Thomas Schadt: Das Kino ist tot, es lebe das Kino – Berlinale-Beobachtungen (Arte/RBB Fernsehen)

Die Berlinale aus dreierlei Perspektive

03.03.2020 •

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin finden in diesem Jahr zum 70. Mal statt (20. Februar bis 1. März 2020). Das ist ein Anlass für Rückblicke, zugleich auch eine signifikante Zäsur, denn mit Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek wurde eine neue Festivalleitung berufen. Fortan liegen die künstlerische Leitung und die Geschäftsführung nicht mehr in den Händen nur einer Person. Carlo Chatrian ist für die Programmgestaltung verantwortlich, Mariette Rissenbeek hat die Geschäftsführung übernommen.

Im vergangenen Jahr war das noch anders. 2019 fand das Festival, in einer Verballhornung des italienischen Begriffs „Biennale“ sinnverfälschend auch „Berlinale“ geheißen und unter dieser Bezeichnung bekannt, zum letzten Mal unter Federführerschaft Dieter Kosslicks statt. Der Dokumentarfilmer Thomas Schadt bekam die Gelegenheit, Kosslick in den zehn Tagen seiner letzten Berlinale mit der Kamera zu begleiten (zweiter Kameramann war Reiner Holzemer). Kosslick, Jahrgang 1948, wusste sich stets mit typischen Markenzeichen wie Mantel, Schal und Hut und entwaffnendem Charme zu inszenieren. 18 Jahre lang leitete er die Berlinale. In Schadts nun bei Arte und im Dritten Programm RBB Fernsehen zu sehenden Film „Das Kino ist tot, es lebe das Kino“ (Produktion: Ufa Fiction) spricht der erfahrene Kulturmanager selbst von einer bewusst gestalteten „Rolle“, wobei er die Rolle des Festivaldirektors selbstironisch kenntlich werden lasse.

Diese Manier konnte irritieren. Die französische Schauspielerin Juliette Binoche, 2019 Präsidentin der Berlinale-Jury, fand Kosslick, so erzählt sie im Interview mit Thomas Schadt, anfangs rätselhaft, beschreibt ihn dann aber als lustig, manchmal sogar clownesk, attestiert ihm ebenso eine gewisse Würde. Ein dankbarer Protagonist also, der zudem keine Scheu hat, sich offen vor der Kamera zu äußern. Konsequenzen musste er in seinem letzten Jahr nicht mehr fürchten. Dieter Kosslick macht kein Hehl daraus, dass US-Produktionsstudios die Spesen für ihre Stars übernehmen, wenn ein Film ins Berlinale-Programm aufgenommen wird, roter Teppich inklusive. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Filme finden Beachtung, das Festival kann sich mit prominenten Namen und dem insbesondere vom Boulevard ersehnten Glamour schmücken.

Ein andermal schimpft Kosslick aufgebracht über die alljährlich wiederkehrende Krittelei am Berlinale-Programm. Mal gibt es zu viel, mal zu wenig Filme, mal ist das Festival zu Hollywood-orientiert, mal werden zu wenig Stars präsentiert. Das Genörgel hat Tradition, wie Berlinale-Kenner wissen und Thomas Schadt auch deutlich macht, indem er eine Archivszene mit dem Berliner Großkritiker Friedrich Luft aus dem Jahr 1969 einfügt. Da befindet Luft, die Filmfestspiele seien „im Grunde unzeitgemäß, unergiebig“ geworden und nur noch eine Beschwörung vergangenen Glanzes. Ein Jahr zuvor hatte Alexander Kluge verkündet: „Dieses Festival ist in sich langweilig.“ Von einem Boykott aber riet er ab.

Solche Rückblenden haben in Schadts Film Methode. Wenn beispielsweise Juliette Binoche dem 2019er Jahrgang eine politische und menschliche Orientierung attestiert, blendet Schadt zurück ins Jahr 1986, als der den RAF-Gerichtsprozess thematisierende Film „Stammheim“ mit dem Goldenen Bären, dem Hauptpreis des Festivals, prämiert wurde und die damalige Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida großen Wert auf die Mitteilung legte, dass sie gegen diese Entscheidung gewesen sei.

Schadt greift nicht so weit aus, wie der Haupttitel seines Films es vermuten ließe. Vielmehr konzentriert er sich auf die im Untertitel genannten „Berlinale-Beobachtungen“ und hier auf den Festivalleiter, zeigt ihn bei Konferenzen, wie er von Termin zu Termin hetzt, Stars begrüßt und auf dem roten Teppich begleitet, Sponsorenwünschen nachkommt, wie er Krisenmanagement betreiben muss, weil der fest eingeplante Film „One Second“ des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou von der Zensurbehörde nicht freigegeben wurde. Das Organisationsteam entscheidet, einen älteren Film Yimous zu zeigen, stößt aber auf ein neues Problem: Repertoirefilme liegen meist nur als 35‑mm‑Kopie vor. Und die Mehrzahl der Kinos hat die dafür nötigen herkömmlichen Projektoren zugunsten der Digitaltechnik abgeschafft. Kosslick entwickelt in diesem Zusammenhang einen interessanten Gedanken – er spricht von einer technologiebedingten Zensur, die nachfolgenden Generationen den Zugang zu großen Werken der Filmgeschichte unmöglich mache.

An Kosslicks Seite lernt das Publikum das Festival aus der Veranstalterwarte und mit Blicken hinter die Kulissen kennen. Es gibt andere Erlebnisebenen, und Schadt lässt sie nicht unberücksichtigt. Ein Erzählstrang gilt den beiden Filmfans Georg Krömer und Kirsten Graupner. Krömer übernachtet vor dem Kartenschalter, um für die zwei die gewünschten Tickets zu ergattern, dann beginnen für sie zehn Tage Ausnahmezustand: fünf oder mehr Filme pro Tag, minutiös geplante Wechsel zwischen den Festivalkinos, optimale Beherrschung der öffentlichen Verkehrsmittel.

Die dritte Perspektive liefert Nora Fingscheidt, Regisseurin des hochgelobten Spielfilms „Systemsprenger“ (koproduziert von der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“), der 2019 im Wettbewerb der Berlinale lief und am Ende mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Fingscheidt war einst als Praktikantin bei den Filmfestspielen tätig, der Rummel um die Wettbewerbsteilnehmer ist ihr neu und liegt ihr nicht besonders. Fototermine, Pressekonferenz, Bühnenauftritte – manchmal muss sie, wie übrigens auch Kosslick, ihr Umfeld fragen, was als nächstes ansteht. Die Begegnung mit Nora Fingscheidt ist vermutlich kein Zufall, denn die auch mit Dokumentarfilmen hervorgetretene Regisseurin ist Absolventin der von Thomas Schadt geleiteten Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg.

Wer je die Berliner Filmfestspiele besucht hat, kennt die krasse Diskrepanz zwischen dem individuellen Festivalerlebnis und der begleitenden Berichterstattung. Auch Schadt kann in seinem 90-minütigen Dokumentarfilm nur Ausschnitte aus dem Festivalgeschehen zeigen, manche Themen – Stichwort Netflix – nur anreißen, aber die kluge Wahl der Protagonisten, repräsentative Momentaufnahmen und die Einteilung in Kapitel mit Überschriften wie „Bärenrennen“, „Stars“ oder „Zensur“ vermitteln Außenstehenden einen recht zutreffenden Eindruck. Dies dürfte ganz im Sinne des ehemaligen Festivalleiters Dieter Kosslick sein, der hier eine Art Abschiedsvorstellung gibt und sich von seinen Nachfolgern wünscht, dass das Festival „ein Volksfest des Films bleibt […], dass man keine Angst hat, zur Berlinale zu gehen“. (Anlässlich der Berlinale 2019 hatte es über Kosslicks 18‑jährige Amtszeit als Festivalleiter einen 40‑minütigen Film von ZDF und 3sat gegeben; vgl. diese MK-Kritik.)

03.03.2020 – Harald Keller/MK

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