The Masked Singer. 6-teilige Verkleidungs- und Gesangsshow, 2. Staffel, Moderation: Matthias Opdenhövel (Pro Sieben)

Spaßspektakel mit Schwächen

28.04.2020 •

Die von Pro Sieben 2019 erstmals ausgestrahlte Show „The Masked Singer“ war im pandemiefernen Prachtsommer des vorigen Jahres ein Ereignis. Über sechs Ferienwochen, von Ende Juni bis Anfang August, entfaltete die aus Südkorea adaptierte Musikshow einen Sog, wie ihn der Privatsender, ach was, das Unterhaltungsfernsehen insgesamt schon lange nicht mehr erlebt hatte. Von anfangs 2,2 Mio bis 4,3 Mio Zuschauer im Finale (Gesamtpublikum) arbeitete sich die mit Rätselelementen kombinierte Maskerade hinauf – und das, obwohl es damals (und heute unvorstellbar) donnerstags um 20.15 Uhr durchaus Alternativen gab. Biergarten und so.

Den Pro-Sieben-Hashtag #WirBleibenZuhause, der nun in der zweiten Staffel coronabedingt neben dem Senderlogo eingeblendet wird, brauchte es in jenen Tagen jedenfalls nicht, um Showmachern reihum den Glauben daran zurückzugeben, dass sich nach dem Aus von „Wetten, dass..?“ (ZDF) doch noch ein großes, generationenübergreifendes Gemeinschaftsgefühl schaffen lässt und dass Alt wie Jung durchaus bereit sind, sich zu einer festen Uhrzeit vor dem Bildschirm zu versammeln, um zeitgleich mit Millionen anderen Menschen vor dem Schirm oder parallel im Netz zu rätseln, wer hinter dem Ganzkörperkostüm singt. Live-Fernsehen feierte Renaissance. In der Folge fühlten sich Pro Sieben, aber auch andere Sender wieder ermutigt zur häufigeren Direktausstrahlung von Spaßspektakeln. (Wobei natürlich Quoten von deutlich über 10 Mio Zuschauern, wie „Wetten, dass..?“ sie früher locker erreichte, auf dem heutigen Fernsehmarkt von Unterhaltungshows nicht mehr erzielt werden).

Die Top-Einschaltzahlen von „The Masked Singer“ (Produktion: Endemol Shine Germany) konnten indes die Schwächen des Formats nicht verdecken. Die vielen Längen im Ablauf, die nicht zuletzt den langen Wegen auf der Bühne geschuldet sind. Die nicht vorzeitig von Moderator Matthias Opdenhövel abgewürgten Endlosdiskussionen eines Ratepodiums, das sich teilweise hyperventilierend an den eingespielten Indizienfilmen abarbeitete. Die im Unterschied etwa zur deutlich knapperen und knackigeren US-Version auf drei Stunden aufgeblähte Dramaturgie. Die Spannung zerschießende, statt Spannung erzeugende Platzierung von Werbung, Werbung, Werbung.

Und schließlich der mit Leerlauf auf ein Maximum an Nervigkeit hinausgezögerte Moment der Demaskierung, so dass sich angesichts des unverkleideten „Promis“ mitunter Enttäuschung Bahn brach: So viel Warterei dafür, dass es Lucy ist? Also Lucy Diakovska, Sängerin der früheren No Angels, die in der ersten Staffel per Zuschauervoting als Erste ausschied? In der Zuschauerrezeption war im vorigen Jahr das Befremden über den „Kakadu“ Heinz Hoenig übrigens noch größer – den überwiegend jüngeren Pro-Sieben-Guckern kam der Schauspielerstar aus dem einstigen ZDF-Event-Fünfteiler „Der Schattenmann“ recht unbekannt vor.

Sei’s drum. So viele waren berauscht von der (auch buchstäblich) umwerfenden Opulenz der schweren handgenähten Kostüme, von dem erstaunlichen Method Acting der Kandidaten (ein Astronaut, der tatsächlich zu schweben scheint!), von der einen und anderen gesanglichen Glanzleistung (wieder: der Astronaut alias Max Mutzke und schließlich Gewinner der Show) – und die Werbewirtschaft war entsprechend elektrisiert, dass Pro Sieben nun kaum ein Jahr später mit der zweiten Staffel nachgelegt hat. Gesendet wird jetzt dienstags statt donnerstags. Das Konzept, der eigentliche Star, ist das gleiche, mit leichten Veränderungen, nur ohne deutliche Verbesserung.

So ist das Team am Tresen zwar von vier auf drei Rater reduziert (Ruth Moschner als Stammjurorin aus der ersten Staffel mit Rea Garvey plus ein wechselnder Gast), aber nicht das Redevolumen insgesamt. Moderator Opdenhövel ist nach wie vor um spontanes Eingreifen bemüht, zieht es aber vor, mit besonders flauschigen Kandidaten (der Hase!) auf zugegeben charmante Weise und gemäß Social-Distancing-Gebot fernzukuscheln. Seine zusätzliche Aufgabe ist jetzt, in die Trio-Raterei Namen einzustreuen, auf die mitratende Zuschauer per neu geschaffener App tippen können. Wer aus der Show fliegt, wird nun denn auch per App statt wie zuvor per Telefon entschieden.

Das Publikum daheim noch enger an die Show binden? Keine schlechte Idee. Das Publikum auch in der Werbepause am Schirm halten, indem im Bildausschnitt rechts oben das Geschehen im Studio weiter übertragen wird? Für Reklamekunden sicher reizvoll. Von der innovativen Idee, quasi mit einer Mini-Story (zum Auftakt raffte sich das Faultier aus seiner Hängematte, um zum Auftritt zu tapsen) die sieben, acht Werbeminuten elegant zu überbrücken, war allerdings bald nicht mehr viel übrig. Der Gang zum Kühlschrank oder WC ist dann für den Zuschauer doch attraktiver als Live-Aufnahmen von einfach nur rumstehenden „Singern“ und rumsitzenden Ratern.

Und dann schlug Corona bei „The Masked Singer“ 2020 zu. Der Ablauf wurde durch das Virus durcheinandergebracht. Schon Show Nummer 2 der am 10. März gestarteten neuen Staffel musste ohne Studiopublikum über die Bühne gehen. Stattdessen gab es eingespielte Applause und eine noch aufgekratztere Jury, die die fehlende Stimmung aus dem Hintergrund wettzumachen versuchte. In der dritten Show fielen gleich zwei Masken, eine davon freiwillig: Weil er die Hin- und Herfliegerei zwischen Köln und seiner Familie in Irland nicht mehr auf sich nehmen wollte, lupfte Angelo Kelly den Kakerlakenkopf, schon nicht mehr live, sondern per MAZ. 

Mit den zwei geplanten Ausgaben vor Ostern musste Pro Sieben dann sogar komplett pausieren, weil sich im Team jemand mit dem Coronavirus infiziert hatte. Rettung versprach sich der Sender von der Wiederholung der Auftaktsendung aus der Premierenstaffel. Doch der Anfangszauber war verflogen, die Einschaltquote deutlich unter der vorherigen. (Weshalb Pro Sieben die Woche darauf einen älteren „Spiderman“-Spielfilm zeigte.) 

Wer schon weiß, wer hinter welcher Maske steckt, schaltet eher kein zweites Mal ein, insofern bringt eine Wiederholung wenig. Die Show „The Masked Singer“, das dürfte als Lehre aus der Corona-­Notlösung bleiben, funktioniert nur in all ihren Komponenten: singen und raten, und das alles bitteschön live. Ob sich nun, da es seit dem 14. April mit der aktuellen Staffel weitergeht, der Erfolg aus der ersten vor einem Jahr repetieren lässt, muss sich noch zeigen. Immerhin war jetzt mit Dieter Hallervorden, der sich in der Halbfinalshow am 21. April demaskieren musste (er war das Chamäleon), schon mal ein richtig Prominenter dabei. Das Finale ist am 28. April um 20.15 Uhr, es wird bis gegen Mitternacht dauern. 

28.04.2020 – Senta Krasser/MK