Thilo Mischke: Deutschland radikal – Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet (Pro Sieben)

Mit pessimistischem Grundton

29.09.2021 •

Dieser Montagabend beim Unterhaltungssender Pro Sieben gehörte der politischen Aktualität. Unter dem Reihentitel „Pro Sieben. Das Thema“ ging es rund zwei Stunden (abzüglich darin enthaltener dreier Werbeblocks) um gewaltbereite Rechtsextreme und ihre Protestaktionen gegen Corona-Maßnahmen, um Begleiterscheinungen und Hintergründe dazu. Produziert und präsentiert wurde die Sendung von Thilo Mischke, angekündigt als Investigativ-Reporter. In dieser Eigenschaft tritt Mischke auch immer wieder in anderen Formaten bei Pro Sieben auf, beispielsweise seit 2016 in der Reihe „Uncovered“.

„Deutschland radikal – Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet“, das war eine vorwiegend kritische Auseinandersetzung mit pessimistischem Grundton über dieses gesellschaftspolitische Phänomen der Corona-Zeit. Kurze Reportagen von Orten entsprechender Ereignisse wechselten sich mit Expertengesprächen ab. Hintergrundinformationen wurden eingebracht, dazu gab es auch Datenmaterial, oft unter der Angabe, dass diese Daten aus eigens für diese Sendung durchgeführten repräsentativen Umfragen stammten. Die Penetranz, mit der der Pro-Sieben-Reporter ständig in der Dokumentation selbst als Akteur im Bild war und sich auch im Kommentar aus dem Off als Person einbrachte, wirkte oft verstörend, war aber offensichtlich von Format her so gewollt.

Positiv fiel dabei die Zurückhaltung auf, mit der Mischke dann doch in bestimmten Situationen agierte. Vor allem seine sachliche und ruhige Art, in der er seine Gespräche führte und mit der er kritische Distanz wahrte, signalisierten, dass er nicht in erster Linie auf vordergründige Emotionalisierung setzen wollte. In den Interviews, die Mischke mit an Protesten Beteiligten führte, ging es ihm nicht um eine Skandalisierung. So waren seine bevorzugten Gesprächspartner keine realitätsfremden Verschwörungstheoretiker oder andere Extremisten, sondern erwiesen sich etwa als Corona-Leugner aus der Mitte der Gesellschaft. Mischke bemühte sich, durch Nachfragen Hintergründe erkennbar zu machen, ohne die Befragten vor der Kamera bloßzustellen. Das gab der Sendung insgesamt einen informativen Charakter.

Orte von Querdenker-Demos und anderen Protestaktionen, die Mischke mit seinem Kamerateam aufsuchte, waren Frankfurt am Main, Freiburg, München und Berlin (mit den bekannten Bildern von der Stürmung der Treppe zum Reichstag); Magdeburg und Halle kamen im Zusammenhang mit AfD-Auftritten vor, die im Vorfeld der am 6. Juni 2021 ausgerichteten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stattfanden. Neben seiner starken Präsenz in Wort und Bild kokettierte Mischke auch offen mit – in der Regel reichlich verwackeltem – Bildmaterial, das aus heimlich gemachten Aufnahmen stammte, worauf er dann auch im Off-Kommentar penetrant aufmerksam machte.

Undercover besuchte er die – hierzulande eher unbekannte – offen antidemokratisch agierende Schweizer Sekte OCG (Organische Christus-Generation), die einen eigenen Online-Kanal namens KLA.TV (Klagemauer.tv) betreibt. In den doch recht langen Passagen, in denen Mischke sich mit der Sekte beschäftigte, ging es nicht nur um Aktionen der OCG, sondern vor allem auch um ihr mediales Agitieren mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien und Fake News über die eigene Plattform. Wegen der – im Vergleich zu anderen, politisch brisanteren Plattformen – eher geringen Bekanntheit von KLA.TV erzielten diese Recherchen aber vermutlich nicht die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdient hätten.

Die kritische Auseinandersetzung über die Gefährlichkeit solcher Aktivitäten und des damit verbundenen wachsenden Gewaltpotenzials führte Mischke vor allem in den Gesprächen mit den Experten. Diese reichten von Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang, der angesichts der Protest-Demonstrationen vor einer „Delegitimierung des Staates“ warnte, bis zu „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, der in der zweiten Hälfte der Dokumentation einen langen Auftritt hatte, bei dem er die Praxis der „Bild“-Zeitung rechtfertigte, Emotionen über Informationen zu stellen. Reichelts Auftritt fand im Rahmen eines Besuchs des Pro-Sieben-Teams bei der „Bild“-Redaktion statt, wobei davon so viel Glamour-Bilder gezeigt wurden, dass die kritischen Fragen, die Mischke dennoch an Reichelt richtete, ziemlich untergingen. Daneben wurde noch rund ein weiteres Dutzend Wissenschaftler und Experten aller Art befragt, darunter prominent, als Adressatin von Hass-Mails und Expertin zum Thema gleichermaßen Betroffene, die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim (seit April 2021 ZDF; vorher ARD).

Bereits im September vorigen Jahres war bei Pro Sieben eine Dokumentation von und mit Thilo Mischke gelaufen, die sich mit derselben Thematik befasste: „Rechts. Deutsch. Radikal“ (vgl. MK-Artikel). Dafür hatten Mischke und vor allem auch sein Sender Pro Sieben damals viel Aufmerksamkeit und Lob bekommen. Schon in dieser ersten Dokumentation war der oberste Verfassungsschützer Thomas Haldenwang zu einem Statement vor der Kamera bereit gewesen. Auch jetzt war er der erste Experte, der in der neuen Dokumentation zum Thema zu sehen und zu hören war. Diese zweite Dokumentation (692.000 Zuschauer, Marktanteil: 2,6 Prozent; Gesamtpublikum) sah sich denn auch an wie eine sich eng an die erste anschließende Fortsetzung.

29.09.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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