Thomas Berger: Die verschwundene Familie. 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Wiederholung als Erfolgsprinzip

01.02.2019 •

Wir befinden uns an einem fiktiven, malerisch gelegenen Ort namens Nordholm an der deutschen Ostseeküste. Die Bilder, die Perspektiven, die Dorfstruktur und einige ihrer Bewohner, die der Film zeigt, hat man schon einmal im ZDF gesehen. Denn es handelt sich bei der Produktion „Die verschwundene Familie“ um die Fortführung des ebenfalls zweiteiligen Fernsehfilms „Tod eines Mädchens“, der vor vier Jahren vom Sender ausgestrahlt wurde (vgl. MK-Kritik).

Nicht nur der Drehort ist derselbe geblieben, sondern auch Stab und Besetzung, Stoff und Dramaturgie knüpfen unmittelbar an den Vorgängerfilm an: eine Kombination aus Familiendrama und TV-Krimi. Regie führte damals wie heute Thomas Berger, der diesmal auch das Drehbuch schrieb; produzierende Firma war wieder Network Movie. Dass man sich aber nach so langer Zeit überhaupt noch an „Tod eines Mädchens“ erinnerte, war nicht zuletzt der Pressearbeit des ZDF zu verdanken, die im Vorfeld der Ausstrahlung des neuen Zweiteilers so gründlich an den alten als einen fulminanten Quotenhit erinnerte (7,2 Mio und 8,1 Mio Zuschauer, 21,0 und 24,8 Prozent Marktanteil), dass jetzt nahezu jeder Programmhinweis auf „Die verschwundene Familie“ diese Information enthielt. Der Sender stellte somit bewusst die Wiederholung eines Erfolgs in den Vordergrund, was nun mit Marktanteilen von über 20 Prozent wieder zu einem Quotenerfolg führte, wenngleich der Handlungsablauf diesmal doch streckenweise sehr überdehnt wirkte. (Das könnte natürlich auch an inzwischen veränderten Sehgewohnheiten liegen.)

Das tote Mädchen war seinerzeit am Strand gefunden worden und auch jetzt stand am Beginn der Handlung der Fund einer Leiche ebendort. Diesmal handelt es sich um Jakob Thomsen, der offensichtlich von der Klippe zu Tode gestürzt ist. Zudem sind seine Frau Anna und seine Tochter Lilly verschwunden, wie der Sohn Tom feststellen muss, der soeben von einer Klassenfahrt zurückgekommen ist und niemanden mehr von seiner Familie im Elternhaus vorfindet. Zu seinen in der Nähe wohnenden Großeltern Ulrike und Gustav Hansen will er nicht. Hier deutet sich bereits ein tiefliegender Familienkonflikt an, der sich durch beide Teile des Films ziehen und eine maßgebliche Rolle bei der Lösung des Falls spielen wird.

Die friedliche, dörfliche Kleinstadtidylle wird durch den Tod des Familienvaters und das Verschwinden von Frau und Tochter erheblich gestört; hinter der scheinbar heilen Welt tut sich ein Sumpf an Verlogenheit auf. Dabei gibt es weder aufregende Actionszenen noch aggressive Gewaltdarstellungen zu sehen und der am Filmbeginn vorgefundene Tote wird der einzige bleiben, wie sich aber erst gegen Ende des zweiten Teils herausstellt.

Gelöst wird der Fall erneut von dem Ermittlerduo aus Kommissar Simon Kessler (Heino Ferch) und Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer), das in vielerlei Hinsicht männliche und weibliche Rollenklischees bestätigt. Ist nämlich der eine ein Kotzbrocken und verhält sich gegenüber den Menschen vor Ort sehr distanziert, brilliert die andere mit ihrem Einfühlungsvermögen und steht den Menschen sehr nahe, da sie und ihre Familie selbst in Nordholm wohnen. Beide Positionen führen einerseits zu Fehlern bei der Ermittlungsarbeit, tragen aber andererseits auch wesentlich zur Lösung des Falls bei.

Wie im alten Zweiteiler streiten die beiden Kripobeamten auch im neuen wieder heftig miteinander; doch anders als vor vier Jahren bleibt diesmal ihr Kräfteverhältnis zueinander – leider – nicht im Gleichgewicht, sondern im Verlauf der Handlung rückt Heino Ferch als Kommissar Kessler immer stärker in den Vordergrund und wird zum eigentlichen Star der Filmhandlung. Der scheinbar gefühllose, eiskalte Ermittler zeigt sich nunmehr im Kern als dennoch sensibel und einfühlsam – das entspricht genau dem auch in anderen Fernsehfilmen gepflegten Rollenprofil des Schauspielers, bringt allerdings diesen TV-Krimi damit um einen Teil seiner Originalität.

Eine wichtige Rolle spielen wiederum die schönen Landschaftsaufnahmen mit Kreidefelsen, die sich definitiv nicht im Landkreis Plön befinden, auf den die im fiktiven Filmort Nordholm verwendeten Autokennzeichen hinweisen. Dieser Landkreis liegt im Bundesland Schleswig-Holstein, dessen Landeshauptstadt bekanntlich Kiel ist. Nach Kiel war seinerzeit auch Kommissarin Hella Christensen versetzt worden, was, wie man jetzt erfährt, ihrem Familienleben nicht gut bekommen ist und sie dazu veranlasst hat, nunmehr in den Ruhestand zu treten. Weil der Tote am Strand und seine verschwundene Familie ihre Nachbarn waren, bringt sie sich dennoch wieder in die Ermittlungen ein.

Nur schwer zu verstehen ist, warum Kommissar Simon Kessler diesmal nicht als Ermittler aus Kiel kommt, sondern aus Hamburg. Dass er in einem Moment, in dem in Nordholm offenbar wieder ein Mord geschah, erneut vor Ort sei, sei ein Zufall, heißt es; gekommen sei er deshalb, weil er den Besuch des Ministerpräsidenten in Nordholm aus Anlass der 800-Jahr-Feier der Gemeinde sicherheitstechnisch vorbereiten solle. Doch eigentlich ist es unvorstellbar, dass ein Ministerpräsident aus Schleswig-Holstein ausgerechnet die Hamburger Kripo und nicht die Beamten der eigenen Landeshauptstadt mit solch einem Auftrag beschäftigt. Wer trotz der Fiktionalisierung des Ortes einen weitgehend realistischen Fernsehfilm dreht, wie das hier der Fall ist, sollte um der Plausibilität willen mit den geopolitischen Fakten dennoch nicht so sorglos umspringen. (Die Einschaltquoten für „Eine verschwundene Familie“: Teil 1: 7,15 Mio Zuschauer, Marktanteil: 21,8 Prozent; Teil 2: 6,94 Mio, 20,9 Prozent.)

01.02.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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