Tobias Öller/Sinan Akkus: Lehrerin auf Entzug. 6‑teilige Sitcom (ZDF‑Mediathek/ZDFneo)

Corona-Krise, Kreide, Koks

18.08.2020 •

Es wird gerade heftig diskutiert, ob Schulen nach langen Wochen des coronabedingten Heim- und Distanzunterrichts nach den großen Ferien wieder in den Regelbetrieb übergehen sollen und überhaupt können. Oder ob sich hier die Befürworter nicht eher einer, wie es die SPD-Vorsitzende Saskia Esken formulierte, „Illusion“ hingeben, weil Schulöffnungen ohne Einhaltung von Abstandsregeln wahlweise die Gesundheit von Lehrern und Schülern gefährden oder mangels Lehrkräftepersonal praktisch nicht umsetzbar sind. Und in diesen Tagen, wo das so leidenschaftlich diskutiert wird, da bringt ZDFneo eine neue Serie heraus, die sowas von nah dran ist an der Pandemie-Wirklichkeit, dass sie glatt als semidokumentarisches Zeitstück durchginge. Doch es handelt sich formal um Fiction. Genauer: um die lustig gemeinte Sorte Sitcom.

Im Juni wurde in Oberbayern gedreht, kaum fünf Wochen später stand „Lehrerin auf Entzug“ in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit – eine beachtenswerte Rasanz in der Realisation, die sich natürlich durch die Serienkürze erklärt: Sechs Achtminüter erzählen die Geschichte der Grundschullehrerin Tina Färber. Sie ist das Gegenteil jenes Lehrertyps, den viele Eltern seit den Schulschließungen im März kennengelernt haben, den es aber realiter auch geben soll. Diese Tina Färber ist: engagiert statt untätig, kreativ statt einfallslos, ansprechbar statt unauffindbar und für Digitales, nun ja, zumindest aufgeschlossen. Während laut einer Anfang August veröffentlichten Umfrage des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung die Hälfte der befragen Eltern angab, ihr Kind habe nie Online-Unterricht mit der Klasse gehabt geschweige denn ein persönliches Gespräch mit einer Lehrkraft, klappt die TV-Lehrerin allmorgendlich in der heimischen Küche ihr Laptop auf oder nimmt per Smartphone die Kinder auf Waldexkursion mit, wenn auch mit wachsendem Widerwillen.

Die Serie – produziert von der Berliner Firma Made For – geht damit los, dass die von Christine Eixenberger gespielte Tina Färber eigentlich, auf gut Deutsch gesagt, die Schnauze voll hat von diesem Online-Gedöns und, was wohl noch schwerer wiegt, von jener Sorte Eltern, die im Homeschooling ihren „inneren Pädagogen“ entdeckt haben und deshalb ihr, der Fachkraft, mit Live-Einsagungen am Bildschirm die Nerven rauben. Sie will also schnellstmöglich zurück in den realen Klassenraum. Sie will unterrichten von Mensch zu Mensch und – darum der eigentümliche Serientitel aus dem Drogenmilieu – diesen feinkörnigen weißen Kalkstein spüren: „Tafelkreide ist wie Koks. Und ich bin auf Entzug“, lässt sie eingangs im Off wissen. Und ihren Rektor (Thomas Huber) weiß sie bald auf ihrer Seite.

Die immer wieder neuen Verordnungen aus dem „Zaubereiministerium“ vulgo Kultusministerium, wie etwa Einbahnstraßen in Schultreppenhäusern brandschutzkorrekt zu kleben sind, hat auch der Rektor satt. Als ihm Tina Färber auf Kurzbesuch in der Schule begegnet, mandelt er sich gehörig (und sehenswert) auf. Seine Suada über die „Schule der Zukunft“ endet damit, dass er kein Whiteblackgreenpinkboard brauche, kein WLAN und keine E-Learning-Plattform. „In Zukunft brauche ich für meine Schule vor allen Dingen…“, und seinen Satz beendet Tina Färber in gendersprachlicher Weise mit: „Lehrer [Pause] innen.“

Lehrermangel, die Konflikte mit Eltern und der Politik, die permanente Anpassung von Hygienevorschriften (siehe besonders Folge 4: „Muffinalarm“!) – das alles ist von Tobias Öller, der das Drehbuch geschrieben hat, sehr korrekt beobachtet und ins Absurde überdreht worden. Jede Miniatur ist dazu unverkennbar von der Message durchdrungen: Bitte Abstand nehmen vom digitalen Distanzunterricht, die wahre Lehre funktioniert nur in Fleisch und Blut.

Hm, das mag schon so stimmen angesichts oft noch rudimentärer Technikausstattung und digital dürftigem Lehrerknowhow. Doch in unsicheren Corona-Krisenzeiten muss neu gedacht werden. Deshalb hat Tobias Öller die Figur des Prof. Schaller (Felix Hellmann) entworfen. Dieser nicht sonderlich sympathische und empathische Mann aus dem Kultusministerium, zugleich Tina Färbers früherer Mentor, denkt schon ins Jahr 2025, wenn 15.000 Grundschullehrer fehlen. Künstliche Intelligenz soll die Lösung sein und Tina Färber soll mit einer Masterclass schon mal üben.

Auf ein paar Sitcom-typische, aber trotzdem blöde Sperenzchen, die Öller, sein Regisseur Sinan Akkus und die Requisite hier einbringen, hätte man gerne verzichtet: auf das wie zufällig herumstehende Nacktfoto von Lehrerin Färber zum Beispiel, über das ihre Musterschüler im Englisch-Unterricht herfallen („Is that your tits in the background?“), oder auf den scheißenden Schaller. Andererseits vermisst man ein paar Verrücktheiten, wie sie unter dem ZDF-Label „Neoriginal“ eigentlich eingepreist sind.

„Lehrerin auf Entzug“ ist nämlich schon die dritte Corona-Expresslieferung im Auftrag dieser ZDF-Abteilung, die laut Eigenbeschreibung für „modern erzählte, spannende Serien zum Binge-Watching“ steht. Wobei in diesem Serienfall der komatöse Konsum aller Folgen am Stück zeitlich kein Hindernis ist. Die sechsmal acht Minuten (ZDFneo zeigte die Kurzfolgen spät nachts alle hintereinander, im Schnitt sahen 174.000 Zuschauer zu, Marktanteil: 3,2 Prozent) gucken sich schnell weg, was auch daran liegt, dass Sinan Akkus Regiearbeit eine runde Sache ist. Nur etwas zu rund. Es fehlen die Ecken, das nicht so Gefällige, wie es zum Vergleich in der „Neoriginal“-Serie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ probiert wurde (vgl. MK-Kritik). Zwischendrin immer wieder mal den Chatverkehr mit Tina Färbers sich aufs Jenseits vorbereitenden Vater aufpoppen zu lassen („Schau mal, Täubchen: Auf diesem Friedhof will ich begraben werden“), damit ist sicher nicht das höchste Maß an Originalität erreicht.

Aber man drückt da ein Auge zu, denn Hotspot dieser TV- und Web-Produktion ist Christine Eixenberger. „Lehrerin auf Entzug“ ist ihr, der studierten Grundschulpädagogin (die allerdings nie den Beruf ausübte) und Kabarettistin (die mit dem Programm „Lernbewältigung“ durchstartete), quasi auf den Leib geschrieben. Und ihr Leib gibt alles. Ein Großteil der Szenen mit ihr kommt in jener Optik daher, die aus Videokonferenzen bekannt ist, nur dass die Simulation von Zoom-Skype-Teams-Whatever-Meetings ihr frontal und supernah aufgenommenes Gesicht dank professioneller Beleuchtung bis in die kleinste Hautfalte schmeichelhaft erscheinen lässt. Ob weit aufgerissene Augen, gerunzelte Stirn, geschürzte Lippen – Christine Eixenberger spielt mit Hingabe auf der komödiantischen Klaviatur. Das ist schön anzuschauen und ihr bayerischer Dialekt übrigens auch für Preißn gut zu verstehen. Eintrag ins Klassenbuch: Eins mit Glitzersternchen.

18.08.2020 – Senta Krasser/MK

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