Thorsten Näter/Florian Baxmeyer: Auf der Straße (ARD/Degeto) // Reinhold Beckmann/Yousif al Chalabi: Absturz in die Schuldenfalle. Reihe „#Beckmann“ (ARD/NDR)

Vordergründige Gemeinsamkeit

30.10.2015 •

Sowohl im Spielfilm als auch in der anschließenden Reportage gilt ein erster Blick Hamburg bei Nacht. Doch diese formale Gemeinsamkeit bleibt vordergründig, wie es letztlich auch die inhaltliche ist – trotz der programmatischen Verbindung beider Sendungen miteinander, die die ARD durch die Ausrufung eines Themenabends „Armut und Verschuldung“ herstellte.

Nach dieser Eingangsszene sieht man im Spielfilm „Auf der Straße“ den Hamburger Hauptbahnhof bei Tageslicht, seine Umgebung mit vielen Menschen, darunter auch Obdachlose. Einem Bettler gibt eine gut gekleidete ältere Dame eine Spende. Es ist Hanna Berger (Christiane Hörbiger), die Hauptfigur in diesem Film, in dem es um ihren Sturz in die Armut und Obdachlosigkeit geht. Sorgfältig gedrehte, aussagekräftige Außenaufnahmen verankern das Geschehen in der Hansestadt. Einschließlich einiger sehr intensiver Bilder bei Nacht und Dunkelheit bieten sie der prominenten Schauspielerin eine großartige Szenerie, um alle Facetten ihrer Rolle darstellen zu können. Irritierend wirkt da allerdings doch der österreichische Akzent, der bei Christiane Hörbiger zu hören ist und das Lokalkolorit stört. Regie führte Florian Baxmeyer, den man unter anderem von einigen Bremer „Tatorten“ her kennt.

Das Drama „Auf der Straße“ (Produktion: Aspekt Telefilm/Markus Trebitsch) erzählt zwei Geschichten: Zum einen geht es um das Hineinrutschen in die Obdachlosigkeit aufgrund einer schuldhaft-schicksalshaften Verstrickung, zum anderen um einen Mutter-Tochter-Konflikt. Das alles erleidet Hanna Berger im ‘Film-Alter’ von 75 Jahren (das entspricht in etwa dem biologischen Alter der Hauptdarstellerin). Eigentlich hätte man eine solche Geschichte plausibler mit einer etwa zwanzig Jahre jüngeren Protagonistin erzählen können, doch sollte hier wohl das Können und die Popularität der Ausnahmeschauspielerin Hörbiger gewürdigt werden. Auch das von Thorsten Näter verfasste Drehbuch zeichnet sich dementsprechend weniger durch besondere Realitätsnähe aus, sondern eher durch starke emotionale Botschaften, in deren Mittelpunkt eben Christiane Hörbiger steht.

Der Film ist eine Kombination aus Sozial- und Familiendrama. Die hohe Verschuldung, die Ehemann Berger seiner Frau verheimlicht hat, führt nach dessen plötzlichem Herztod zur Katastrophe: Die Eigentumswohnung wird von der Bank übernommen und das Mobiliar verpfändet. Als Hanna Berger auf dem Sozialamt erfährt, dass die finanzielle Unterstützung, die sie von der städtischen Behörde erhalten könnte, teilweise vom Sozialamt von ihrer Tochter zurückgefordert werden würde, lehnt sie dies ab. Der Kontakt zu ihr ist vor längerer Zeit abgebrochen, die beiden reden nicht mehr miteinander.

Der soziale Abstieg der auf sich allein gestellten Witwe erfolgt nun sehr schnell; im Zentrum des Films stehen zweifellos die Szenen von ihrem Leben in der Obdachlosigkeit. Doch begegnet ihr in Mecki (Nadine Boske), eine knapp 30-jährige, ebenfalls obdachlose Frau, die ihre Tochter sein könnte. Im Umgang miteinander spiegelt sich der Mutter-Tochter-Konflikt, der Hanna letztlich in die prekäre Situation gebracht hat. Ihr trotz des hohen Alters immer noch robustes Naturell lässt Hanna bei Nässe und Kälte ausharren und auf Arbeitssuche gehen. Die bleibt für sie aber deshalb erfolglos, so vermittelt es der Film, weil sie eben keinen festen Wohnsitz und kein Bankkonto mehr hat. Letztlich wird Hanna Berger dann von ihrer Tochter Elke (Margarita Broich) gerettet. Die Versöhnung erfolgt am Krankenbett, in dem Hanna nach einem Suizidversuch gelandet ist. Sie zieht bei ihrer Tochter ein, aber das ist noch nicht der letzte Akt. Zu viel an Nähe vertragen beide nicht und deshalb endet der Film nicht hier, sondern in der tristen Sozialwohnung einer Hochaussiedlung, in die Hanna Berger einzieht. Doch hat sie sich nicht nur mit ihrer Tochter ausgesöhnt, sondern auch ihr materielles Schicksal akzeptiert. Der Film enthält so gut wie keine Gesellschaftskritik und die Mutter-Tochter-Geschichte grenzt an Beziehungskitsch.

Im Gegensatz zum Spielfilm kommt die anschließende 30-minütige Reportage von Reinhold Beckmann und Koautor Yousif al Chalabi über den „Absturz in die Schuldenfalle“ der Realität genregemäß wesentlich näher. Fünfzehn Jahre lang (von 1999 bis 2014) talkte Reinhold Beckmann im Ersten in einer nach ihm benannten wöchentlichen Sendereihe; seit 2015 produziert er mit seiner Firma Beckground TV für die ARD nun die ebenfalls nach ihm benannte und mit ihm als Presenter gestaltete Reportage-­Reihe „#Beckmann“ (vgl. auch MK 5/15 und 12/15).

Die Folge „Absturz in die Schuldenfalle“ befasste sich mit vier Fallbeispielen zur Verschuldung, die wenig mit dem im Spielfilm konstruierten Fall einer 75-Jährigen zu tun hatten. Es sind Fälle von vier deutlich jüngeren Personen, zwei davon ebenfalls in Hamburg angesiedelt. Es geht um einen Fall von Privatinsolvenz einer alleinerziehenden Mutter, im zweiten Fall um Existenzsorgen, ausgelöst durch eine frühe Arbeitslosigkeit, die die Betroffene als selbstän­dige Kneipenwirtin zu bewältigen versucht; zudem um einen Schuldner nach seinem Scheitern als Selbstän­diger und schließlich um Armut aufgrund schwerer Krankheit und frühzeitiger Berufsunfähigkeit.

Diese Fallgeschichten werden jeweils von Reinhold Beckmann anmoderiert, der ebenso in den Filmberichten als Interviewer in Erscheinung tritt. Es gibt zudem zwei Einspieler, einen mit Sachinformationen zur Schuldenstatistik und einen über die Schuldenverwalter wie Banken, Inkasso-Unternehmen und Insolvenzverwalter. Obwohl das Format vor allem als Angebot zur Lebenshilfe konzipiert ist, verfolgt es auch einen journalistischen Ansatz. Ausgehend von dem Gespräch mit einer Juristin der nordrhein-westfälischen Verbraucherzentrale wird – wenn auch vorsichtig zurückhaltend – Kritik geübt an der an den Schulden verdienenden ‘Schuldenbranche‘: den Banken, die zu leicht Kredite vergeben, den Insolvenzverwaltern, die über hohe Gebühren daran verdienen, und den Inkasso-Unternehmen, die mit aufgeblähten Rechnungen und Drohszenarien arbeiten.

30.10.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Privatinsolvenz: ARD-Themenabend „Armut und Verschuldung“ mit Spielfilm und Dokumentation

Fotos: Screenshots


Print-Ausgabe 3/2020

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