Thomas Schmitt: Freistil oder Was die Waschmaschine träumt / Freistil oder Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau (Arte)

Erstaunlich frisch

25.05.2012 •

Tote wieder zum Leben erwecken zu wollen, hat im Fernsehen noch nie funktioniert. Bei der Show „Einer wird gewinnen“ lief es desaströs. Auch die Neuauflage des Quiz „Dalli, Dalli“, die seit einiger Zeit im NDR Fernsehen zu sehen ist, sorgt auch nicht gerade für Begeisterungsstürme. Und will wirklich jemand neue „Dallas“-Folgen sehen? Warum sollte es in der Kultur gehen, was in der Unterhaltung regelmäßig floppt? So durfte man denn einigermaßen skeptisch sein, als der deutsch-französische Kulturkanal Arte frohlockte, den Regisseur und Autor Thomas Schmitt überredet zu haben, zum Thementag „Schwarz/Weiß“ am 28. Mai noch einmal zwei Ausgaben von „Freistil“ zu produzieren.

„Freistil“, das gehört fernsehhistorisch inzwischen in die Rubrik „Es war einmal“. 1989 leistete es sich der WDR, in seinem Dritten Programm ein Magazin auf die Mattscheibe zu bringen, das erfrischend anders war als all jene betulichen Sendungen, die damals noch der tradierten Kulturvermittlung im Pantoffelkino frönten.

Die einzelnen halbstündigen, unmoderierten „Freistil“-Ausgaben trugen Titel wie „Die Nase von Lyotard“, „Krieg und Fliegen“ oder „Der Geist ist ein Knochen“ und brachten in kühner Montage zusammen, was bis dahin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht zusammengehörte. Da wurden die (damals angesagten) Theoreme französischer (Post-)Strukturalisten mit Mythologie, Naturwissenschaft und Phänomenen der Alltagskultur zu einer fröhlichen Wissenschaft verquirlt. Wobei es in den rasanten Achterbahnfahrten für Freigeister weniger stringent denn lustvoll assoziativ zur Sache ging. Nach zehn Ausgaben beendeten Thomas Schmitt und sein Koautor Hubert Winkels im März 1992 ihr inzwischen mit allerlei Auszeichnungen (etwa Grimme-Preis) dekoriertes Experiment. Womit „Freistil“ endgültig zum Kult avancierte.

Die von Schmitt nun im Auftrag des ZDF produzierten beiden neuen Folgen sind nach dem bewährten Prinzip gebaut, das auch 20 Jahre später noch bemerkenswert frisch daherkommt. Auch die Erkennungsmelodie, das fetzige Intro von Pete Townshends „Pinball Wizard“ (schon damals ein Oldie) wurde beibehalten. Der erste „Fernsehessay“, so nennt Thomas Schmitt sein Format, zur Farbe Weiß brachte unter anderem Kate Bushs Liebe zu Schneemännern, W.A. Bentleys Fotografien von Schneekristallen, den israelischen Künstler Yuda Braun, der als White Soldier durch sein Land marschiert, den Ku-Klux-Klan und Kölner Kommunions-Kinder zusammen.

Dazu gab’s einen munteren Streifzug durch die antike Götterwelt und den britischen Naturwissenschaftler Peter Vukusic, der am Cychophilus, einem Käfer, das weißeste in der Natur vorkommende Weiß entdeckt hat. Und zwischendurch durfte man rätseln, warum ein weißer Schlagersänger den Künstlernamen Roy Black bekam und seinen größten Hit mit „Ganz in Weiß“ hatte, während ein farbiger Kollege unter dem Namen Roberto Blanco für Stimmung sorgte. Nicht zuletzt waren es solche Aperçus, die hier für das (Seh-)Vergnügen sorgten und ebenso wenig mit Erklärungen eingedeutet wurden wie die Kamerafahrten entlang ganzer Batterien von weißen Haushaltsgeräten in einem Elektronikmarkt.

Der zweite Essay („Wer hat Angst vor der Schwarzen Frau“) wartete mit ähnlichen Überraschungsmomenten auf, brachte Faschisten, Schwarze Löcher, Demeter und Schornsteinfeger zusammen, fiel aber insgesamt etwas schwächer aus. Was nicht zuletzt daran lag, dass eine Sequenz über das alljährliche Zigeunertreffen im südfranzösischen Saintes-Maries-de-la-Mer, das seinen Höhepunkt in einer Prozession mit einer Schwarzen Madonna hat, entschieden zu lang ausfiel und bisweilen etwas von einer pittoresken Reisereportage hatte.

Dass frühere „Freistil“-Ausgaben der Erinnerung nach mit einer höheren Dichte und Schnittfrequenz aufwarteten, mag auch damit zu tun haben, dass Thomas Schmitt (Buch, Regie, Montage, Produktion) die zwei Ausgaben ohne seinen damaligen Koautor Hubert Winkels quasi im Alleingang stemmen musste. Was nichts daran ändert, dass dieser Reanimationsversuch eines Kult-Formats im Prinzip durchweg erfreulich ausfiel. Nur an der Musikauswahl sollte Thomas Schmitt im Wiederholungsfall noch ein wenig feilen. In den letzten 20 Jahren ist schließlich so einiges produziert worden. „Black Magic Woman“ (und auch noch in der Coverversion von Santana) als Untermalung zum Phänomen der Schwarzen Göttinnen ging jedenfalls gar nicht.

• Text aus Heft Nr. 21-22/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

25.05.2012 – Reinhard Lüke/FK

` `