Sven Stricker/Bjarne Mädel: Sörensen hat Angst (ARD/NDR)

Skurrile Poesie

12.02.2021 •

Fernsehkommissare haben in aller Regel eine Macke oder zumindest einen Tick. Beziehungs- oder auch Drogenprobleme sind für diese Ermittler eigentlich der Normalzustand. Bibi Fellner (Adele Neuhauser) vom Wiener „Tatort“ beispielsweise ist trockene Alkoholikerin. Nicht zu vergessen die nörgelnden, verzogenen Töchter, von denen der Kommissar just immer dann angerufen wird, wenn Papa überhaupt keine Zeit hat.

Und nun spielt Bjarne Mädel im ARD-Fernsehfilm „Sörensen hat Angst“ einen traumatisierten Polizisten, der genau das hat, was man als Kriminalist am allerwenigsten gebrauchen kann: Panikattacken. Und aus diesem Grund – auf den ja auch der Sendetitel direkt hinweist – lässt Hauptkommissar Sörensen sich von seinem aufreibenden Hamburger Job ins friesische Katenbüll versetzen. Die ersehnte Ruhe findet er in diesem Provinznest, man ahnt es, allerdings nicht. Kaum hat der neue Kollege aus der Großstadt sich seinen beiden Mitarbeitern in der Polizeiwache des Dorfes vorgestellt, da wird er auch schon zu einem Tatort gerufen: Heiner Hinrichs, der Bürgermeister des beschaulichen Ortes, ist in seinem Pferdestall erschossen worden.

Das klingt nach einem durchschnittlichen Fernsehkrimi. Mit seinem Regie-Debüt nach Sven Strickers Drehbuch, das auch als Roman und Hörspiel erschien, gelingt dem zugleich in der Hauptrolle agierenden Bjarne Mädel jedoch eine fulminante erste halbe Stunde. Gebannt folgt man dem Tun dieses kauzigen Typen, der permanent von inneren Dämonen gepeinigt wird, die man auch als diffuse Geräusche auf der Tonspur erahnt. Sogar eine Autofahrt unterbricht Sörensen, weil er sich vor Angst übergeben muss.

Bjarne Mädel, der sich unter anderem in den Serien „Mord mit Aussicht“ (ARD/WDR) und „Der Tatortreiniger“ (ARD/NDR Fernsehen) sowie zuletzt in der Netflix-Serie „How to Sell Drugs Online (Fast)“ als markanter, kantiger Darsteller etabliert hat, führt nun erstmals auch Regie. Dabei versucht er seinen eigenen Kultstatus auszunutzen, den er insbesondere durch seine „Tatortreiniger“-Figur erlangt hat. Doch er entwickelt auch eine eigene, ein wenig an die Lakonie von Detlev Buck angelehnte Handschrift. Sie zeigt sich in beiläufig zugespitzten Randbeobachtungen. Wird beispielsweise bei der Tatortuntersuchung unvermittelt auf das überlaute Schnauben eines Pferdes geschnitten, so wirkt das seltsam komisch. Gleichzeitig vermittelt sich das bedrohliche Gefühl einer überall lauernden Angst. In der realen Welt wäre ein solcher Beamter, der unter unkontrollierbaren Affekten leidet, gewiss vorzeitig pensioniert worden. Für das Krimigenre gelten jedoch andere Gesetze. Und mit denen spielt der Darsteller-Regisseur hier durchaus geschickt. Zumindest eine Zeitlang.

Irgendwann aber holt auch diesen Fernsehkrimi die alltägliche Routine ein. Da sitzt Sörensen nach Dienstschluss mit seiner neuen Kollegin Jenny Holstenbeck (Katrin Wichmann) in der Kneipe. Hier werden dem eingefleischten Vegetarier, als er Bratkartoffeln bestellt, kurzerhand Bratkartoffeln mit Speck aufgetischt: „Sonst schmeckt’s ja nicht“, erklärt der Wirt gebieterisch. So weit, so lustig. Doch dann bohrt Jenny nach. Sie möchte wissen, was mit ihrem neuen Chef los ist. Er möge doch, bitteschön, mal rausrücken mit der Sprache. Sörensen lässt sich nicht lange bitten. Er gibt hinsichtlich seiner Störung eine Erklärung ab, die einem Funkkolleg zum Thema Angst alle Ehre gemacht hätte. Nein, hölzern ist dieser Dialog nicht. Die Erklärung klingt nicht nach Papier. Dieser Dialog ist aber ein typisches Beispiel für eine Erläuterung, die sich hauptsächlich an den Zuschauer richtet. Diese Form des Erklärfernsehens nimmt der bis dahin gut eingeführten Figur etwas von ihrem gebrochenen Charme. Schade.

Der weitere Verlauf des Provinzkrimis ist zwar spannend und durchaus atmosphärisch – besonders die Häuser mit den Reetdächern sind hinreißend –, teilweise erscheint das aber auch mal etwas holprig. Da wird, immer noch in derselben Szene, Sörensens Kollegin Jenny von ihrer Tochter in der Kneipe aufgesucht. Die junge Frau hat etwas auf dem Herzen. Sie muss dringend mit der Mama reden. Man weiß natürlich sofort, um was es geht: Sie ist schwanger. Allein, die Mutter ahnt nichts und lässt die Tochter gnadenlos auflaufen. So würde sich eine Mutter niemals verhalten. Während Regie, Drehbuch und Darstellung bei der Ausgestaltung der männlichen Angststörung überzeugen, ist die Zeichnung dieser weiblichen Figur nicht so ganz glaubhaft.

Und der eigentliche Fall? Sörensen findet heraus, dass es in Katenbüll einen Ring von Kinderschändern gibt. Kopf dieser lokalen Mafia ist der Fleischfabrikant Jens Schäffler (Peter Kurth). Zu den Pädophilen zählte auch das Mordopfer, der Bürger­meister, der nicht davor zurückschreckte, den eigenen Sohn Jan (Claude Albert Heinrich) zu Sexspielen zu zwingen. Um sich von diesem Alpdruck zu befreien, hat der Filius seinen Vater erschossen. Realistisch ist dieses Szenario durchaus.

Alles in allem geht jedoch der Provinzhorror dieses Krimis nicht so wirklich unter die Haut. Die Figur der Mutter Hilda Hinrichs (Anne Ratte-Polle), die über den Missbrauch ihres Sohnes Bescheid wusste, sich dieses Verbrechen jedoch schönredet, vermag ebenfalls nur ansatzweise zu überzeugen. Die Stärken des Films (3,50 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,7 Prozent) konzentrieren sich auf die famose Zeichnung der liebenswürdig schrägen Hauptfigur. So treibt der vornamenlose Sörensen in einer der schönsten Szenen spontan und ohne jeglichen Grund eine Herde Schafe auseinander. Als der Kommissar dabei stolpert und danach auf den Boden sitzt, ist zu sehen, wie eines der Schafe auf die Wiese pinkelt. Dank Momenten von solch skurriler Poesie, die Bjarne Mädel immer wieder gelingen, ist „Sörensen hat Angst“ (Produktion: Claussen + Putz) ein überdurchschnittlicher Krimi mit dem Potenzial zu einer eigenen Reihe.

Der Film lief im Ersten auf dem Programmplatz „Fernsehfilm am Mittwoch“, dessen Starttermin eigentlich 20.15 Uhr ist. Am 20. Januar zeigte die ARD aber um 20.15 Uhr zunächst einen halbstündigen „Brennpunkt“ zur Vereidigung des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Deshalb begann „Sörensen hat Angst“ erst um 20.45 Uhr.

12.02.2021 – Manfred Riepe/MK

` `