Susanne Utzt/Christian Twente: Johannes Kepler, der Himmelsstürmer (Arte)

Auge und Hirn

25.08.2020 •

Seine Werke zählen zu den zehn wichtigsten Wissenschaftspublikationen überhaupt. Zu Lebzeiten erkannte aber niemand seine Bedeutung. Das Doku-Drama „Johannes Kepler, der Himmelsstürmer“ beleuchtet jene wichtigen Jahre um 1600, in denen der Astronom seine Entdeckungen machte, die die Welt grundlegend veränderten. Der 90-minütige Film, der bei seiner Ausstrahlung am 8. August Teil des Arte-Thementags „Die Nacht der Sterne“ war, ist eine Koproduktion von Südwestrundfunk (SWR; federführend), Bayerischem Rundfunk (BR) und Arte in Kooperation mit Czech TV.

Zu Beginn des Films sieht man den Start einer Weltraumrakete. Dazu Sätze aus dem Off: „Die Anfangsbewegung ist für ihn die schlimmste. Denn er“ – gemeint ist der Astronaut in der abhebenden Rakete – „wird gerade so emporgeschleudert, als wenn er, durch die Kraft des Pulvers gesprengt, über Berge und Meere dahinflöge.“ Schnitt zu einem schlafenden Mann, der von einer Mondreise träumt. Es ist Johannes Kepler. Die Träume, die der Mathematiker vor über 400 Jahren als Science-Fiction-Geschichte im Jules-Verne-Stil niedergeschrieben hat, sind nicht nur Schäume. Kepler (1571-1630) hat mit den drei nach ihm benannten Gesetzen die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass man die Flugbahn einer Rakete präzise berechnen kann.

Mit der gelungenen Montage zu Anfang, die den Blick auf die Raumfahrt mit einer nachinszenierten historischen Szene ineinander spiegelt, in der Christoph Bach den Astronomen verkörpert, macht das von Christian Twente inszenierte Doku-Drama „Johannes Kepler, der Himmelsstürmer“ neugierig (Drehbuch: Susanne Utzt). Aus der Sicht der heutigen Zeit, in der naturwissenschaftliche Errungenschaften selbstverständlich geworden sind, blickt der Film zurück in eine Schlüsselepoche der Neuzeit, in der Forscher sich noch in Acht nehmen mussten, um nicht als Ketzer gebrandmarkt zu werden.

Der Film beginnt mit einer Kutschfahrt. Johannes Kepler, der aufgrund seiner protestantischen Überzeugung aus Graz, wo er einen Lehrauftrag für Mathematik hatte, fliehen muss, befindet sich mit seiner ersten Ehefrau Barbara (Lena Drieschner) auf dem Weg nach Prag. Die Kutsche hält, weil die Frau sich übergeben muss. Sie ist schwanger. Die Szene ist – zugegebenermaßen – dramaturgisch plump. Das Reenactment erscheint allerdings nicht ganz so hölzern wie sonst in so vielen doku-dramatischen Formaten.

Man merkt, dass der Film (365.000 Zuschauer, Marktanteil: 1,7 Prozent) sein Thema ernst nimmt. Einigermaßen glaubwürdig verkörpert insofern Christoph Bach die Rolle des jungen Forschers, der im Jahr 1600 nach Prag gerufen wird. Regisseur Christian Twente, der zuletzt das 2018 im ZDF und bei Arte ausgestrahlte Doku-Drama „Karl Marx – Der deutsche Prophet“ mit Mario Adorf in der Hauptrolle realisierte, schlüsselt die komplexe religionsgeschichtliche, politische und wissenschaftshistorische Gemengelage in Prag am Hof von Kaiser Rudolf II. sehenswert auf.

Im Wesentlichen geht es im Film um die schwierige Zusammenarbeit mit Tycho Brahe (Heiko Pinkowski). Der berühmte dänische Sternenforscher, Hofmathematiker von Kaiser Rudolf II., hatte Kepler als Assistenten zu sich gerufen. Brahe möchte, dass der begabte junge Mathematiker ihn bei seinen astronomischen Berechnungen unterstützt. Das Problem: Aufgrund von machtpolitischen Erwägungen vertrat Brahe jenes geozentrische Weltbild, das mit der Erde im Zentrum auch die Souveränität des Klerus stützte. Kepler dagegen war überzeugt vom Heliozentrismus, konnte diese ‘Ketzerei’ aber aufgrund seiner Abhängigkeit von Brahe nicht allzu laut aussprechen.

Interessant ist der Film immer dann, wenn er den Zuschauer durch die Augen der beiden Kontrahenten blicken lässt und dabei auch deren wissenschaftlichen Dissens aufschlüsselt. So hielt Brahe zwar am Geozentrismus fest; als Naturbeobachter war er jedoch einem unverbrüchlichen Wissenschaftsethos verpflichtet. Seine Beobachtungen der Planetenpositionen gelten bis heute als Meilenstein der Exaktheit. Diese Genauigkeit wollte sich aber nicht in sein geozentrisches Weltbild fügen. Erst nach Brahes Tod im Oktober 1601, so die Crux, die der Film detailliert herausarbeitet, konnte Kepler die nach ihm benannten, heute immer noch gültigen Gesetze entwickeln sowie die elliptischen Planetenbahnen entdecken, und zwar einzig und allein auf der Grundlage der Präzision von Brahes akribisch notierten Sternenbeobachtungen – die Kepler aber anders deutete.

Die Mischung aus Spielszenen, die den Hauptanteil der 90 Minuten bilden, und einigen dokumentarisch-erklärenden Passagen, aus den eingespielten Kommentaren von zwei Historikerinnen und aus Computergrafiken überzeugt in diesem Film (Produktion: Gruppe 5). Für Zuschauer mit einem gewissen Interesse für Wissenschaftshistorie wird aber spürbar, dass Brahe und Kepler gewissermaßen zwei Organe eines einzigen Organismus verkörperten: Der dänische Astronom war das Auge und Kepler das Hirn. Die filmische Reise zurück in eine Epoche, in der ein Mathematiker im Umfeld von Horoskopen, Hexenjagden und dem herannahendem Dreißigjährigen Krieg Entdeckungen machte, die rund 400 Jahre später zur Grundlage der Mondlandung werden sollten, hat sich gelohnt.

25.08.2020 – Manfred Riepe/MK

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