Thomas Schmitt: Ein Aal im Kornfeld. Die Kultur-Fischrevue (Arte)

Von Bibern und anderen Fischen

19.08.2018 • An diesem Film ist einiges kurios. Da gibt der Kulturkanal Arte eine Produktion in Auftrag, um sie dann in einer Sommernacht von Sonntag auf Montag um 0.55 Uhr in Erstausstrahlung zu zeigen. Und dann heißt der Film in allen Ankündigungen des Senders – etwa im Internet oder der Programmzeitschrift „Arte-Magazin – nicht so, wie er heißt. Denn der Originaltitel lautet, wie man dem Vorspann auch entnehmen kann, „Ein Aal im Kornfeld“. Bei Arte, so auch in der Mediathek des Senders, findet sich das Werk hingegen durchweg unter „Die Kultur-Fischrevue“. Was aber lediglich der Untertitel des Films ist. Über die Gründe für diese Ungereimtheit kann man nur rätseln. Seltsam auch, dass der Film in der Arte-Mediathek unter dem Logo „Arte Concert“ eingeordnet ist (vgl. Screenshots). Sicher, Musik spielt hier in eine durchaus mitprägende Rolle, aber mit einem Konzert hat das nichts zu tun.

Womöglich ist die Mischung aus luzidem Filmessay und launiger Revue nichts für die breite Zuschauermasse, die auch beim deutsch-französischen Kulturkanal zusehends mit pittoresken Natur- und Reisedokumentationen bedient wird. Auf der anderen Seite aber ist der Autor und Regisseur Thomas Schmitt kein aufstrebender Nachwuchsfilmer, sondern ein Mann, der mit seinen Produktionen Fernsehgeschichte geschrieben hat. Er hat Filme gedreht über Charles Bukowski, Rock’n’Roll und Punk, den Sprayer von Zürich, den deutschen Wald, Hermaphroditen und Füße, aber auch über das Kriegsverbrechertribunal gegen den ehemaligen serbischen Staatspräsidenten Slobodan Milošević.

Kultstatus erreichte der Kölner vor allem durch sein Magazin „Freistil“, das im Zeitraum von 1989 und 1992 in zehn Ausgaben vom Dritten Fernsehprogramm des Westdeutschen Rundfunks (WDR) ausgestrahlt wurde. Die einzelnen Episoden trugen Titel wie „Das Fleisch der Götter“ (vgl. FK-Heft Nr. 25/90) oder „Der Geist ist ein Knochen“ (vgl. FK-Heft Nr. 13/92), wie „Krieg und Fliegen“ (Grimme-Preis 1990) oder „Die Nase von Lyotard“. Nicht nur in der letztgenannten Ausgabe spielten die damals angesagten Philosophen des französischen (Post-)Strukturalismus um Foucault, Baudrillard oder eben Lyotard eine tragende Rolle. Die Themen handelte Schmitt dabei nicht mit den Mitteln des klassischen Kulturfernsehens ab, sondern er schuf dazu rasante Bild- und Soundcollagen, die Unerwartetes aus Mythologie, Pop-Kultur und Kunst oft assoziativ nebeneinanderstellten und mit Alltagsphänomenen konfrontierten. Dabei wurde letztlich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Doch schlichte Wissensvermittlung war auch nie das Ziel von „Freistil“. Die Essays waren anregendes Mitdenkfernsehen im besten Sinne. Und angesichts dessen, wie das heutige Dritte Programm namens WDR Fernsehen aussieht, das fast nur doch durch die Themen Heimat und Service bestimmt wird, mutet es fast unglaublich an, dass diese Essay-Reihe seinerzeit dort ausgestrahlt wurde. Und das weit vor Mitternacht. Am Pfingstmontag 2012 gab es übrigens eine einmalige Neuauflage von „Freistil“ mit zwei gekoppelten Beiträgen, die Thomas Schmitt für den Arte-Thementag „Schwarz-Weiß“ zusteuerte, in diesem Fall als Produktion des ZDF (vgl. FK-Heft Nr. 21-22/12).

Im Prinzip funktioniert „Ein Aal im Kornfeld“ – immerhin vom WDR dem Arte-Programm zugeliefert – ähnlich wie „Freistil“. Allerdings kommen hier überwiegend launige (Musik-)Einlagen dazu, die, vielfach durch Animationen unterstützt, das Ganze zur Revue machen. Wobei die Sequenzen um die Riesensardine, die 1988 Fischern der Kanareninsel El Hierro ins Netz ging, bereits Bestandteil der ersten „Freistil“-Ausgabe waren. Von dem Sensationsfang geht es zum alljährlichen Ritual der Sardinenverbrennung auf den Kanaren am Karnevalsdienstag, wobei eine monströse Nachbildung des Fisches erst feierlich durch den Ort getragen und anschließend am Strand in Brand gesetzt wird. Von dort ist es natürlich nicht weit zur kölschen Nubbelverbrennung, wo eine Stoffpuppe als Sündenbock für die während der ‘Tollen Tage’ begangenen Sünden verheizt wird. Derweil werden im französischen Dünkirchen als Höhepunkt des dortigen Karnevals vom Rathausbalkon traditionell (inzwischen eingeschweißte) Heringe unters Volk geworfen.

Trotz des Sendetitels geht es in dem 70-minütigen Film keineswegs nur um den Aal, sondern um Meeresgetier aller Art. Da wird anhand von antiken Darstellungen der Wandel des symbolischen Fisches als Lustbeigabe der Aphrodite zu fischlosen, keuschen, christlichen Mariendarstellungen nachgezeichnet und plötzlich ist man bei der weltlichen Pop-Ikone Madonna und ihren Werbefotos mit einer Fischskulptur für ihren Bildband „Sex“. Zwischendurch rezitiert der Schauspieler Hanns Zischler in kolonialem Habitus mit ironisch gespieltem Ernst aus einem Werk Julio Cortázars und dann absurdes Seemannsgarn über Meeresungeheuer aus der Feder von Immanuel Kant, der ja allerlei Unsinniges von sich gegeben hat, sobald er sich auf die Naturwissenschaft einließ. Dann ein Abriss, wie sich die Katholiken im Mittelalter gegen ein Fleischverbot während der Fastenzeit zur Wehr setzten, indem sie einfach Ferkel und andere Säugetiere in Brunnen oder Bäche warfen und sie kurzerhand zu Wassertieren erklärten. Und das Konstanzer Konzil (1414 bis 1418), so erfährt man fast en passent, stufte den Biber höchst offiziell als fischiges Wesen und damit auch während der Fastenzeit für essbar ein.

Der Aal in seiner phallischen Symbolik kommt unter anderem in Gestalt des 19-jährigen Medizinstudenten Sigmund Freud ins Spiel, der im Jahre 1876 rund 400 dieser Tiere sezieren musste, um deren Geschlechtsorgane ausfindig zu machen. Was ihm aber nicht gelang. Heute weiß man, dass sich diese Organe erst auf der Reise der Tiere zu ihren Laichplätzen in der Sargassosee ausbilden. Dass der junge Freud dieses Tun in Sachen Aalerforschung als Mischung aus Selbstentmannung und ödipalem Vatermord erlebte, deutet der Film zwar an, lässt es aber letztlich offen. Wie überhaupt die Arbeit mit Assoziationen und Leerstellen zum Bauprinzip dieses filmischen Essays gehören. Seinen Reim auf das Gesehene darf oder muss sich jeder selbst machen. Unmittelbar vor der Freud-Sequenz gibt es einen Beitrag über einen Aalforscher an der Mosel, der auch aus dem Regionalfernsehen des Südwestrundfunks (SWR) hätte stammen könnten.

Nein, leicht zu verfolgen war dieses komplexe Konglomerat zu nächtlicher Stunde nicht wirklich. Doch dank der Erfindung von Mediatheken lässt sich das Werk ja auch mehrfach bestaunen. Was sich durchaus lohnt. Denn solch intelligentes Fernsehen gehört inzwischen ebenso der Vergangenheit an wie die Vielzahl der hier thematisierten Meeresbewohner und ihrer Mythen. Bis zum 26. Oktober 2018 ist der Film „Ein Aal im Kornfeld. Die Kultur-Fischrevue“ noch in der Arte-Mediathek zum Anschauen verfügbar.

19.08.2018 – Reinhard Lüke/MK