Thomas Kronthaler/Claudia Kaufmann: Irgendwas bleibt immer (ZDF)

Schauspieler-Film

22.11.2019 •

Die ersten Szenen dieses Primetime-Fernsehfilms, ausgestrahlt am Montag auf dem ZDF-Sendeplatz „Fernsehfilm der Woche“, zeugen vom glücklichen Leben in schöner Umgebung; die letzten Szenen werden die Protagonisten in bedrückter Stimmung auf einem schäbigen Campingplatz zurücklassen. Denn der Kriminalfall, zu dem es im Verlauf der Handlung kommt, ist zwar aufgeklärt, aber die zunächst vorherrschende idyllische Stimmung nicht wiederhergestellt. Eine nur scheinbar heile Welt ist endgültig zerbrochen.

Zunächst gerät ein eingespieltes Beziehungsgeflecht zwischen den Nachbarn Andreas und Melanie einerseits und Nina, einer alleinerziehenden Mutter und Ärztin, andererseits dadurch in Unordnung, dass mit Mark eine neue Person hinzukommt. Zwischen den beiden Paaren Andreas und Melanie sowie Nina und Mark treten nunmehr wechselseitige „Wahlverwandtschaften“ auf, um den bekannten Titel des Romans von Goethe zu zitieren, der diese Konstellation beispielhaft beschrieben hat. Schlussendlich ist von dem einen Paar, Melanie und Andreas, eine Person tot und die andere des Mordes überführt, und das andere Paar, Nina und Mark, das sich zu Beginn kennen und lieben gelernt hat, geht wieder getrennte Wege.

Der 90-minütige Film erzählt seine Geschichte streng chronologisch und weitgehend realistisch, bis auf einige kurze Szenen, die Alpträume visualisieren und damit auf die Ängste verweisen, die vor allem die zentrale Figur belasten. Die Handlung spielt fast ausschließlich in der privaten Sphäre mit kurzen Ausflügen in die Berufswelt der Protagonisten, die im Speckgürtel von München im Wohlstand leben. Das ist offensichtlich auch die Welt von Mark, in der er sich sicher zu bewegen weiß. Das tut er allerdings nur deshalb, weil er früher in diesem Milieu verkehrt hat. Jetzt gehört Mark als entlassener Strafgefangener mit Jobs am unteren Ende des Lohnniveaus eigentlich nicht mehr dazu. Er wird nunmehr als Eindringling wahrgenommen und gerät als erster unter Verdacht, nachdem der Mord an Melanie entdeckt wurde. Denn irgendwas bleibt, wie es der Titel schlicht verkündet, bei einem Strafgefangenen immer hängen, auch wenn er sich nach seiner Entlassung noch so mustergültig verhält.

Der Film ist nicht wie ein klassischer Fernsehkrimi aufgebaut, denn das Mordopfer wird nicht gezeigt; der gewaltsame Tod von Melanie, die etwa nach der halben Filmzeit stirbt, wird nur indirekt in der Handlung thematisiert. Damit der Zuschauer weiß, dass der abgebildeten Idylle bald Unheil droht, gibt es allerdings von Anfang an optisch unübersehbare Hinweise darauf. Vor allem erscheint – im Kontrast zum zunächst vorherrschenden, gleißenden Sommerlicht – immer wieder der Wald als ein Ort der Finsternis und der Bedrohung. Dieser Film, bei dem Thomas Kronthaler Regie führte, ist so reich an Klischees und die erzählte Geschichte, zu der Claudia Kaufmann das Drehbuch verfasste, so vorhersehbar in ihrer Entwicklung, dass hier trotz großer Ereignisdichte niemand in atemlose Spannung versetzt wird (Produktion: Die Film GmbH).

Aufmerksamkeit verdienen allein die Filmcharaktere, die doch sehr differenziert gezeichnet werden. „Irgendwas bleibt immer“(5,28 Mio Zuschauer, Marktanteil: 16,9 Prozent) ist ein Schauspieler-Film mit insgesamt vier Hauptrollen, alle besetzt mit fernsehbekannten Gesichtern, unter denen eine Rolle aber besonders hervorragt. Denn die eigentliche Heldin des Geschehens ist Nina (Lisa Maria Potthoff), die das ganze Drama der Geschichte dadurch in Gang setzt, dass sie sich in Mark (Manuel Rubey) verliebt, eine gleichermaßen Charme wie Geheimnishaftigkeit ausstrahlende Zugbekanntschaft, und ihn rasch in ihr Privatleben hineinlässt. Letztendlich bringt sie dieses Drama auch zu Ende, indem sie den wahren Täter entlarvt. Der Kriminalfall ist gelöst und Mark damit rehabilitiert.

Es sind vor allem zwei ‘Bösewichter’, die die scheinbare Idylle des Films zum Einsturz bringen. Einer tut dies von außerhalb: der als krimineller Knallcharge völlig überzeichnete ehemalige Knastbruder von Mark, Viktor (Wolfgang Haas). Der andere macht es von innerhalb des Quartetts: Es ist der zwischen Liebeswürdigkeit und Hinterhältigkeit ständig und nuancenreich chargierende Nachbar Andreas (Justus von Dohnányi). Er war es denn auch – was wenig überraschend war –, der seine eigene Ehefrau Melanie (Ulrike Krumbiegel) ermordet hat.

Die von Lisa Maria Potthoff gespielte Nina bleibt mit ihren Kindern letztendlich alleine zurück. Obgleich die Katastrophen und Alpträume, die sie im Verlauf der Handlung erleidet, kaum bleibende Spuren in ihrer Mimik und Gestik hinterlassen, ist sie dennoch zur eigenständigen Persönlichkeit gereift. Ihr gebührt also die eigentliche Starrolle in dieser Geschichte.

22.11.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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