Thomas Hasel: Angela Merkel – Kanzlerin in Krisenzeiten (DW)

Kompaktes Panorama

25.09.2021 •

Vom Börsencrash bis zur Corona-Pandemie: In seiner 90-minütigen Dokumentation „Angela Merkel – Kanzlerin in Krisenzeiten“ rekapituliert Autor und Regisseur Thomas Hasel die Politik der bald abtretenden Bundeskanzlerin als kontinuierliches Krisenmanagement. Ausgestrahlt wird der Film in mehreren Sprachen vom Fernsehen des Auslandsrundfunk Deutsche Welle (DW). Verständlicherweise liegt daher der Fokus in diesem Film auf dem außenpolitischen Wirken der Kanzlerin. Im Gegensatz zu früheren Porträts wie „Angela Merkel – Die Unerwartete“ (Arte/MDR; vgl. MK-Kritik) oder „Drei Tage im September. Angela Merkels einsame Entscheidung“ (Arte/MDR; vgl. MK-Kritik) jeweils von Torsten Körner werden in der DW-Produktion die Biografie und der politische Werdegang Merkels nur im Zeitraffer abgehandelt.

Der Film spannt einen weiten Bogen von der globalen Finanzkrise des Jahres 2008 über den Beinahe-Grexit, den Arabischen Frühling, die Flüchtlingskrise bis hin zur derzeitigen Covid-19-Pandemie. Dabei erinnert die Dokumentation daran, dass Angela Merkel (CDU) während ihrer 16-jährigen Amtszeit mehr als 500 Staatsreisen unternahm. Der diplomatische Kontakt zu ausländischen Regierungschefs wurde dabei zu ihrem politischen Kapital. Aus diesem Grund kommentiert eine Reihe von Spitzenpolitikern ihre jeweiligen Begegnungen mit der deutschen Kanzlerin. Neben Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission von 2014 bis 2019, dem früheren französischen Staatspräsidenten François Hollande, dem ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair und dem einstigen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis kommt der ehemalige US-Präsident George W. Bush ausführlich zu Wort.

Die Struktur des Films, der sprechende Köpfe und Archivmaterialien von Staatsempfängen aneinanderreiht, ist konventionell. Der Off-Kommentar sucht immer wieder nach Anknüpfungen zu dem gezeigten visuellen Motiv. Ist die Rede davon, dass Merkel „Enttäuschungen wegstecken“ muss, dann sieht man, wie sie etwas in die Hosentasche steckt. Wer sich auf diese zuweilen etwas trockene Darstellungsweise nicht einlässt, wird die Dokumentation als monoton empfinden. Das Porträt verlangt der Geduld des Zuschauers einiges ab – es lohnt sich aber dennoch, dabei zu bleiben. Denn in dieser straffen Form, die eine 16-jährige Amtsperiode auf 90 Minuten komprimiert, treten die Stärken und Schwächen der Merkelschen Politik deutlich hervor.

Die folgenreichste Entscheidung traf die deutsche Kanzlerin zweifellos im Jahr 2015, als sie sich angesichts der unerwarteten Flüchtlingsströme – die von den Massenmedien stark in den Fokus gerückt worden waren – dazu entschloss, die deutschen Grenzen nicht zu schließen. Der Film erinnert daran, wie zwiespältig diese Entscheidung aufgenommen wurde. Auf der einen Seite lobte man Merkels humanitäre Haltung. Die deutsche Kanzlerin bot Menschen Zuflucht, die sich vor Krieg und Verfolgung in Sicherheit bringen wollten. Die Dokumentation verdeutlicht aber auch, dass sie die Probleme einer unkontrollierten Migration unterschätzt hat. Dies habe unter anderem zu einer populistischen Gegenreaktion geführt.

Der Brexit, so deutet der Film an, wäre möglicherweise nicht zustande gekommen, wenn in Großbritannien nicht der Eindruck entstanden wäre, die EU habe die Kontrolle über ihre Außengrenzen verloren. Dass der islamistische Terror durch die unübersichtlichen Migrationsbewegungen begünstigt wurde, wird in der Dokumentation nicht erwähnt. Ein weiteres Defizit des Films: Er spart auch den islamistischen Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin aus, bei dem im Jahr 2016 zwölf Menschen ermordet wurden. Selbst ein Jahr nach diesem Terrorangriff auf die Bundesrepublik Deutschland hatte Angela Merkel die Angehörigen der Opfer nicht persönlich kontaktiert. Auf die dieses Versäumnis wird in Thomas Hasels Film nicht hingewiesen.

Schwächen der Merkelschen Politik werden in der Dokumentation eher moderat formuliert. Das Bild der Kanzlerin wird geglättet, teilweise geschönt. Im Gedächtnis bleiben diplomatische Sätze wie der von Jean-Claude Juncker, der sagte, nach seiner Einschätzung habe Merkel über all die Jahre hinweg „viel richtig gemacht und nichts Wesentliches falsch“. Versöhnlich ist auch das Fazit von George W. Bush: „Angela Merkel hat ihre sehr wichtige Position mit Klasse und Würde ausgefüllt und sehr schwierige Entscheidungen getroffen. Sie hat getan, was das Beste für Deutschland war, und sie hat es basierend auf Prinzipien getan. Um in der Männerwelt der deutschen Politik eine so lange Zeit zu überleben, musste sie ziemlich zäh sein.“

Kritisch gewürdigt wird Merkels ergebnisorientiertes Verhältnis zu Chinas autokratischem Staatschef Xi Jinping. Bei den wirtschaftspolitischen Beziehungen zu China, so deutet der Film an, spielten jene humanitären Motive, die 2015 im Zuge der Willkommenskultur bei der Flüchtlingsaufnahme großgeschrieben wurden, eine eher untergeordnete Rolle. Angesichts der zahlreichen komplexen Themenblöcke, zu denen noch der rasche deutsche Atomausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima und das umstrittene Flüchtlingsabkommen mit der Türkei zählen, können die einzelnen Aspekte notgedrungen nur stichpunktartig aufgearbeitet werden. Dem Film gelingt dabei aber immerhin ein Gesamtbild des außenpolitischen Wirkens von Angela Merkel. Dieses Spektrum weist Unschärfen und Defizite auf. Die Dokumentation zeichnet dabei aber ein kompaktes Panorama der wichtigsten weltpolitischen Ereignisse der vergangenen anderthalb Jahrzehnte.

Der Film „Angela Merkel – Kanzlerin in Krisenzeiten“ ist online seit dem 17. September auf den YouTube-Channels von DW-Documentary zu sehen. Seit dem18. September ist er in den TV-Kanälen der Deutschen Welle und auch in der ARD-Mediathek abrufbar.

25.09.2021 – Manfred Riepe/MK

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