Szene Deutschland. Reportagereihe mit Sascha Bisley (ZDFinfo) 

Zwei Folgen, zwei Qualitätsstufen

15.07.2016 •

Der Hamburger Straßenmusiker Pauli ist obdachlos und heroinabhängig – ein Junkie, so der oft unbesonnen verwendete Begriff für Drogenkranke. Sascha Bisley widerspricht: Junkie, „das könnte man mit Menschenmüll übersetzen. Aber sie sind kein Müll.“

Wenn Bisley über Abhängige spricht, spricht er indirekt auch über sich selbst. Er stammt, wie er über sich in einem Presseinterview sagte, aus einer kaputten Familie, geriet als Jugendlicher in eine gewalttätige Clique, wurde drogenabhängig, verprügelte einen Wohnungslosen, kam in Haft. Die Nachsicht seines Opfers, das später an den Folgen des Übergriffs starb, brachte ihn, so seine Schilderung, zur Umkehr. Er begann zu schreiben und engagiert sich heute in der präventiven Jugendarbeit.

Sascha Bisley ist an Händen und Armen, am Hals, bis in den Gesichtsbereich tätowiert. Eine Selbststigmatisierung, die seinen Nonkonformismus ausdrückt. Sein markantes Äußeres erleichtert ihm den Zugang zur Gegen- und Subkultur. In der Sendereihe „Szene Deutschland“, einer Eigenproduktion des Spartenkanals ZDFinfo, ist Bisley der Protagonist und Presenter, der solche gesellschaftlichen Randbereiche erkundet, Gespräche führt, über das Gehörte räsoniert, es mit eigenen Erfahrungen abgleicht. Die erste Ausgabe der Reihe war dem Thema Heroinabhängigkeit, die zweite dem Hooligan-Unwesen gewidmet.

Für Pauli, den Hamburger Musiker, begann die Drogenkarriere im Alter von 28 Jahren nach dem Verlust seiner Wohnung und dem Tod eines guten Freundes. Das Heroin bedeutete Vergessen. „Es ist alles ein bisschen gedämpfter“, beschreibt Pauli die Wirkung des Rauschmittels.

Wenn es in den Gesprächen, die Bisley mit Betroffenen führt, um den Einstieg in die Sucht geht, ist immer wieder die Rede von tragischen Einschnitten. Der Journalist Jörg Böckem, selbst lange heroinabhängig, analysiert den Drogenkonsum als „Selbstmedikation“: „Ich habe irgendwann halt gemerkt, dass Heroin für mich das perfekte Medikament war. Das hat alles gutgemacht. Alle Bedürfnisse gestillt…“ Böckem vergleicht den Rauschzustand mit der Rückkehr in die Fruchtblase.

Autor Niels Folta und Presenter Sascha Bisley gelingt es in dieser Sendung, gängige Klischees über Drogenkonsumenten auszuräumen. Biografische Darstellungen helfen, die Ursachen der Sucht zu verstehen. Darüber hinaus werden Konzepte vorgestellt, wie den Suchtkranken geholfen werden kann. Beispielsweise mit kontrolliertem Konsum wie in der Hamburger Drogenhilfe-Einrichtung „Abrigado“, wo sich die Abhängigen in sauberer Umgebung und repressionsfrei versorgen können und wo in Notfällen rasch medizinische Hilfe bereitsteht. Der Berliner Psychotherapeut Dr. Thomas Peschel behandelt Drogenkranke mit dem halbsynthetischen Diamorphin, das den Körper nicht schädigt. Bei dieser ärztlich beaufsichtigten und therapeutisch begleiteten Verabreichung ist gewährleistet, dass die Droge nicht, wie im Straßenhandel üblich, mit giftigen Stoffen wie Arsen oder Ziegelsteinpulver gestreckt wurde.

Auch als Heroinkonsument kann man ein hohes Alter erreichen. Im Projekt LÜSA (= Langzeit-Übergangs- und Stützungsangebot) in Unna trifft Bisley Langzeitabhängige im Rentenalter, die hier Obdach, einen geregelten Alltag und Betätigungsmöglichkeiten finden – wichtige Voraussetzungen, um von der Droge abzulassen. Oder mit ihr zu leben, ohne den Drangsalen der Illegalität ausgesetzt zu sein.

Im Vergleich zu ähnlich gelagerten Reportagen fällt diese durch den Verzicht auf Emotionalisierung angenehm auf. Zugleich wahren die Beteiligten eine gewisse Diskretion. Biografien werden nur soweit ausgebreitet, wie sie für das Verständnis der jeweiligen Situation erforderlich sind. Sascha Bisley begleitet den Zuschauer durchs Thema, spielt sich aber nicht unnötig in den Vordergrund.

Gegenüber der ersten Ausgabe fiel die zweite Sendung von „Szene Deutschland“ deutlich ab. „Unter Hooligans“ lautete ihr Untertitel, aber anders als beim Thema Drogensucht fand Bisley hier kaum Kontakt zur Szene. Ein einziger, anonym bleibender Schläger namens Alex gab ihm Auskunft, ansonsten behalf sich das Team, indem es die Mannschaft des erklärtermaßen antirassistischen Vereins Roter Stern Leipzig zu einem Auswärtsspiel begleitete, an dessen Rand ein kleines Fähnlein rechter Störer erschien. Ein älterer Ex-Rabauke aus dem Umfeld des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC Berlin wurde befragt, ferner ein sachkundiger Journalist, ein Filme­macher und ein Medientheoretiker, es wurde in die Vergangenheit und nach England geblickt, mithin größtenteils indirekt berichtet. So gelangte Bisley hier zu abstrakten Erklärungen des Phänomens – die Suche nach dem Kick, nach der körperlichen Selbsterfahrung, die existenzielle Erfahrung wurden genannt –, doch es blieb bei einer Darstellung aus der Distanz. In der Sendung über Drogensucht wurde mit Junkies statt über sie gesprochen; in der Ausgabe zum Thema Fußballgewalt verhielt es sich umgekehrt (Autor war ebenfalls Niels Folta).

ZDFinfo hat weitere „Szene-Deutschland“-Sendungen angekündigt, zu Themen wie Rocker und Neonazis. Es muss sich somit noch zeigen, ob die gelungene Machart der Auftaktsendung exemplarisch war oder nur die Summe günstiger Umstände. Irritierend erscheinen auf den ersten Blick die Sendedaten der Reihe (Produktion: Spiegel TV Infotainment GmbH). So wurde der Beitrag „Unter Junkies“ an einem Freitag um 14.20 Uhr erstausgestrahlt, die Sendung über die Hooligans in einer Nacht von Dienstag auf Mittwoch um 1.15 Uhr. Dafür werden die Folgen mehrfach wiederholt, „Unter Junkies“ ist beispielweise am 22. Juli um 10.30 Uhr und am 23. Juli um 8.30 Uhr noch einmal zu sehen. Die Folge über Hooligans läuft erneut am 9. Juli und am 23. Juli, jeweils um 7.45 Uhr.

Nach Angaben von ZDFinfo hat diese auf Wiederholungen bauende Programmierung System – sie soll die Sendungen im linearen Programm zu unterschiedlichen Zeiten verfügbar machen, damit Zuschauer mit ihren unterschiedlichen Zeitbudgets fürs Fernsehen sie auch linear sehen können. Wer die Ausstrahlungszeiten der Sendungen finden will, muss sie im Grunde ergoogeln. Am einfachsten findet man die Filme in der ZDF-Mediathek, wo sie natürlich zur jederzeitigen Ansicht bereitstehen.

15.07.2016 – Harald Keller/MK