Tamara Anthony/Mathias Bölinger/Svea Eckert/Daniel Satra: China – Überwachungsstaat oder Zukunftslabor? (ARD/NDR)

Digital total

23.06.2021 •

Die Digitalisierung ist nicht mehr aufzuhalten. Sie ist, wenn sie funktioniert, sehr praktisch. Welche Annehmlichkeiten sie bietet, führt in der ARD-Reportage „China – Überwachungsstaat oder Zukunftslabor?“ eine Modellfamilie aus dem Land vor Augen, die hier Einblicke in ihre schöne neue Welt gewährt. Vater und Mutter sind permanent online. Die Stromrechnung wird per Handy-App beglichen. Selbst das Taschengeld des Kindes ist auf der Smartwatch gespeichert. Auf Schritt und Tritt hinterlassen diese Chinesen dabei Datenspuren, die, so zeigt es der Film, in gigantischen Rechenzentren ausgewertet werden.

Die Kameraüberwachung auf Straßen und öffentlichen Plätzen in China nähert sich der 100-Prozent-Marke. Nichts entgeht diesen elektronischen Augen. Entsorgt jemand seinen Müll nicht vorschriftsmäßig? Trägt jeder eine Gesichtsmaske? Was ist mit der Einhaltung der Abstandsregel? „Algorithmen, die automatisch Situationen erfassen“ (so eine chinesische Technikerin), registrieren jeden noch so kleinen Regelverstoß und verständigt via Handy-App automatisch den nächsten Polizisten. Wer mitmacht und artig alle Regeln befolgt, so zeigt es die Reportage, erhält Bonuspunkte im Rahmen eines sozialen Bewertungssystems: In China ist damit genau jene düstere Dystopie Wirklichkeit geworden, von der die Episode „Nosedive“ der Netflix-Serie „Black Mirror“ erzählte (dritte Staffel, 2016).

Kann man sich diesem „Big-Brother“-Blick überhaupt noch entziehen? Der Künstler Deng Yufeng wollte dies wissen. Akribisch studierte er die in China eingesetzten Kameramodelle und ihre Kapazitäten. Eine Gruppe von Kollegen hat er dann in Peking auf einen Pfad von toten Winkeln geschickt, die sich der staatlichen Überwachung entziehen. Sein Video, das zeigt, wie diese klandestinen Passanten zwei Stunden für einen Kilometer brauchen, ist – wie sollte es anders sein? – in China verboten.

Der im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“ gezeigte Film der vier Autoren Tamara Anthony, Mathias Bölinger, Svea Eckert und Daniel Satra wirft auch einen Blick auf das ebenso umstrittene wie populäre chinesische soziale Netzwerk TikTok, das weltweit vor allem von jungen Leuten genutzt wird, auch in Deutschland. Die User können private Videos veröffentlichen, mit denen man im Nu mehr oder weniger berühmt werden kann. Im Dialog mit Forschern der Universität Bochum versuchen die Filmemacher zu erklären, welche Daten dabei insgeheim nach China abfließen. Es geht um jene Empfehlungsalgorithmen, die das Alleinstellungsmerkmal von TikTok ausmachen. Aufgrund des Browserverlaufs und anderer Daten, die im Hintergrund stillschweigend ausgewertet werden, stellt das Netzwerk dem Nutzer Inhalte bereit, die möglichst gut zu ihm passen. Leider erklärt der Film nicht das an solches Datensammeln gekoppelte Geschäftsmodell sozialer Netzwerke. TikTok verfolgt mit den beschriebenen Empfehlungsalgorithmen den alleinigen Zweck, jene Online-Verweildauer auszudehnen, mit der das Netzwerk gigantische Werbeeinahmen erzielt.

Die vier Autoren der Reportage argumentieren in ihrem Film (1,20 Mio Zuschauer Marktanteil: 7,0 Prozent) in manchen Punkten nicht ganz sauber. So kann man die porträtierte junge Frau aus Deutschland, die ausspioniert wird, während sie das Handyvideo ihres Freundes auf TikTok postet, nicht vergleichen mit jenen Chinesen, deren Bewegungsfreiheit durch digitale Überwachung in dem kommunistischen Land auf Null eingeschränkt wird.

Seine stärksten Momente hat der Beitrag, wenn er transparent macht, wie die totale Überwachung in China im Detail funktioniert. Aufschlussreich ist der Film daher in jenen Passagen, die verdeutlichen, wie beispielsweise die technisch ausgereifte digitale Gesichtserkennung gezielt auch zur Unterdrückung der uigurischen Minderheit in China eingesetzt wird. Vor der Kamera berichtet eine im niederländischen Exil lebende uigurische Grundschullehrerin von ihrer Versetzung in ein Straflager, in dem sie Zeugin schwerer Menschenrechtsverletzungen wurde.

Nicht wirklich nachvollziehbar ist daher die im Sendetitel gestellte Frage, ob China ein „Überwachungsstaat oder Zukunftslabor“ sei. Ein Zukunftslabor sei das Land der Mitte, so wird im Film ausgeführt, weil man durch den nahezu flächendeckenden Einsatz digitaler Überwachungstechnologien unter anderem „die Corona-Zahlen auf Null“ gebracht habe. Wie glaubhaft jedoch ist solch eine propagierte Erfolgsmeldung in einem totalitären Staat, in dem, wie im Off-Kommentar erklärt wird, „rund eine Million Menschen zumindest zeitweise in Lagern verschwunden“ seien, wo ihnen „Folter und sexuelle Gewalt“ angetan werde? Vor der Realität dieses Unterdrückersystems, das auf digital total setzt, verschließt die Reportage gleichwohl nicht die Augen. Gerade deshalb aber klingt die Frage, ob ein Staat, in dem, wie es im Film heißt, ein „schleichender Völkermord“ an den Uiguren geschieht, ein „Zukunftslabor“ sein kann, zynisch.

23.06.2021 – Manfred Riepe/MK

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