Thorsten Näter/Johannes Fabrick: Stumme Schreie. Spielfilm (ZDF) / Liz Wieskerstrauch: Tatort Kinderzimmer: Die Dokumentation zum Spielfilm „Stumme Schreie“ (ZDF)

Erklärfernsehen

28.11.2019 •

Allein im Jahr 2018 starb in Deutschland alle fünf Tage ein Kind an den Folgen elterlicher Misshandlung. Diese grausige Situation versucht der ZDF-Fernsehfilm „Stumme Schreie“ vor Augen zu führen. Schauplatz ist ein rechtsmedizinisches Institut in Berlin. Um die Schwierigkeiten der dort tätigen Ärzte vor Augen zu führen, greift der Film drei repräsentative Muster auf.

So sehen sich die Ärzte im Fall eines Säuglings zunächst mit dem schockierenden Befund konfrontiert, dass dieser mehrfache Knochenbrüche aufweist. Wer fügt einem hilflosen Wesen derartige Grausamkeiten bei? Die nähere Betrachtung des Falles zeigt dann erst einmal, wie schnell Eltern – die auf den ersten Blick etwas ‘prollig’ wirken – fälschlicherweise in den Verdacht geraten können, ihr Kind zu misshandeln. Die medizinische Ursachenforschung ergibt nämlich, dass das Kleinkind an der Glasknochenkrankheit leidet. Die ahnungslosen Eltern hatten ihren Sohn wider Willen verletzt, indem sie ihn einfach nur auf den Arm nahmen.

So leicht ist die Wahrheit jedoch nicht immer zu erkennen. Vor welchen Schwierigkeiten die Rechtsmediziner in ihrer alltäglichen Routine stehen, zeigen die beiden anderen Fälle, die – ein wenig zu demonstrativ – verdeutlichen sollen, dass Kindesmissbrauch buchstäblich in den besten Familien vorkommen kann. Ein kleiner Junge, dessen Eltern einen gutsituierten Eindruck machen, kommt mit schweren Verbrennungen in die Ambulanz. Der erfahrene Rechtsmediziner Professor Bremer (Juergen Maurer) kann den Vater davon überzeugen, dass dessen Sohn sich keineswegs durch kindliche Schusseligkeit verbrüht haben kann. Stattdessen habe die Mutter – die bei dieser Erklärung nicht anwesend ist – die Hand ihres Sohnes mit brachialer Gewalt auf die glühende Herdplatte gepresst. Ist einer Mutter solches Verhalten zuzutrauen?

Die Erklärung liefert der Arzt gleich mit. Die Mutter, so vermutet Bremer, sei frustriert über ihre abgebrochene Berufsausbildung und ihr unerfülltes Hausfrauendasein. Und den Ärger darüber lasse sie nun am eigenen Kind aus, das sie für ihre Situation verantwortlich mache. Diese Mischung aus Vulgärfeminismus und Küchenpsychologie trägt der Professor in einem prätentiös anmutenden Dialog vor, den man sich in einer realen Krankenhaus-Situation nur schwer vorstellen kann.

Neben dieser unglaubwürdigen Szene hat der Film seine Momente. Die Kerngeschichte kreist um die alleinerziehende Nicole Binder (Hanna Hilsdorf), die in einer beengten Hochhauswohnung mitten im sozialen Brennpunkt lebt. Die Sorge um ihre Baby und ihre zwei Kleinkinder kollidiert immer wieder mit ihrer Hörigkeit gegenüber einem jungen Mann, der nicht Vater der Kinder ist und mit in ihrer Wohnung lebt. Nicole verschließt die Augen davor, dass der zu Gewaltausbrüchen neigende, arbeitslose Ronnie (Julius Nitschkoff) ihre Kinder immer wieder brutal schlägt – was in Szenen deutlich wird, die dem Zuschauer einiges abverlangen. Während der Abwesenheit der Mutter schüttelt Ronnie den Säugling, um sein Schreien zu beenden, einmal so sehr, dass das hilflose Kind schließlich seinen schweren Verletzungen erliegt.

Eingebettet ist diese Milieubeobachtung in die Geschichte der angehenden Ärztin Jana Friedrich (Natalia Belitski). Die junge Frau hat eine befristete Stelle am rechtsmedizinischen Institut von Professor Bremer angetreten. Der Chefarzt erkennt das ungewöhnliche Engagement und die Tatkraft der neuen Kollegin und motiviert sie dazu, sich auch außerhalb der Dienstzeiten privat für misshandelte Kinder zu engagieren. Zusätzlich thematisiert der Film noch die Zwickmühle zweier Sozialarbeiter, die während ihrer Besuche bei verwahrlosten Familien systematisch wegschauen. In ihren Berichten beschönigen sie jeweils die Situation, um Erfolgsmeldungen zu fingieren – die wiederum die Voraussetzung bilden für die Finanzierung ihres Arbeitgebers, einer Wohlfahrtsorganisation. Zu denen, die wegschauen, gehört auch ein niedergelassener Allgemeinmediziner. Fälle von Kindesmisshandlung meldet er nicht der Polizei. Andernfalls, so seine Begründung, würden übergriffige Eltern in ihm den Verräter erblicken und nicht mehr in seine Praxis kommen – ein verheerender Kreislauf.

In dem ambitionierten Spielfilm von Thorsten Näter (Buch) und Johannes Fabrick (Regie) wird ein relevantes Thema aufgegriffen. Nicht durchweg gelungen ist bei der Umsetzung aber die dramaturgische Zuspitzung. Dass eine junge Medizinerin, wie es hier geschieht, in die Rolle der Privatdetektivin schlüpft, um zwei bedrohte Kinder aus der Obhut einer verantwortungslosen Mutter zu befreien, ist nicht nachvollziehbar. Dementsprechend bleibt Natalia Belitski in der Rolle der mitfühlenden Ärztin, die – wie eine Rückblende zeigt – in ihrer Kindheit selbst misshandelt wurde, ziemlich blass.

Unscharf gezeichnet ist auch die Figur des Rechtsmediziners, der von Juergen Maurer als permanent redender Gutmensch verkörpert wird. Und in der Rolle einer schattenhaften LKA-Beamtin sagt Sesede Terziyan eigentlich nur hölzerne Drehbuchsätze auf. So bietet der Film „Stumme Schreie“ (Produktion: Ziegler Film) ein ambivalentes Seherlebnis. In den Szenen zwischen Hanna Hilsdorf als labile Mutter und Julius Nitschkoff als Choleriker ohne Frustrationstoleranz gelingen einerseits beklemmend realistische Blicke in den sozialen Abgrund. Aufgrund der genannten Defizite hinsichtlich der unausgegorenen Rahmenhandlung ist das TV-Drama letztlich aber anderseits vor allem gut gemeintes Erklärfernsehen.

Direkt im Anschluss an die 90-minütige fiktionale Produktion zeigte das ZDF ab 21.45 Uhr den Beitrag „Tatort Kinderzimmer: Die Dokumentation zum Spielfilm ‘Stumme Schreie’“ von Liz Wieskerstrauch (Produktion: Spiegel TV). Hier wurde die Thematik „Kindes­misshandlung“ noch einmal an realen Fällen verdeutlicht und es ging unter anderem um die Frage, wie man die Kinder besser schützen kann. Und wenn man die halbstündige Dokumentation sah, konnte man fast den Eindruck bekommen, als wären manche der ‘Erklärszenen’ aus dem Spielfilm genau aus dem Grund hineingeschrieben worden, um in der Dokumentation verwendet werden zu können.

28.11.2019 – Manfred Riepe/MK