Tom Ockers: Das Milliardengeschäft – Deutschland, China und der Fußball. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/NDR)

Informativ und vielschichtig

30.06.2018 • Dass seit ein paar Jahren immer mehr Profi-Kicker aus Europa und Südamerika bei chinesischen Klubs anheuern, hat man als halbwegs Fußballinteressierter mitbekommen. Unter diesen Spielern sind natürlich viele, die ihren Zenit längst überschritten haben und sich auf die alten Tage noch ein paar Millionen dazuverdienen wollen. Aber auch erfahrene Trainer wie Roger Schmidt, zuletzt von 2014 bis 2017 beim Bundesligisten Bayer Leverkusen, oder Uli Stielike, von 2014 bis 2017 Coach der Nationalmannschaft Südkoreas, sind dem Lockruf des Geldes gefolgt. „Mir kann keiner erzählen, dass er wegen der guten Luft nach China kommt“, erklärte der ehemalige deutsche Nationalspieler Stielike in der ARD-Reportage „Das Milliardengeschäft – Deutschland, China und der Fußball“ (590.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,7 Prozent).

Aber was da genau in Sachen Fußball im Reich der Mitte passiert, dürfte bislang in erster Linie Insidern bekannt gewesen sein. Vor diesem Hintergrund bot der 45-minütige Film von Tom Ockers (NDR) vielschichtige Einblicke in den Fußballalltag eines Landes ohne Fußballtradition. Zudem gab es das ein oder andere überraschende Wiedersehen. Beispielsweise mit Stefan Lottermann. Der ehemalige Bundesliga-Spieler ist bereits seit 2012 Berater des chinesischen Fußballverbandes CFA und somit ein Insider, der viel über die Ambitionen des Landes zu berichten wusste. Für das vom kommunistischen Staatspräsidenten Xi Jinping ausgegebene Ziel, spätestens 2050 den Weltmeistertitel ins Land zu holen, hatte er indes nur ein müdes Lächeln übrig.

Da man sich laut den Regularien des Weltfußballverbandes FIFA – anders als etwa im Handball, wie das Beispiel Katar zeigt – nicht mal eben über Einbürgerung auf dem Weltmarkt eine Fußballnationalmannschaft zusammenkaufen kann, müssen es die Chinesen hier selbst richten. Weshalb sie händeringend nach Entwicklungshilfe in Gestalt von Trainern nicht zuletzt aus Deutschland suchen und sich die auch einiges kosten lassen. So überraschte der Film mit einem Übungsleiterquartett von Schalke 04, das in der Provinzstadt Kunshan Kindern die Grundzüge des Fußballs beizubringen versucht oder mit Erwin, dem plüschigen Maskottchen der Schalker Knappen, durch die Schulen tourt. Denn in China, so erfuhr man, findet Sport eigentlich nur in der Schule statt. Vereine in unserem Sinne sind weitgehend unbekannt. Entsprechend gibt es unterhalb der chinesischen Profi-Liga „Super League“ kaum einen regulären Spielbetrieb. Das alles muss erst mühsam aufgebaut werden.

Für den Verein Schalke 04 ist, wie dessen Marketing-Chef Alexander Jobst erklärte, die fußballerische Entwicklungshilfe seit Jahren ein lukratives Geschäft. Und natürlich habe man sich vertraglich ein Erstzugriffsrecht gesichert, sollte die Nachwuchsarbeit in Fernost mal aussichtsreiche Talente hervorbringen. Auch der Werksklub VfL Wolfsburg ist mit ähnlichen Aktivitäten in China präsent und möchte natürlich in allererster Linie über den Fußball den Absatz von VW-Autos im bevölkerungsreichsten Land der Welt steigern.

Hingegen bescheinigte der Film dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein eher dilettantisches Verhalten in Sachen Entwicklungshilfe. 2016 hatte man im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Staatschef Xi Jinping einen Kooperationsvertrag unterzeichnet, der unter anderem vorsah, dass eine chinesische U20-Mannschaft außer Konkurrenz am Spielbetrieb der Regionalliga Südwest teilnehmen sollte. Doch schon bei der ersten Begegnung im November 2017 kam es zum Eklat, als ein paar der 400 Zuschauer, wie im Film zu sehen war, eine Flagge Tibets ausrollten, woraufhin die Chinesen sofort den Platz verließen. (Tibet ist seit vielen Jahren von China annektiert, der völkerrechtliche Status ist umstritten.) Der ‘Fall U20’ zog diplomatische Verwicklungen auf höchster Ebene nach sich und man musste in diesem Zusammenhang der chinesischen Delegation erklären, dass tibetische Fahnen in deutschen Stadien durchaus nicht verboten sind. Kurz darauf verabschiedete sich der DFB von dem Experiment, es wurde vorzeitig abgebrochen. Auch von den 300 Trainern, die man den Chinesen zugesagt hatte, ist, wie Stefan Lottermann sagte, bislang kein einziger in Asien angekommen. Peinlich, dass der DFB, wie der Autor erklärte, sich weder vor laufender Kamera noch schriftlich dazu äußern wollte.

Dass mit dem Fußball in China trotz solcher Pannen gigantische Geschäfte zu machen sind, machte Tom Ockers vor allem in der zweiten Hälfte seines sehenswerten Films deutlich (Produktion: Beckground TV). Ein Unternehmer sprach von Merchandising- und Marketingumsätzen von einer Billion Euro, wenn das Produkt Fußball in China irgendwann ausgereift sei. Auf internationaler Ebene mögen chinesische Fußballer derzeit noch nicht konkurrenzfähig sein, aber die Unternehmen des Landes sind bereits heute auf der großen Bühne aktiv. Der chinesische Mischkonzern Wanda ist einer der Hauptsponsoren der FIFA geworden und überdies gehört ihm inzwischen auch das Rechtehandelsunternehmen Infront, das nicht nur die Fußball-WM, sondern auch die deutsche Nationalmannschaft exklusiv vermarktet. Vor diesem Hintergrund dürfte die erste WM in China schon in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden.

Tom Ockers’ Film war eine überaus gelungene, informative und vielschichtige Reportage aus der Reihe „Die Story im Ersten“, ein Sporthintergrundbeitrag, wie man ihn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen leider immer nur kurz vor (oder auch während) Weltmeisterschaften zu sehen bekommt. Und auch dann nur zu nachtschlafender Zeit. Die Werbung für Wanda ist derzeit im Übrigen bei der WM in Russland in allen Stadien des Turniers auf den elektronischen Werbebanden gut zu sehen.

30.06.2018 – Reinhard Lüke/MK