste Abschnitt, widmet sich Schröder Bundeskanzlerschaft, die von 1998 bis 2005 währte und damit zwei Wahlperioden und wichtige politische Ereignisse wie den Kosovo-Krieg, den Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, militärische Einsätze in Afghanistan und den Irak-Krieg umfasste. Das Kapitel endet mit einem kurzen Blick auf die Vereidigung der neuen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der Verabschiedung von Schröder mit dem Zapfenstreich der Bundeswehr, der ihm die Tränen in die Augen treibt, als der von ihm gewünschte Frank-Sinatra-Song „My Way“ gespielt wird. Der darauffolgende Abschnitt „Treue“ widmet sich seinem Privatleben und seinen Freundschaften, konkret seinem Verhältnis zu Frauen und zu Wladimir Putin.

Der letzte Abschnitt „Gerechtigkeit“ bildet den schwierigsten, aber auch unbefriedigendsten Teil der Dokumentation. Hier geht es um die seinerzeit von Schröder durchgesetzte „Agenda 2010“ und die dadurch ausgelöste Identitätskrise der SPD. Kritiker, die im Film zu Wort kommen, unterstellen Schröder, sich dabei zu sehr von Unternehmerseite beeinflussen gelassen zu haben. Hier gibt es auch den zweiten kurzen Auftritt von Angela Merkel in dieser Dokumentation: einen Ausschnitt aus dem Bundestag, in dem sich Merkel ausdrücklich bei Schröder für die „Agenda 2010“ bedankt.

Dann kommt der Ex-SPD-Vorsitzende (Kanzlerkandidat der Partei 1990, unterlegen gegen Helmut Kohl, CDU) und heutige Linken-Politiker Oskar Lafontaine vor, der erklärt, Schröder habe mit diesem politischen Konzept seine Herkunft verraten. Lafontaine darf zudem im Film unwidersprochen behaupten, der Altbundeskanzler habe auf diese Weise „die Weichen für den Niedergang der SPD gestellt“. Dabei bleibt unerwähnt, dass Lafontaine selbst mit seinem Parteiaustritt 2005 und der damaligen Gründung der WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit) die SPD ziemlich geschwächt hatte. Diese neue links von der SPD angesiedelte Partei tat sich kurz darauf mit der Linkspartei/PDS zusammen, die dann bei der Bundestagswahl im September 2005 den Einzug in den Bundestag schaffte, was mitentscheidend für die Wahlniederlage von Schröder war.

Wünschenswert wäre es daher gewesen, wenn etwa die fünf Minuten, die der Dokumentation an der vollen Stunde fehlen, noch hinzugekommen wären und diese Zeit für weitere Aspekte des Themenabschnitts „Gerechtigkeit“ aufgewendet worden wären. Insgesamt betrachtet ist dieses Porträt keine reine Hommage an Schröder, sondern eher der – weitgehend gelungene – Versuch, seine Leistungen und Verdienste herauszustellen und dabei gleichzeitig auch seinen Kritikern gerecht zu werden.

Die Dokumentation (517.000 Zuschauer, Marktanteil: 2,2 Prozent) wurde dem Arte-Programm vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) zugeliefert. Geplant ist, dass der MDR eine 45-minütige Version des Films noch in seinem Dritten Programm ausstrahlt. Der Termin dafür ist noch nicht bekannt. Warum eine solche Dokumentation über einen Altbundeskanzler nicht im Ersten ausgestrahlt wird, das wiederum dürfte ein großes Geheimnis aus den höheren Sphären der ARD bleiben.

03.08.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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