Tommy Wosch/Ulli Baumann: Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig! 10‑teilige Sitcom (RTL)

Gelungenes komödiantisches Timing

11.02.2020 •

Eine Schule, das Chefbüro einer Großbäckerei, ein Krankenhaus – die Schauplätze dreier Serien, mit denen RTL seit dem 2. Januar den Donnerstagabend bespielt. Mit der tragikomischen Serie „Der Lehrer“ (20.15 bis 21.15 Uhr) hat sich, kaum beachtet von der Kritik, ein Dauerbrenner entwickelt. Die konsekutive Erzählung um Schulprobleme und das Liebes- und Familienleben der Hauptfigur Stefan Vollmer (Hendrik Duryn) befindet sich bereits in der achten Staffel. Und die Sitcom „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“, deren Titel wohl nicht von ungefähr an die thematisch verwandte US-Erfolgsserie „9 to 5“ anspielt, befindet sich mit einer zweiten Staffel in der Fortsetzung (21.15 bis 21.45 Uhr). Neu in diesem Verbund ist „Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig!“, ebenfalls eine Sitcom (21.45 bis 22.15 Uhr).

Bei gemeinsamer Betrachtung ist dies eine konsistente Programmgestaltung bei RTL, denn alle drei Produktionen zählen zum Subgenre der „Workplace Sitcom“, einer Spielart der seriellen Komödie, die mittlerweile ein breites Spektrum umfasst – vom quirligen Boulevardstil bis hin zum hintergründigen, sinistren Humor der Serie „The Office“ von Ricky Gervais und Stephen Merchant. Diese Art Humor findet sich auch in „Getting On“, einer realitätsnahen britischen Krankenhaus-Sitcom, die von ihren Hauptdarstellerinnen Jo Brand, Vicki Pepperdine und Joanna Scanlan für die BBC verfasst wurde und gallig-komisch den Arbeitsalltag britischer Krankenschwestern und Ärzte schildert, deren tägliche Auseinandersetzungen mit Bürokratie, Bettenknappheit und anderen Bredouillen.

Tommy Wosch, Schöpfer und Headwriter der deutschen Serie „Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig!“, und das fünfköpfige Autorenteam Johannes Oschwald, Thomas Rogel, Abraham Katz, Annika Cizek und Myriam Utz bleiben da im RTL-Kosmos in deutlich konventionelleren Bahnen (Produktion: Ufa Fiction, Regie und Kamera: Ulli Baumann). Die Personenkonstellationen und Themen sind denen der vorausgehenden Sitcom „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“ nicht unähnlich: Die Heldinnen, allesamt im Betriebszusammenhang in Angestelltenposition tätig, erweisen sich immer wieder als kompetenter, klüger und raffinierter als ihre hilflosen und unfähigen, dabei zugleich eitlen und an Selbstüberschätzung leidenden männlichen Vorgesetzten.

Die Krankenpflegerin Micki Busch (Caroline Frier) ist eine lebens- und berufserfahrene Frau, die vom charmanten Stationsarzt Dr. Anastasios Kyrgios (Jasin Challah) als neue Stationsleiterin eingestellt wird. Im selben Moment platzt Klinikchef Dr. Friedrich Tümmler (Christian Tramitz) in die Besprechung, um seinerseits eine neue Stationsleiterin vorzustellen: Charly Laurin (Anna Julia Antonucci). Die ist zwar unqualifiziert und an den Patienten allenfalls interessiert, wenn sie männlichen Geschlechts und vermögend sind, aber sie versteht es, den selbstverliebten Tümmler um den Finger zu wickeln. Der trifft eine salomonische Entscheidung: Beide Frauen werden eingestellt, als „Doppelspitze“.

Für Micki kommt es noch ärger. Ihr arbeitsscheuer Lebensgefährte Paul (Bastian von Bömches) hat die Miete verjubelt und alle in den bekannten gelben Umschlägen zugestellten Mahnungen ignoriert. Sie verlieren die Wohnung, Micki muss ins Schwesternheim umziehen. Und bekommt eine Zimmergenossin, die sie schon kennenlernen durfte, sich aber, wenn man sie gefragt hätte, nicht gerade gewünscht hätte: Charly. So wird denn anfangs wechselseitig auch heftig gestichelt zwischen den beiden.

Doch Charly erweist sich als unerwartet kollegial und weniger oberflächlich, als es zunächst den Anschein hatte. Es ist ein positiver Zug der Autoren, hier nicht ins Klischee des auf Männer fixierten Dummchens zu verfallen, das den Tag hauptsächlich mit Nägellackieren verbringt. Andererseits konzentrieren sich die Episodenhandlungen – zumindest bis zur dritten Folge – auf die eher harmlosen Konflikte innerhalb des Krankenhauspersonals, zwischen einerseits dem verschworenen Schwesternteam, zu dem noch Doro (Gisa Flake) und Trudi (Mareile Blendl) gehören, und andererseits Klinikchef Tümmler und dessen Gattin Marianne (Judith Richter), die als leitende Ärztin in der Klinik insgeheim das Sagen hat und nicht nur von den Krankenschwestern gefürchtet wird.

Die Tatsache, dass in der Wirtschaft mehr Männer in Führungspositionen zu finden sind als Frauen, liefert dieser Serie den Subtext. Die Männerherrlichkeit wird tüchtig bespöttelt, die Darstellung dient aber vorrangig als Grundlage für Slapstick und Blödelei und erreicht nie die Qualität einer bissigen Satire. Für den echten Arbeitsalltag auf den Krankenhausstationen lässt ein solches Szenario keinen Raum. Meistens sieht man die Kolleginnen im Sozialraum, sie halten während der Dienstzeit ein Nickerchen, kümmern sich liebevoll um Bonsai-Bäumchen. Oder sie spielen „Patientenquartett“. So wie Autoquartett, nur mit Krankengeschichten. Und wenn man sie zum Labor schickt, wissen sie nicht, wo es sich befindet.

Das komödiantische Timing ist bei dieser Serie (die im Übrigen ab November 2019 vorab beim RTL-Videoportal TV Now zu sehen war) weitgehend gelungen. Caroline Frier vermag in den entsprechenden Szenen Komik und Tragik in der Waage zu halten. Anna Julia Antonucci bewahrt ihre Figur Charly vor dem Abrutschen in die Karikatur, während Christian Tramitz als Dr. Tümmler routiniert eine Type markiert, wie er sie ihn in anderen Serien wie „Hubert und Staller“ (ARD/MDR/BR) zum Verwechseln ähnlich verkörpert hat. Leider werden die Schauspieler um Caroline Frier von den Autoren nicht immer gut bedient. Geschmackliche Missgriffe sind keine Ausnahme. Als Micki in Folge 1 zum Einstand einen Kuchen serviert, lautet die Reaktion von Kollegin Doro: „Nusskuchen? Davon muss ich immer furzen.“ Abends berichtet Micki ihrem Lebensgefährten von ihren Erlebnissen mit der Co-Stationsleiterin, woraufhin der spekuliert, Charly habe wohl von „Tuten und Blasen keine Ahnung‟. Klar, was kommen muss, auch wenn es zum Charakter der Micki Busch eigentlich gar nicht passt: „Vom Tuten, Paul“, betont sie, „vom Tuten.“

Im Zusammenhang betrachtet setzt RTL mit „Der Lehrer“ um 20.15 Uhr die gehaltvollste Serie an den Anfang des donnerstäglichen Primetime-Programms. Auch „Sekretärinnen – Überleben von 9 bis 5“ greift gelegentlich relevante Themen auf, überzeugt aber vor allem durch einen schnellen und spritzigen Dialogwitz. „Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig!“ fungiert als unbeschwerter Ausklang mit deftigerem, partiell unnötig zotigem Humor. Im Sichtungszeitraum folgten im Anschluss an die Krankenhaus-Sitcom auch zweimal (16. und 23. Januar) Ausgaben der als „Dschungelcamp“ bekannten Unterhaltungssendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. Seit deren Ende (25. Januar) zeigt RTL donnerstags ab 22.15 Uhr wie zuvor eine Wiederholungsstrecke mit den Sekretärinnen- und Schwestern-Sitcoms.

11.02.2020 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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