Tassilo Forchheimer/Ellen Trapp: Klein Bayern im Vatikan – Ein Besuch bei Papst Benedikt XVI. em. (BR Fernsehen)

Die letzte Etappe

02.02.2020 •

Die Ankündigung klang vielversprechend: Ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks (BR) war zu Besuch beim zurückgetretenen Papst Benedikt XVI., zu einem Gespräch mit ihm in seinen Privaträumen im Kloster „Mater Ecclesiae“, einem in den vatikanischen Gärten gelegenen kleinen Palazzo im römischen Stil mit modernem Ziegelanbau und Kapelle. Welcher Journalist kann dies für sich in Anspruch nehmen? Ein Interview mit dem Papst, ob amtierend oder zurückgetreten, steht wohl stets an vorderster Stelle einer professionellen Wunschliste. Hier wurde es für die BR-Journalisten Tassilo Forchheimer und Ellen Trapp Wirklichkeit. Und das Ergebnis?

Von vornherein war die Thematik des Besuchs beschränkt auf die bayerischen Aspekte des heute 92-jährigen früheren Papstes, der mit bürgerlichem Namen Joseph Ratzinger heißt. Deutlich wurde dieser Heimatbezug durch die Wohnungseinrichtung, Familienfotos, eine Kopie der Patrona Bavariae, ein Bild vom Geburtshaus in Marktl am Inn, ein Palmbuschen aus dem Chiemgau im Herrgottswinkel. Und nicht zuletzt durch ein Lebkuchenherz vom Münchner Oktoberfest an zentraler Stelle im Eingangsbereich. Das alles spiegelte sich schließlich auch wider im Sendetitel „Klein Bayern im Vatikan“.

„Wo ein Herz die Gäste empfange, müsse man sich geborgen fühlen“, werden die den Haushalt führenden Nonnen zitiert. Erzbischof Georg Gänswein, der Privatsekretär Benedikts, gab dazu die Erläuterungen. Er war (und ist) die Stimme seines Herrn, im Film bestritt er den größten Teil der Aussagen. Denn Benedikt empfindet das Alter als beschwerlich, „die Stimme ist schwach, der Kopf aber glasklar“.

Dieser „klare Verstand“ mag ihn bewogen haben, anders als bei seinem Rücktritt angekündigt – nämlich „im Verborgenen zu bleiben“ –, aktuell in einem Buch ausdrücklich gegen eine Veränderung des Zölibatsgesetzes zu plädieren. Dabei war seinerzeit Joseph Ratzinger zusammen mit Walter Kasper, Karl Lehmann, Karl Rahner und anderen im Februar 1970 mit dem Memorandum zur Zölibatsdiskussion für eine eindringliche Überprüfung und differenziertere Betrachtung des Zölibatsgesetzes der lateinischen Kirche eingetreten. Da das aber nichts mit Bayern im Vatikan zu tun hat, war es auch kein Thema in dieser Dokumentation.

Von den körperlichen Beschwernissen des Alters konnte sich der Zuschauer ein eindrückliches Bild machen, wenn Benedikt denn selbst ins Bild kam. Man sah ihn am Rollator und im Rollstuhl, aber auch ohne Gehhilfe. Wenn er sprach, war er kaum zu verstehen, seine Antworten waren kurz und knapp. Er sei guter Dinge, guter Stimmung, in guter Gesellschaft, mit sich im Reinen, so beschreibt ihn Georg Gänswein. Neben dem Erz­bischof kamen weitere Wegbegleiter und sein älterer Bruder Georg Ratzinger zu Wort, die nicht müde wurden, die Verbundenheit des früheren Papstes mit seiner Heimat zu betonen. Gefühlt kam Benedikt in dem 30-minütigen Film vielleicht fünf Minuten selbst zu Wort.

Das war angesichts der Sprechschwierigkeiten nachvollziehbar. So behalfen sich Tassilo Forch­heimer und Ellen Trapp mit dem Rückgriff auf frühere Interviewäußerungen Ratzingers als Präfekt der Glaubenskongregation und mit im Off zitierten Äußerungen aus einer Buch-Biografie über den Papst. Benedikt selbst zitierte in einer der wenigen verständlichen Passagen den Schluss seiner Biografie eines japanischen Autors: „Man versteht ihn nur, wenn man weiß, dass er ein bayerischer Patriot ist.“ Da klang ein gewisser Stolz mit.

Seit 1982 lebt Joseph Ratzinger in Rom, zuvor war er fünf Jahre lang Erzbischof von München und Freising. Ab dem 1. März 1982 war er Präfekt der Glaubenskongregation. Aus dieser Zeit stammen viele der Interviewteile des Films. Für die Italiener war er ein „Panzerkardinal“ – präzise, diszipliniert, steif. Ein Urteil, das nur Teile von Benedikts Persönlichkeit trifft. Eine gewisse Selbstironie kann man ihm nicht absprechen, im persönlichen Umgang mag er sogar Humor gezeigt haben. Wenn er etwa daran erinnert, dass er 2005 im Konklave, bei dem er am Ende zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde, Gott angefleht habe, jemand anderen zum Papst wählen zu lassen: „Da hat Gott wohl nicht zugehört.“

Als Benedikt XVI. am 28. Februar 2013 (in Deutschland war es der Rosenmontag) seinen Rücktritt erklärte, war dies ein historischer Paukenschlag. Aber schon zuvor hatte er angedeutet, dass die Auseinandersetzungen um den Filz in der Vatikanbank und die Dimension der Missbrauchsfälle seine Kräfte übersteigen würden. Seine Analyse habe ergeben, dass er anerkennen müsse, „dass mein Körper die Belastungen nicht mehr so aushält, wie es das Amt erfordert“.

Man wird sicher darüber streiten können, ob man Papst Benedikt XVI. emeritus in einer (Bilder-)Welt zeigen kann, in der es auf Fitness und Unbeschwertheit ankommt. Immerhin ist er eine Person der Zeitgeschichte. Und er wird den Dreharbeiten zugestimmt haben, im Bewusstsein seiner Hinfälligkeit. Es entsteht in dem Film ein Lebensbild seiner akademischen und kirchlichen Karriere bis hin zum Rücktritt vom Papstamt. Freundschaftlich und in Maßen diskret. Am Beginn von allem stand die Prägung Joseph Ratzingers durch das Elternhaus, durch einen nüchtern denkenden Vater und eine eher der Intuition folgenden Mutter.

In Erinnerung bleibt ein Bild: die Garderobe im päpstlichen Haushalt, wo am Haken der weiße Mantel und das weiße Basecap hängen. Irgendwie ein Sinnbild des Ruhestands. Benedikt selbst spricht von der letzten Etappe seines Lebens. Wenn man so will, war diese kleine Dokumentation ein Nachruf zu Lebzeiten.

02.02.2020 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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